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Ränder

Zur Philosophie des Peripheren und Marginalen

 



                                                                      I moved further to the actual edge of the canvas, and I felt that I'd
                                                                                moved to the edge but hadn't fallen off.

                                                                                                                                                          Barnett Newman

 

An die Silhouette eines Waldes denken, an den Saum bewegter Wipfel, die sich im Spiel von Licht und Schatten gegen den Horizont abheben. An den Lichtrand zwischen Tag und Nacht denken und daran, wie sich im Zauber der Dämmerung die scharfen Grenzlinien des Tages mildern und mit ihnen - wie im halb dunklen Park von Mozarts Figaro-Finale - die Forderungen eines Realitätsprinzips der strikten Selbstbehauptung. An den solistischen Akteur des Mundes in Samuel Beckens Bühnenstück Not I denken, an diesen Schlund mit zwei beweglichen Lippenrändern, die Sprache und damit Welt erzeugen, und an die Bilder Barnett Newmans, die mit dem Blitz des Ereignisses vom Rand her ein Überschreiten des Randes ins Werk setzen oder - wie in den 18 Cantos - mit der virtuosen Gestaltung der Ränder die Grenzen und Brücken zwischen Kunst und Empirie ausloten. Daran denken, wie uniform und monoton eine Welt ohne Ränder wäre - Ränder nicht der Hierarchisierung, sondern der Differenzierung: eine randlose Welt gleichsam ohne Passepartout, eine Welt ohne Schattierungen, ohne Konturen, ohne Refugien.

“Surrounded by inevitable white margins”: Barnett Newman, Canto VI

                                             (© ARS, NY and DACS, London 2002)

PERIPHERIE I: ZUFALL UND EREIGNIS

 

Beginnen wir mit einem fließenden Zeitrand, beginnen wir mit den Jahren 1434 und 1440 in einem Jahrzehnt des Übergangs zwischen Spätmittelalter und Renaissance. Als Gil Eanes nach dem Scheitern zahlreicher portugiesischer Kapitäne endlich das Äußerste riskiert und Kap Bojador umsegelt - das Kap des Schreckens, das Tor zum Nichts, den Rand der bewohnbaren Welt -, öffnet dieses Wagnis den Europäern nicht nur den Seeweg nach Indien. Die unwägbare, doch schließlich erfolgreiche Fahrt ins Ungewisse entkräftet zugleich auch jenes angst- und tabubesetzte "Nein", das den Bann des "Kaps Non" und seines "Ch'il passa ritorna no" Jahrhunderte lang am Leben hielt. Erst jetzt wird die Drohung, dass, "wer Kap Bojador umfährt, niemals wiederkehrt", durch die Überwindung einer verbotenen Randzone selbst zu einer marginalen Legende. Sechs Jahre später dann, 1440, eine weitere kühne Entgrenzung, als Nikolaus von Kues in seiner Docta ignorantia den mittelalterlichen Kosmos und dessen akribisch gestufte Architektur der Zentren und der Ränder in ein randloses, unbegrenztes Universum auflöst, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends liegt. Von nun an weicht die hierarchische Statik des schoscholastischen Weltbilds samt ihrer Trennung von Himmel und Erde einer Dynamik gleichrangiger Relationen ohne das Privilegierungsgefälle von Mitte und Rand.

     Freilich werden solche frühen Lockungen des Randes und seine Überschreitungen samt den Verflüssigungen und Entkernungen im Regelwerk der Zentren und der Peripherien immer noch von einem soliden Grund getragen. Immer noch bleibt die Bürgschaft für den Ausgleich aller kosmischen und weltlichen Spannungen die Idee eines Gottes, der als die Summe aller Bewegung die absolute Ruhe ist: allgegenwärtiges Zentrum und unendliche Peripherie jenseits jeder Unterscheidung von Mitte und Rand. Und zweifellos war jener unfassbare, wenngleich omnipräsente Gott, der noch bei Nikolaus von Kues das Spiel mit sich und der Welt über das Wunder der "Einfaltung" und der "Ausfaltung" in sich birgt, im Traditionsgeflecht des christlichen Abendlands eine der mächtigsten Integra-tionsinstanzen. Dennoch: Mag auch das theologische Weltfundament noch für geraume Zeit alle exzentrischen Exkursionen sichern, die Erkundung der Ränder bei Eanes und Cusanus kündigt bereits massive Verwerfungen in der Kartographie gewohnter Grenzen und Schranken an. Wie sehr sich indes die Säkularisierung des Diesseits und die Faszination, schließlich die Emanzipation der Ränder wechselseitig bedingen, wird zu einem Charakteristikum der Neuzeit.

     Ränder schließen ein, Ränder schließen aus. Indem sie trennen und verbinden, geben sie Kontur. Kultur selbst lässt sich als eine Chronik der Grenzziehungen und Markierungen lesen. In ihr bedeuten Ränder Zonen, die stabilisieren, indem sie separieren und hierarchisieren. Insbesondere jede Systembildung - ob theoretisch-begrifflicher oder praktisch-politischer Art - organisiert mit ihrer deduktiven oder induktiven Entfaltung oberster Prinzipien und Repräsentanzen eine Rang- und Randfolge an Stufungen. Je optimaler in solchen Vermittlungsgefügen der Rand integriert ist, umso stärker und tragfähiger das System, je stärker und tragfähiger das System, umso nichtiger der Rand. Aus diesem Grund haben sich Ränder in geschlossenen Systemen stets als eingemeindete Ausläufer der Mitte zu verstehen, die vom Wesentlichen des Zentrums aus leicht im Unwesentlichen verschwinden.

     Doch nur was als Rand erfahren wird, kann als Rand erkannt werden. Nicht selten handelt es sich bei diesen Erkenntnissen um Ränder, die von weither kommen, um Ränder mit einer ebenso langen wie geheimnisvollen Inkubations- und Karenzzeit. Eine dieser Peripherien mit hoher Anziehungskraft betrifft die über Epochen gebändigte Randzone von Zufall und Wahrscheinlichkeit. Vom Beginn des griechischen Denkens an versuchten eine Philosophie und später eine Theologie im Namen des Absoluten - zuletzt im Verbund mit der Physik und Mathematik eines Galilei und Newton - die Risse der Kontingenz im Weltgefüge zu glätten und abzudichten. Zufall und Zufälliges galten von der Vollkommenheit jeder göttlichen oder gottähnlichen Substanz her als defekte Phänomene am Rand, defekt allerdings nur, sofern sie die kausale Intelligenz des Menschen überforderten, dem Schöpfungsplan selbst jedoch stringent und sinnvoll eingebunden blieben. Leibniz’ Satz vom zureichenden Grund und sein Gesetz der Kontinuität - "La nature ne fait jamais des sauts" -, dem zufolge die Natur keine Sprünge macht, oder Spinozas Theorie vom Zufall als einem verstan-desbedingten "Nicht-Wissen" und einem "Asyl der Unwissenheit" spiegeln die Idee einer Welt, die den Rand des Unberechenbaren vom Zentrum einer gottgegebenen Ordnung her bricht und annektiert.(1) Denn "in der Natur der Dinge gibt es nichts Zufälliges, vielmehr ist alles aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt."(2)

     Gleichwohl wird gerade um die Mitte des 17. Jahrhunderts - eines Jahrhunderts der Mathematik und eines Jahrhunderts im Zeichen eines weltflüchtigen Gottes - der Sog von den Rändern des Zufalls und dessen Gesetzmäßigkeiten her spürbar, vor allem in den Diskussionen Blaise Pascals und Pierre de Fermats über das Würfel- und das Teilungsproblem, über das Problem kalkulierbarer Gewinnchancen beim Glücksspiel also. Mag es in Anbetracht des Dämons aus Laplaces Essai philosophique sur les probabilités von 1814 und seiner These von der totalen Berechenbarkeit der Welt und des Kosmos ruhig noch einige Zeit dauern, bis der Kausalbegriff des Determinismus auch in seinen physikalisch-mathematischen Varianten porös wird: Von seiner theologischen Bevormundung und Einbindung emanzipiert sich der Randbezirk der Kontingenz bereits seit jenen Anfängen der Wahrschein-lichkeitsrechnung, die die Deutungsmacht der göttlichen Vorsehung partiell durch eine Art weltlicher Prophetie zu entzaubern begannen, nämlich durch die weltliche Prophetie statistischer Prognosen. Zu groß war die Faszination - etwa in Bernoullis Ars coniectandi von 1713 - die Trennschärfe des Randes zu erkunden, der zwischen Zufall und Notwendigkeit verläuft.

     Sobald indes das Zufällige und Wahrscheinliche die Anrüchigkeit provokanter Randzonen verlieren, an deren Einbürgerung sich die Philosophie von Parmenides bis Hegel abgearbeitet hat, gilt der Zufall keineswegs mehr als ein Putsch des Chaos gegen die Ordnung der Vernunft und schon gar nicht mehr als ein Aufstand des diabolischen Randes gegen die göttliche Mitte. Im Gegenteil: Das Unberechenbare und Unverfügbare wird zu einem Horizont der Öffnung und der Verwandlung, um schließlich im Denken des "Ereignisses" in den Rang eines Mediums der Befreiung von alten Denk- und Weltschablonen aufzusteigen. Basiert doch der durch Nietzsche initiierte Übergang der Philosophie vom Begründungs- zum Ereignisdiskurs auf der Erkenntnis, dass die als universal geltenden Gründe der Logik die Ordnung der Dinge nur fragmentarisch und verzerrt repräsentieren, solange sich "Grammatik und Logik […] die Welt schaffen", in der sie a priori "recht haben"(3). Einen Denker wie Heidegger schreckt darum weit mehr das Fundament des Grundes als der Rand des Abgrunds. Zumal der Abgrund zwar "Versagung des Grundes" bedeutet, "Versagung aber […] nicht nichts" ist, "sondern eine ausgezeichnete ursprüngliche Art des Unerfüllt-, des Leerlassens, somit eine ausgezeichnete Art der Eröffnung".(4) Offenheit als abgründige Leere wird für Heidegger zum Möglichkeitsraum inmitten einer von der Vergötzung des Seienden bedrängten Welt und ihrer auf der Basis des Satzes vom Grund organisierten rational-rationellen Begründungstotalität. Erst wer den Rand des Abgrunds gegen die Normen einer "seinsvergessenen" Welt überschreitet, gelangt in den "Zeit-Spiel-Raum" der Gelassenheit.

Zwischen Ordnung und Unordnung: am Rand der Entropie

                               (© www.physik.uni-kassel.de/typo3)

Peripherie II: Endlichkeit und Entropie

 

Mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik - popularisiert zu der Version, Wärme könne nicht von selbst, sondern lediglich unter Energieaufwand von einem kalten zu einem warmen Körper fließen -, wird über das Faktum der Irreversibilität das Bewusstsein der Endlichkeit auch in der Physik akut. Dass Wärme nicht vollständig und ohne Einbußen in Arbeit umgewandelt werden kann, der thermische Kreislauf vielmehr mit Abwärme- und Reibungsdefiziten durchsetzt ist, dass mit diesen Defiziten die Entropie, also die Tendenz zur Unordnung, zum Informationsverlust und zur Unumkehrbarkeit energetischer Prozesse in frühere Ordnungsstadien und -strukturen zunimmt - bis hin zum energie losen Gleichgewicht der Zersetzung aller Ränder und Zentren: Solche Erkenntnisse sensibilisieren für Randbedingungen, die vormals allzu leicht ignoriert oder harmonisiert wurden, das heißt für die Lücken und Spalten, für die Löcher und Brüche vermeintlich energiekonstanter Systeme.(5) Vorbei der Traum von der unerschöpflichen Effizienz eines Perpetuum mobile zweiter Art und eines endlosen Recyclings der Energien. Die Zeitsymmetrie der klassischen Physik, folglich die Symmetrie umkehrbarer Prozesse nach dem Referenzmodell des Pendels, erfährt ihre Brechung und mit ihr die Unabhängigkeit mathematischer Gleichungen von der Richtung der Zeit.

     Generell verlieren im Lauf des 19. Jahrhunderts selbstgenügsam und zeitresistent in sich kreisende Systeme ihre Immunität, indem sie von den Randzonen her in Bereiche des Unkalkulierbaren auszu-fransen beginnen. Von nun an sind vielschichtige Strukturen nicht mehr ohne chaotische Anteile zu begreifen. War Zeit in der Disziplin der klassischen Logik eine Meisterin der argumentativen Scheidekunst, wird Zeit in den offenen Systemen der Moderne zu einem Medium des plötzlichen Auftauchens und Verschwindens von Symmetriebrüchen und Synergieeffekten. Als Wirkung indeter-minabler Randbedingungen treten minimale Fluktuationen an die Stelle kausaler Großereignisse, mehrdeutige und instabile Phasen an die Stelle kompakter Kraftfelder. Von nun an ist mit Komple-xitäten zu rechnen, die infolge geringster Schwankungen kollabieren können, durch "Schwankungen am Rand", so der Titel von Helmut Lachenmanns Musik für Blech und Saiten, der wie eine Leitme-tapher der Gegenwart klingt.

     Brüchig wurden die physikalischen und mit ihnen die theologischen und philosophischen Systeme freilich erst, als mit dem Schwinden der ausgleichenden Instanz eines Deus absolutus der Druck und die Unruhe der Ränder stärker wurden. Sei es in der Philosophie die auf Daseinspräsenz drängende, ideell nicht zu beruhigende Sorge der leibsinnlichen Existenz, sei es in der Physik der Gedanke des unumkehrbaren Zeitpfeils. In beiden Fällen ist es der Einspruch von Zeit und Natur, der sich weder begrifflich noch spirituell eindämmen lässt. Während die meisten Großsysteme selbst noch bei Newton oder Hegel unter einem hintersinnigen und geheimen göttlichen Patronat standen, ließ gerade der Entzug des theologischen Regulativs deutlich werden, wie sehr sich die Einheit der Systeme auf eine Dämpfung von Randgrößen gestützt hatte, die die Konsistenz des Systems erst ermöglichte, aufgrund der Konsistenz des Systems aber als ebendiese Dämpfung dem Blick wiederum entzogen blieb.

     Mit dem Vordringen ehemals verdrängter Rand- und Störungsgrößen wird eine weitere, über Epochen durch theologische, philosophische und mathematische Ewigkeitsversprechen beruhigte Dimension des Randes brisant: die der Endlichkeit. Endlichkeitsfähig werden, die Zerbrechlichkeit des Körpers und mit ihr die eigene Sterblichkeit einlassen, um gnädig sein zu können mit sich, der Welt und den Dingen: auch darauf verweist die Erfahrung des Randes und ihre Botschaft, dass die Konstanz der Mitte eher die Ausnahme als die Regel ist und die Rede von Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit eine sprachliche Hypertrophie. Würde eine Welt mit der Physiognomie des Vergänglichen und ohne jede Art von Jenseitsstaffagen gegenüber den metaphysischen Überforderungen und Demütigungen nicht ein menschlicheres Antlitz zeigen? Möglicherweise sind es deshalb gerade zahlreiche metaphysik-kritische Werke der Neuen Musik, die die Spur des Todes nicht mehr nur als ein programmmusika-lisches Sujet in die Kompositionen einlassen, sondern in der Struktur selbst verankern. Und dies über eine entschiedene Wirksamkeit der Ränder, sei es infolge von Lecks oder Leerstellen, die die Werke gleich einem Rauschen durchqueren, sei es infolge einer Überdeterminierung durch variable Formen oder hohe, etwa zufallsbedingte Kompositionsdichten, die - meist selbst am Rand des Spiel- und Wahrnehmbaren - oft genug jedes prophetische Hören, jedes gesicherte Voraus- und Zurückhören enttäuschen und mit ihm jede Illusion einer musikalisch gewährten Unsterblichkeit.

     Mit welch disziplinierender Emphase die Endgültigkeitsansprüche der Metaphysik und die theologische und philosophische Autarkie abstrakter und idealer Substanzen - angefangen von der Idee des Guten und derjenigen Gottes - die Besonderheiten und Einmaligkeiten der Conditio humana zur materiell-naturhaften, ja sündigen und hinfälligen Rand- und Verfallszone des Lebens abgewertet hatten, wurde spätestens seit Diderot und der französischen Aufklärung bewusst. Wobei das Gedächtnis dieser Autarkie - nicht anders als das Gedächtnis der Physik - auf dem Gesetz von der Erhaltung der Energie gründet, im Fall der Metaphysik auf der des Geistes. Wie sehr dieses Energiegesetz als eines der Mitte und der Steuerung für die Geschichte des Denkens bestimmend ist, belegt die Philosophie Hegels, die sich weltumfassend zur absoluten Idee ausdifferenziert, ohne dass die Arbeit des Begriffs je an Kraft verlöre oder von den Rändern, das heißt von der Not der Empirie her an sich selbst irre würde und ermüdete. Während Hegels Welttheater des absoluten Geistes noch den Rand der Thesen und Antithesen reibungslos in die Mitte der Synthesen und die Mitte der Synthesen wieder in den Rand der Thesen und Antithesen verwandelt, wird ein lückenloser Begriffsreigen solcher Fasson bereits bei Kierkegaard und Nietzsche zu einem marginalen Sonderfall im Gewebe jener Diskurse, die die Existenz und das Leben schreiben.

     Vielleicht ließe sich deshalb vom Niedergang des metaphysischen Denkens her die Moderne und ihr Gespür für die Ränder als ein Eindringen der Empirie in ideale und idealisierte Weltkonstruktionen beschreiben, inklusive der Verabschiedung einer Ordnung, deren Mitte lange Zeit Gott und Logik als die zentralen Sinngaranten besetzt hielten. Und vielleicht ließe sich die Begriffsliste zur Ortung der Moderne ebenso schlüssig durch den Gegensatz von Gott und Entropie, von Mitte und Rand erweitern: Gott als der Name für die zeitlos und in alle Zeiten ausgreifende, unendlich sich differenzierende, schöpferische Mitte und Substanz aller Substanzen mit dem Versprechen von Jenseits und Unsterblichkeit; die Entropie dagegen als ein Maß der Moderne für den drohenden Sog zum Energie- und Informationskollaps einer hochgradig vernetzten und ressourcenabhängigen Welt am Rand ihres rasenden Stillstands, einer Welt zudem der Irreversibilität, der Vergänglichkeit und des puren Diesseits.

 

 

Peripherie III: Unschärfen des Sinns

 

Erfahrung von Rändern heißt in der Moderne vorzugsweise ein Ernstnehmen von Mikrostrukturen mit Blick auf deren makrostrukturelle Konsequenzen. Namentlich seit den Forschungen der Chaostheorie ist bekannt, welche gravierenden Turbulenzen bereits geringfügige Störungen und Abweichungen in den Ausgangspositionen eines Systems zur Folge haben. Wie machtvoll sich Randbedingungen potenzieren können, lässt sich bereits bei Beethoven und Hegel studieren. Bei ihnen präsentieren sich die Ränder in Form von nichtigen oder beiläufigen Ton- respektive Begriffsmotiven geradezu methodisch als unscheinbare Minimalenergien mit maximalem Steigerungspotenzial. Und welche selbstorganisierenden Kräfte die Fluktuation offener Systeme von ihrem instabilen Rand her erzeugen kann, haben vornehmlich Ilya Prigogines Arbeiten über "dissipative Strukturen" gezeigt. Dass nicht-lineare Systeme im Fluss ihrer Dissipation, das heißt ihrer Streuung und Zerstreuung von Energie, den Grad der Unordnung verringern und einen höheren Grad der Organisation erreichen können, hebt die gewohnte Regelfolge von Ursache und Wirkung, genauer: die Regelfolge des energetischen Reper-toires von Ordnung und Chaos, von Zufall und Notwendigkeit auf.

Fraktale Dimensionen. Der krause Rand der als „Apfelmännchen“ bekannten Mandelbrot-Menge erweitert sich bei beliebiger Vergrößerung zu immer neuen, selbstähnlichen Formen.   (© www.aladin24.de/chaos)

Es sind zumal die krausen und bebenden Ränder der Fraktale, deren selbstähnliche, auf Brüchen basierende und nicht präzis messbare Dimensionen die euklidische Geometrie der rechten Winkel und Kreise an ihre Grenzen bringen und die organische Vielfalt der Natur rehabilitieren. Sind doch "Wolken […] keine Kugeln, Berge keine Kegel, Küstenlinien keine Kreise. Die Rinde ist nicht glatt - und auch der Blitz bahnt sich seinen Weg nicht gerade."(6) Auch hier also lassen feinste Segmente des Übergangs tradierte Oppositionen wie die von Struktur und Desorganisation ins Leere laufen. Das Unregelmäßige und das - Euklid zufolge - Formlose heben sich endlich vom Rand des Unvollkommenen auf das Niveau einer neuen "Morphologie des >Amorphen<"(7) und ihrer freien Komplexität, etwa der des deterministischen Chaos.

     Kein Zweifel: In der Wahrnehmung von Rändern liegt eine Epochensignatur der Moderne, vor allem in der Wahrnehmung von Sinnrändern, insbesondere von Sinnrändern metaphysisch vorent-schiedener Weltexegesen. Seit Nietzsche wird daher die Sprache als begriffliche Repräsentanz der Metaphysik, ja als die wortgewordene Metaphysik selbst zunehmend von der argumentativen Deutungsmitte der zweiwertigen Logik und der dualistischen Weltinterpretation entlastet. Später radikalisieren Derridas dekonstruktive philosophische "Randgänge" die Metaphysikkritik Nietzsches und Heideggers, indem sie in den Diskursen etwas Grund- und Bodenloses aufbrechen lassen. Wenn sich nämlich jedes Zeichen und jedes Wort, um Zeichen und Wort zu sein, nur durch Trennung und Zäsur von und zu allen anderen Zeichen und Worten etablieren kann; wenn somit die referentielle Lücke, die "différance", dem Text immer schon vorausliegt, ohne selbst als ontologischer Ursprung und Grund greifbar zu werden, eben weil sie einzig vom Ensemble der Zeichen erzeugt wird: Welches Zeichen, welches Wort könnte in der Textur der Trennungen und Bündnisse dann noch das erste sein? Und wo läge in einem solchen Textgewebe die Mitte? Kreieren die differenziellen Unterscheidungen, Verwei-sungen und Aufschübe der Textur nicht eine endlose Faltung der Trennungen und Bündnisse, die jede Mitte umgehend in ein Gebiet des Randes verwandelt? Sobald jedoch der Begriffszauber der Texte auf den Abgrund des Sprachlosen hin durchlässig wird, zeigen jedes Urteil und jede Argumentation zumindest die Spuren einer rhetorischen Attitüde. Abgesehen davon, dass in jedem Akt der Dekon-struktion aufgrund seines eigenen dekonstruktiven Impulses erneut der Zeitkern des Marginalen und des Randes aufbricht, der keine Ankunft im Prinzipiellen zulässt und alle fundamentalistischen Ambitionen ad absurdum führt.

     Gleichzeitig wird im Formenkreis der Dichtung seit den Tagen Mallarmés die Sprache zerkaut, bis ihre Sinnfasern sich ausdünnen und das Unverständliche im Verständlichen der Worte und Sätze aufscheint: in einer Art Probebohrung in den Sprachgrund der Sprache selbst. Das Werden und Vergehen dieses Sprachgrunds über die Andeutung und den Entzug von Sinneffekten auszuloten, darauf kommt es an. Was ist Sinn, wenn im Rauschen der Silben der Grund der Sprache als Abgrund fühlbar wird? Wo ist Innen, wo ist Außen? Wo Rand, wo Mitte? Zugleich transformieren solche Entre-gelungen den semantischen Gehalt der Sprache poetisch und musikalisch zu einer neuen Qualität des Ausdrucks. Wenn die Ränder der Sprache - etwa die der syntaktischen Destruktion - das Weltgebäude der Logik mit Rissen durchziehen, wenn der Deutungsanspruch der Worte zur puren Klangspur zerfällt und mit ihm ein Stück Realitätsprinzip, das sich im Regelzwang der Grammatik verbirgt, dann setzt erst dieses Dekomponieren die physiologischen, phonetischen und gestischen Ausdruckselemente der Sprache frei. Indem Sprache zum Laut, zum Schrei, zum Atemgeräusch wird, durchbricht sie ihre urteilszentrierte Sinnmitte und damit die Demarkationslinie zur Musik in einem Randgebiet der Überschneidung. Und dies mit einer für weite Bereiche gegenwärtigen Komponierens verführerischen Attraktivität.

     Schon seit der mechanisch-mathematischen Beschleunigung der Welt und ihrem Echo in der Infinitesimalrechnung wird im Segment des Randes weniger ein Areal der Abgrenzung als vielmehr ein Zustand der Dynamik erkannt. Ränder können von nun an zu Stadien des Grenzwerts werden, gegen null laufend, jede kleinstmögliche Zahl unterbietend, ohne sich doch - stets größer als Null - auf null einebnen zu lassen. In der Moderne schließlich beginnen Ränder als Zonen der Mischung, der Inter-ferenz und der Schwebe zu faszinieren. So, wie sich auch in zahlreichen Werken der Neuen Musik und Malerei Rand und Ränder zu Margen nicht zwischen, sondern von Nichts und Sein, von Entstehen und Vergehen, von Abwesenheit und Anwesenheit ausformen, zu Übergängen mithin, die sich einer exakten Zustandsfixierung entziehen. Überdies verwischen sich jetzt nicht nur die Grenzlinien zwischen Sprache und Musik oder die zwischen Philosophie und Literatur. Die Sprache selbst - neben der der Dichtung auch diejenige einer Philosophie des Ereignisses - beginnt von ihrem aussagelogischen Sinnrand her auf eine Weise zu oszillieren, die sich dem moralisch gefärbten Dualismus des Rationalen und Irrationalen entzieht. Und dass, entgegen der bivalenten Logik des Entweder/Oder, die Fuzzylogik als eine krause Logik von Näherungswerten - also von Aussagewerten wie "ziemlich", "fast" oder "kaum" - der Tendenz zum Mehrdeutigen und Unscharfen und dessen eigenwilliger Präzision ihre Karriere verdankt, ist bekannt.

     Immer öfter und auf unterschiedlichen Gebieten lassen sich Randzonen entdecken, die - wie im Fall des deterministischen Chaos - nicht mehr nach ihren konstruktiven und destruktiven, nach ihren statischen und dynamischen oder sonstigen konträren Anteilen zu polarisieren sind, sondern in einer wechselseitigen Durchdringung vielfältiger Wirkungen vibrieren. Die erkenntnistheoretische Polari-sierung zwischen dem hellen Tag des Wissens und der dunklen Nacht des Unwissens, zwischen Klarheit und Willkür, weicht der Dämmerung einer Rand- und Schwebezone des Vieldeutigen, man könnte auch sagen: des wissenden Nichtwissens, das schon für die Docta ignorantia des Nikolaus von Kues von Belang war. Wahrheit versteht sich immer mehr als ein plurales Grenzwertgebilde, als eine fragile und flüchtige Kreuzung mannigfaltigster Ideen. Von nun an unterliegt jeder Gedanke, mag er sich im Augenblick seiner Entäußerung auch noch so sehr als das Zentrum der Welt begreifen, dem durchschnittlichen Rang einer mehr oder weniger gewichtigen Marginalie zum Lauf der Welt mit individuellem Verfallsdatum. Und doch offenbart sich darin weniger eine Katastrophe der Vernunft als eine Abrüstung der Arroganz des Geistes.

Max Bills Granit-Koloss Kontinuität in Form eines doppelt gewundenen Möbiusbandes vor der Deutschen Bank in Frankfurt am Main                (© www.math-inf.uni-greifswald.de/koloss)

Peripherie IV: Randgänge

 

Erinnern wir uns an das "Ch’il passa ritorna no", das dem "Kap Non" zum Namen wurde: "Wer Kap Bojador umfährt, kehrt niemals wieder!". Heute scheint uns eher die Wiederkehr zu ängstigen, die alltägliche Wiederkehr des Gleichen in einer Art Leben aus zweiter Hand. Wird Leben unter dem Diktat des Funktionellen nicht allzu leicht zu einem Déjà-vu von Schablonen, zu einem Gefühl des Leerlaufs in bleierner Zeit? Liegt darin womöglich die gegenwärtige suggestive Macht des Möbiusbandes? Eines Bandes mit nur einem Rand, das in endloser Folge Innen und Außen ineinander übergehen lässt und sich darum wohl exemplarisch zum zeitgemäßen Sinnbild einer hohlraumversiegelten, diffusen und leeren Innerlichkeit und eines einsamkeitsgespeisten Narzissmus eignet, nicht zuletzt zu einem gleich-nishaften Kürzel vom Dasein in der Endlosschleife?

     Vom Alptraum ständig in sich zurücklaufender Erlebnissequenzen her provoziert auch Max Bills Frankfurter Granit-Koloss vor den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Form eines steingewor-denen, doppelt gewundenen Möbiusbandes die Frage, worauf denn der Titel "Kontinuität" dieses Monoliths anspiele. Sollte damit das in sich verschlungene Kontinuum eines unaufhörlichen "Immer-weiter-so" gemeint sein? Folglich der Lauf einer monetär vereidigten Welt, der die Eindimensionalität ihrer Ökonomie die Normen des Profits und der Akkumulation aufnötigt und alle in Geiselhaft nimmt? Und der Granit-Koloss selbst? Changiert er nicht zwischen Triumph und Menetekel?

     Wege ohne Ziel und Mitte müssen sich freilich keinesfalls in den lebensmetaphorischen Loops von Möbiusbändern verlieren. Auch nicht in einer Gesellschaft, in der die Rede von den Randgruppen und Randzonen, von den Grenzerfahrungen und Grenzverletzungen, von den Bannmeilen und Banlieues und schließlich die vom Borderline real und illusorisch zugleich ist, weil sie eine Mitte beschwört, die sich im engmaschigen Netz der Globalisierung in eine Welt ohne stabile Zentren und klare Peripherien aufzulösen beginnt, vergleichbar einem säkularisierten cusanischen Universum, in dem jeder Punkt Mitte und Umfang zugleich zu sein vermag.(8)

     Längst sind Positionen, die strikt nach Mitte und Rand, nach Norm und Regellosigkeit, nach Wahrheit und Irrtum trennen, unhaltbar geworden. Zudem, ob Gott, Subjekt oder Staat - gleichviel welches zentralistisch hierarchisierte Zentrum: Wie gewaltsam der Extremismus der Mitte sein kann und mit welcher Rigorosität er seine Forderungen durchsetzt, lässt sich am besten von den Rändern her erkennen. Nicht umsonst reagiert die Eingemeindung der Ränder durch die Mitte auf eine Situation der Bedrohung. Auch wenn der Rand, der margo, um auf das lateinische Stammwort zu rekurrieren, Marken setzt und Margen zieht: vom Zentrum her wird er den Makel des Abseitigen und den des Unkontrollierbaren und Aufständischen nicht los. Versagt sich nicht, was sich an der dunklen Peripherie zuträgt, dem Licht des Zentrums? Und wurden Monarchien nicht stets vom republikanischen Rand aus gestürzt? Und doch ist es vom Anarchischen der Peripherie her kaum verwunderlich, dass mit dem Aufkommen der Massengesellschaft das Abseitige des Randes oft genug die Qualität des Exklusiven annimmt. Nicht mehr zum Durchschnitt der Menge zu gehören und die "Diktatur" des "Man"(9) zu sprengen, wird zum Habitus des Heroischen und Exzentrischen. Und während der gesunde Menschenverstand der Mitte den Exzentriker zur Randexistenz eines Sonderlings erklärt, spricht John Stuart Mill dem "eccentric" höchste Charakterstärke zu: als Widerpart gegen die "Tyrannei der Mehrheit". Liegt doch die "Hauptgefahr unserer Zeit […] darin, dass heute so wenige Menschen wagen, exzentrisch zu sein".(10)

     Ob somit die Randgänge ohne Ziel und Mitte noch die einzigen sind, die ins Offene führen, die insbesondere uns randständige Wesen ins Offene weisen können, uns, die wir - wie in Hölderlins Hyperion - "zerfallen mit der Natur" das "Seyn, im einzigen Sinne des Worts, verloren" haben und daher "alle eine exzentrische Bahn durchlaufen" müssen?(11) Dass allerdings die Figur des Exzen-trischen in Hölderlins gattungsgeschichtlichem Entwurf auf die "Schönheit" und damit auf die Entlastung von einer schweren Bürde setzt, auf die Entlastung von der Bürde der Weltregie des Subjekts und seiner Imitatio Dei nämlich, hat etwas Tröstliches: als würde uns die Natur selbst von den Rändern der Endlichkeit her überreden, von jener gottererbten Ambition des Homo oeconomicus abzulassen, die unter dem Dogma von Wachstum und Steigerung eine global überdrehte Arbeit der gnadenlosen Optimierung und Vernutzung aller Ressourcen in Gang hält. Nicht zufällig steht lêxis, das altgriechische Wort für Rand, speziell bei Aischylos auch für Ende und Tod. Antworten deswegen vielleicht auch die Malerei und Musik der Gegenwart auf diesen Souveränitätszwang der Allwissenheit und Allmacht mit der Magie jener transsubjektiven Ränder, die die geplante Konstruktion immer wieder zugunsten selbstorganisatorischer und aleatorischer Qualitäten zurücknehmen? Als wollten sie bekunden, dass das Abrücken von der Ich-Regie und das Zulassen von Zufall und Erschöpfung, von Desorganisation und Vergänglichkeit immer auch ein Stück weit jenem energetischen Imperativ Paroli bieten, der die Welt in Atem hält? Und wäre diese Lektion zur Abrüstung des willens- und arbeits-energetischen Hochleistungssolls nicht auch eine gewichtige Einsicht im Umgang mit Rändern und Peripherien? Zumindest solange es sie noch gibt? Aber auch das sei nur am Rand vermerkt.

 

 

 

Anmerkungen

 

  1  Vgl. Gottfried Wilhelm Leibniz, Nouveaux Essais sur l’entendement humain, Paris 1886, S. 46f., sowie Baruch Spinoza, Ethik, Stuttgart 1977, S. 100.

  2  „In rerum natura nullum datur contingens, sed omnia ex necessitate divinae naturae determinata sunt.“ Spinoza, Ethik, S. 72f.

  3  Michel Serres, Die fünf Sinne, Frankfurt/Main 1993, S. 259.

  4  Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), Frankfurt/Main 2003, S. 379.

  5  Zum Problem der Entropie aus kulturwissenschaftlicher Sicht vgl. Johannes Bauer, Traduttore traditore? Übertragen, umwandeln, entwerfen, in: 

     Sabine Sanio / Christian Scheib (Hg.), Übertragung - Transfer - Metapher. Kulturtechniken, ihre Visionen und Obsessionen, Bielefeld 2004, S. 258ff.

  6  Benoît B. Mandelbrot, Die fraktale Geometrie der Natur, Basel 1987, S. 13.

  7  Ebd.

  8  Vgl. dazu Johannes Bauer, Telesupervision. Marginalien zur medialen Welt, in: Zeitschrift für kritische Theorie, Heft 3, 1996, S. 81ff.

  9  Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1979, S. 126.

10 John Stuart Mill, Über die Freiheit, Hamburg 2009, S. 95. John Stuart Mill, On Liberty and other Essays, Oxford University Press, New York 1991,

      S. 75. “That so few now dare to be eccentric, marks the chief danger of the time.”

11 Friedrich Hölderlin, Vorstufen zum Hyperion, Darmstadt und Neuwied 1984, S. 162f.

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