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- Johannes Bauer, Fragment/Torso. Modelle des Offenen in der Neuen Musik
Fragment Torso Bruchstück Neue Musik - Modelle des Offenen DeutschlandRadio Berlin (2004) Bspl. 1: Luigi Nono, Fragmente – Stille, An Diotima für Streichquartett (LaSalle Quartett) A «Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.» B In der Götzen-Dämmerung hat Nietzsche formuliert, was rund 90 Jahre zuvor mit der frühromantischen Kritik an Vermittlung und Mitte, an Zentrum und Zentralismus die Geschlossenheit von Sinn und Form auch im Bereich der Ästhetik zu brechen begann. System und Organismus wurden als Totalitätsfantasien auf ihre Abwehrmanöver dem gegenüber durchschaut, was anders war als die Synthese einer runden Einheit, nachdem Hegel zum letzten Mal und gleichsam ex cathedra das Ideal des Ganzen gegenüber der Vereinzelung der Teile zum Vollkommenen aufgewertet hatte. Auch Hegel konnte die Emanzipationstendenzen des Einzelnen gegenüber dem lückenlosen Diskurs der Vermittlung nur als Putsch des Partikularen und mit Symptomen des Verfalls und der Krankheit diagnostizieren. Doch rügt bereits Friedrich Schlegel an der «schlechthin verwerflichen [...] systematischen Form», sie halte zu unnachgiebig am «fixierten ð¢í » fest, an der «beharrenden Endlichkeit» also, und verhindere damit die Verflüssigung zum Offenen. Und Hölderlin, von dem sich Luigi Nonos Streichquartett Fragmente – Stille. An Diotima inspirieren ließ, greift zur gleichen Zeit den Starrheits- und Herrschaftsvorwurf gegenüber monistischen und monotheistischen Hierarchiemodellen auf, wenn er fordert: A Es ist die «erste Bedingung alles Lebens und aller Organisation, dass keine Kraft monarchisch sei im Himmel und auf Erden». Bspl. 2: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Wann und warum aber wird der Gedanke des Fragments virulent? Und vor allem: was war zerbrochen und was sollte gebrochen werden? Es ist kaum verwunderlich, dass die Begriffe vom «Bruchstück» und vom «Fragmentarischen» zentral in einem Initialtext der frühen Moderne aufscheinen, nämlich in Schillers Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795. In einem Text also, der darauf reagiert, wie sich inmitten zunehmend unberechenbarer Konkurrenz- und Marktdiktate die Ideen von humanem Fortschritt und mündiger Gesellschaft zu entzaubern beginnen. Dass mit dem Konkurs jener transhistorischen Vernunft, in der alle Einzelsubjekte sich bespiegeln konnten, Kontinuität in die isolierten Eigenzeiten des Ichs, seine Fantasien und Gegenwelten, und in die Zeit des funktionalistischen Weltgetriebes zerbricht, sieht Schiller mit illusionsloser Schärfe. Er vergleicht den modernen Staat mit einem «kunstreichen Uhrwerk», A «wo aus der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile ein mechanisches Leben im Ganzen sich bildet. Auseinandergerissen wurden jetzt der Staat und die Kirche, die Gesetze und die Sitten; der Genuss wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft. Aber selbst der karge fragmentarische Anteil, der die einzelnen Glieder noch an das Ganze knüpft, hängt nicht von Formen ab, die sie sich selbsttätig geben [...], sondern wird ihnen mit skrupulöser Strenge durch ein Formular vorgeschrieben, in welchem man ihre freie Einsicht gebunden hält.» B Natürlich schreibt sich Schillers Diagnose im Zeichen des Verlusts vom Organismusgedanken der griechischen Antike her. Wie groß deshalb die Differenz seines Urteils zu Fragmentreflexionen des zwanzigsten Jahrhunderts ist, verdeutlicht George Batailles nietzscheanisches Credo in L´Expérience intérieure : A «Sich nicht mehr als ganzen wollen ist für den Menschen das höchste Ziel (...), befreit (...) vom Bedürfnis, nach dem Vollkommenen zu schielen». B Endgültig verdächtig geworden waren inzwischen die Totalisierungs- und Rundungsgesten mit ihren Sicherheitsrenditen und Risikoverweigerungen – hieß das Risiko nun Zufall, Verausgabung, Chaos oder Subversion. Und es ist gerade die Kunst der Moderne, die diese Desillusionierungsarbeit forcieren wird. Bspl. 3: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Frangere: brechen, zerbrechen, aufbrechen – aus dem Ganzen ausbrechen. In Luigi Nonos Streichquartett bedeutet Fragmentierung die Sprengung eines die Jahrhunderte hindurch geschlossenen, durch und durch vermittelten musikalischen Diskurses und bezieht sich darin auf Hölderlins Unterhöhlung der hypotaktischen Syntax und ihrer Folge-Hierarchie von Haupt- und Nebensätzen. A «Man hat Inversionen der Worte in der Periode. Größer und wirksamer muss aber dann auch die Inversion der Perioden selbst sein. Die logische Stellung der Perioden, wo dem Grunde (der Grundperiode) das Werden, dem Werden das Ziel, dem Ziele der Zweck folgt, und die Nebensätze immer nur hinten angehängt sind an die Hauptsätze, worauf sie sich zunächst beziehen, – ist dem Dichter gewiss nur höchst selten brauchbar.» B Hölderlin thematisiert hier den Wendekreis der Sprache in Richtung einer Lockerung und Dekonturierung von Vermittlung und Synthesis. Denn erst wenn der Kitt der diskursiven Logik porös wird, kann sich das Werk dem öffnen, was nicht in der Idee der Geschlossenheit aufgeht. Dem also, was das Werk ausschließen muss, um die Idee der Geschlossenheit etablieren zu können. Seitdem die Einheit des cartesianischen Subjekts im «Cogito, ergo sum» vom Einbruch des Unbewussten gespalten wurde, gab es genügend Desillusionierungen organischer Ganzheitskonstruktionen – bis hin zum mathematisch strengen Beweis Kurt Gödels von der Unmöglichkeit lückenloser Systeme. Und auch ästhetisch nahmen die Verfahren zu, die homogenen Deutungs- und Organisationsfilter der Totalität um des Heterogenen willen zu demontieren. Einst hatte der Organismusgedanke in seiner Dreifaltigkeit von Natürlichkeit, Schönheit und Wahrheit, gerichtet gegen die Künstlichkeit der Kunst und gegen die Aufdeckung der Genese der Werke, Kunst und Metaphysik vereint: über die Aura eines Kults des Geistes als eines Kults des Vollkommenen. Dass freilich «das Vollkommene [...] nicht geworden sein [soll]», konnotiert der Genealoge Nietzsche im Bereich des Ästhetischen mit «mythologischen» Relikten: mit Schöpfungsfantasien und mit der «Illusion» des Kunstwerks als Schein. Solchen Phantasmagorien A hat die «Wissenschaft der Kunst [...] auf das bestimmteste zu widersprechen», um «die Fehlschlüsse und Verwöhnungen des Intellekts aufzuzeigen, vermöge welcher er dem Künstler in das Netz läuft». B Nietzsches Plädoyer für die «wissenschaftliche Hingebung an das Wahre» gegen eine Künstlerpsychologie des «Fantastischen», «Mythischen» und des «Symbolischen» samt der «Überschätzung der Person» und des «Glaubens an etwas Wunderartiges im Genius» nimmt Tendenzen vorweg, die in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts eine entscheidende Rolle spielen: zumal in der Brechung von Totalisierungs- und Ganzheitssehnsüchten. Von der fragmentarischen Struktur als einer Subversion des Ganzen und einer Figur der Öffnung und des Offenen her aber spannt sich der Bogen zurück zu Hölderlin, dessen Korrespondenzen zwischen einer ihrem Bild nach zersplitterten Antike und der Entzauberung des Abendlands und seiner Mythen sich als reihende Fügung in die Form seiner Lyrik hinein verlängern. Deshalb nahm Nono in seinem Streichquartett auf Hölderlins Verfahren Bezug, die Syntax zu fragmentieren und zu zerrütten: mit Methoden jener Parataxe, die Hegel noch abwertend dem Neben-, Nach- und Außereinander der Natur zuwies. Die Vermittlungsarbeit und ihre diskursive Logik zu stören, geschieht indes vorrangig in der Absicht, gegen den Ausschluss des Naturhaften die naturhafte Basis des Geistes zu restituieren. Bei Nono in der Emanzipation der Stille und damit des Unhörbaren gegen das Hörbare, bei Lachenmann dann in der Emanzipation des Materials als des unreinen, geräuschhaften Tons aus seiner knechtischen Funktion, schließlich in Reudenbachs (Bruch)stück(en) als der dritten Komposition dieser Sendung in der Befreiung des musikalischen Diskurses zum Antidiskurs der Momente. Bspl. 4: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Nonos Streichquartett Fragmente - Stille, An Diotima , komponiert zwischen Juli 1979 und Januar 1980, zelebriert keinen Kult der Verinnerlichung im Sinn von Rilkes «Nirgends wird Welt sein als innen», auch wenn die Musik aufgrund ihrer hauptsächlich zwischen einfachem und fünffachem Piano angesiedelten Dynamik immer wieder mystisch eingefärbt scheint. Am ehesten lässt sich der Formenkreis der Empfindung in Nonos Streichquartett wohl an der Charakterisierung der Fermaten durch den Komponisten zu Beginn der Partitur ablesen: A «Die Fermaten sind immer verschiedenartig zu empfinden mit offener Fantasie für träumende Räume, für plötzliche Ekstasen, für unaussprechliche Gedanken, für ruhige Atemzüge und für die Stille des ‹zeitlosen› ‹Singens›.» B Wenn Nono die Musik immer wieder auf langen Fermaten Atem schöpfen lässt, wird klar, wie sehr es seiner Komposition der «plötzlichen Ekstasen» auch um Suspension geht. Um den ‹ruhigen Atem› der Suspension und um den befreiten Augenblick. So als könnte die atmende Verschwendung der Zeit die atemlose Vernichtung des Jetzt im ökonomischen Furor wie in einem Spiegel entlarven. Während das herkömmliche Meisterwerk auf Geschlossenheit zielt, interessiert sich Nonos Musik für Spuren ins Offene – entlang einer Bahn minimaler Abweichungen, Wandlungen und Zwischentöne, die gehört werden wollen: im Sinn einer sensiblen Aufmerksamkeit gegen den Funktionalismus präformierter Hörnormen und im Sinn eines Umbruchs von innen her, den Kant in der Maxime des «Revolutioniere dich selbst!» fasst. Bspl. 5: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Eine andere Facette in Nonos Kunst der Andeutung und leisen Überredung zeigt sich darin, dass sein Streichquartett Zitate und damit selbst wiederum Fragmente aus Hölderlin-Gedichten als Subtext in die Partitur einlässt und über ihre Unhörbarkeit ein subtiles Spiel der Abwesenheit in der Anwesenheit entfaltet. Eine hintersinnige Metapher für die verkannten Möglichkeiten des Jetzt und Hier einer Zeit, in der sich Wirklichkeitsterror und Weltverlust ergänzen. Gleichwohl illustriert die Musik die Zitatfragmente Hölderlins nicht. Sie repräsentieren vielmehr, so Nono, A «schweigende ‹Gesänge› aus anderen Räumen, aus anderen Himmeln», gegen die Intention, «‹entschieden der Hoffnung das Lebewohl›» zu sagen. «Die Ausführenden mögen sie ‹singen› ganz nach [...] dem Selbstverständnis von Klängen, die auf ‹die zarten Töne des innersten Lebens› hinstreben.» B So wird Nonos Musik der Stille selbst zum offenen Ohr für leiseste Resonanzen und Echos – und zum Resonanzboden für Unhörbares, Überhörtes, Unerhörtes; im Vertrauen auf die Imaginationskraft des Gehörs und auf die «Exteriorisierung eines Maximums von Interiorisierung», wie Nono das 1983 in seinem Genfer Vortrag zum Streichquartett formuliert hat. Nono weiß um den Sog des Sinns und versucht deshalb anstelle seiner abstrakten Negation eine Art obsessiver Erosion von Bindungs- und Verbindungsstrategien. Indem die Partien der Stille denen des Klangs gleichberechtigt sind, steigern sie das Eigenleben der gereihten Momente in einem diskontinuierlichen Kontinuum, das eher auf Assonanzen und Korrespondenzen setzt als auf stringente Vermittlung, eher auf prälogische Gedankenflucht als auf strenge Entwicklung und damit weniger auf die Unterwerfung der Zeit als auf ihren losen Gang. Der gleitende Diskurs in Nonos Streichquartett entgleitet und lässt entgleiten; auch wenn die Absicht, die Direktive des Ganzen fragmentarisch zu brechen, fraktale Brechungen erzeugt, die sich schließlich zur Selbstähnlichkeit der Struktur als einer unentwegten Wiederkehr von Stille, Haltetönen und expressiv-gestischen Figuren entäußern – inmitten des Wechsels, um mit Hölderlin zu sprechen, zwischen einer «reißenden» und «bleiernen» Zeit. Bspl. 6: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Stabilisierte die Organismusidee des traditionellen Werks als geschlossenes System die Omnipotenz des Formgedächtnisses, dann bricht die fragmentarische Struktur diese Omnipotenz, indem sie die Grenzen des Sinns auslotet. Wie weit kann, ja muss man gehen, bis der Sinn des Ganzen und der Teile zerfällt? Schon Aristoteles definierte ja den Begriff des Organismus unter der Prämisse äußerster Notwendigkeit: A «Ferner müssen die Teile der Geschehnisse so zusammengefügt sein, dass sich das Ganze verändert und durcheinander gerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird. Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann, ist gar nicht ein Teil des Ganzen.» B Von solchen Konstruktionsidealen, denen zufolge jedes Detail unverrückbar durch die «Idee des Ganzen» bestimmt ist, hat sich die Neue Musik weitgehend verabschiedet. In ihren variablen Formen können Teile wegbrechen, verschwinden oder umgruppiert werden, sie können unhörbar, unspielbar bleiben, ohne dass das Ganze aus den Fugen geraten müsste. Das Offene zumal musikalischer Fragmentstrukturen liegt darin, dass die frakturhafte Reihung ihrer Momente nicht begrenzt scheint. Sie läuft auf den Horizont des Approximativen zu – ohne Anfang, ohne Ende, ausschnitthaft und nachdrücklich in jedem Augenblick. Musikalische Fragmentstrukturen neigen zu Formen, A «die immer schon angefangen haben und unbegrenzt so weiter gehen könnten». B Diese Kennzeichnung Karlheinz Stockhausens verweist auf die Nähe zwischen komponierten Torsi und dem, was Stockhausen schon 1960 als «Momentform» charakterisiert hat. Das Momenthafte und Jetztzentrierte der musikalischen Fragmentform treffen sich mit einer Musik, die A «sofort intensiv» ist «und – ständig gleich gegenwärtig – das Niveau fortgesetzter ‹Hauptsachen› bis zum Schluss durchzuhalten» sucht. B Auch fragmentarische Formationen tendieren dazu, jeden ihrer Momente zum Mittelpunkt zu machen, um den Augenblick als Augenblick gegen dessen funktionale Verspannung in die Folgerichtigkeit der Folge ernst zu nehmen. Darin gleichen sie Strukturen, in denen A «nicht rastlos ein jedes Jetzt als bloßes Resultat des Voraufgegangenen und als Auftakt zu Kommendem, auf das man hofft, angesehn wird, sondern als ein Persönliches, Selbständiges, Zentriertes, das für sich bestehen kann». B Erst eine Musik aber, die sich nicht mehr dafür interessiert, «ob Fortsetzungen ‹zwingend›, Konklusionen ‹schlüssig›, Anschlüsse ‹logisch›, Kontraste ‹stark›, Spannungen ‹aufregend› und Schlüsse ‹endgültig› genug komponiert» seien, kann den Gang ins Innere der Zeit vollziehen. Einen Gang, den Nonos Streichquartett mit Hölderlin zu einer Korrektur des formdogmatischen «Triumphs der Zeit» umdeutet: im Namen einer Freiheit, die mit der Abkehr von der entwicklungspsychologischen Bühne der Affekte eine zeitliche Dichte erzeugt, in der alle Momente ein gleichbleibendes Höchstmaß an Ausdruck gewinnen. So sucht auch Nonos Streichquartett mit der Aussetzung der Vermittlungshierarchien des musikalischen Diskurses und mit der Tilgung entwicklungsträchtiger und finaler Schemata jenes befreite Jetzt zu gewinnen, das den Begriff der Dauer überwindet: Gegen die Dramaturgie von Erwartung und Erinnerung und im Zeichen einer «Ewigkeit, die [...] in jedem Moment erreichbar ist». Bspl. 7: Nono, Fragmente – Stille, An Diotima B Zwar erbt sich bei Nono wie in vielen Fragmentkompositionen die Zeit des geschlossenen Werks, dessen Kontinuität jede andere ausschließt, an die Organisation der Momente fort. Dennoch wird die Totalität als Einheit des Sinns von innen her auf eine Weise zerklüftet, die der Musik erst jetzt ermöglicht, sich dem vormals Kunstfremden von Material- und Geräuschhaftem zu öffnen. Etwa bei Helmut Lachenmann. Lachenmanns Destruktion ästhetischer Normen, seine verfremdeten Spiel- und Artikulationstechniken wollen als kompositorische Gedankenarbeit das Hören auf eine «Schönheit» hin hellhörig machen, «die sich nicht abfindet». Seine Musik der unablässig komponierten Unvorhersehbarkeiten und des Verfemten treibt die Bedeutung aus dem materialen Inneren des Klangs hervor. Erst solche Brechungen des reinen Tons aber entlarven das gängige Reinheits- und Schönheitsideal als Verarmung und geben Leerstellen und nicht-signifikanten Zuständen Bedeutung für einen freien und befreiten Diskurs. So in Lachenmanns Gran Torso von 1971, wo A ein «großes Ritardando [...] in Etappen – über das mechanische Sägen, das nervöse Hin- und Herfahren, das weit gedehnte Quasi-Aus- und Einatmen – gespreizt und zelebriert wird bis zum Stillstand. Als Resultat [...] bewirkt dieser Vorgang [...] einen magischen Zustand, der [...] völlig offen ist zur nackten Realität der Zeit». «Hier in der Bratschenstelle von Gran Torso» wird dieser «Zustand der Schutzlosigkeit» von der «‹kaum noch atmenden› Stille magisch bewacht». «Mir liegt bei dieser Stelle vor allem an der Deutlichkeit der Abstufung von ‹Stille› und ‹Leere›. Der Stillstand ist kein ‹morendo›, sondern bedeutet einen weiteren qualitativen Sprung. Er ist mehr als die gefärbte Stille zuvor: er ist Leere. Hier sind wir endlich im Zentrum einer unberührten Wüste. Die emotionale Wirkung [...] habe ich nicht inszeniert, sondern sie ist ‹gelungen› bei der Absicht [...] die Musik ‹auf Null zu bringen›»; «hier praktiziert gleichsam im heiteren Spiel: es ist eine glückliche Musik». «Heiter, wie sie sich versteht, macht sie Ernst»; «das Stück geht weiter, endlich Nicht-Musik geworden. Fast möchte ich denken, bis dahin war die Komposition nur ein einziger Exorzismus, um endlich befreite Musik schreiben zu können.» Bspl. 8: Helmut Lachenmann, Gran Torso. Musik für Streichquartett (Berner Streichquartett) B Lachenmanns Ausführungen erinnern an jene Fülle und Freiheit der Leere und des Leeren, wie sie seit Nietzsche und Hofmannsthal zumal für eine von der Gewalt des Urteils befreite Sprache ersehnt werden. Sprache als Nicht-Sprache; Musik als Nicht-Musik, um gegen die kulturellen Konventionsmuster zum materialen Grund als der Matrix von Sprache vorzudringen und damit zu einer Region jenseits der Herrschaft der Codes als einer Region der Erschöpfung des Sinns. Lachenmanns lange, dicht am Geräusch und am Tonlosen liegende Partien wirken deshalb wie das Rauschen einer unbekannten Sprache, deren Zeichen von semantischer Bedeutung frei, aber mit Materialität und sinnlicher Präsenz geladen sind. Vor allem aber markiert Lachenmanns musikalische Fragmenttechnik, wie lange die europäische Musik des reinen Tons selbst Fragment war, indem sie das Körperhafte und Stoffliche um der Reinheit willen ausgeschieden hatte. Aus Nietzsches Satz «Das Vollkommene soll nicht geworden sein», zieht Musik erst spät ihre Konsequenzen. Der auf seine materiale Seite hin befreite Ton jedoch erzeugt über die Transformation gängiger Schönheits- und Natürlichkeitsbegriffe eine andere Dimension von Wahrheit: Wahrheit nun nicht mehr gedacht als eine metaphysisch unbefleckte Idee, sondern gedacht über einen Geist, der sich als sublimierte Natur erkennt. B Fragmentieren als Aufbrechen von Grenzen und als Aufbruch ins Offene bedeutet im Fall von Lachenmanns «musique concrète instrumentale», die Ausgrenzungs- und Eingemeindungsdirektiven des Zivilisationsprozesses zurückzunehmen, um einzulassen, was dem Tabu seiner Totalisierungsgewalt zum Opfer fiel. Als Bedeutungsträger aber emanzipiert sich das Material von seinem Status als bloßes Material. Wie Cage den Ton als einen Sonderfall der Stille denotiert, so denotiert Lachenmann den Ton als einen Sonderfall des Geräuschs. Erfahrbar wird der Zusammenhang zwischen der Materialbasis des Klangs und dem musikalischen Diskurs: Ein Stück ästhetischer Metaphysikkritik, sofern Sinn von seinem stofflichen Träger ebenso wenig zu trennen ist wie die ‹Botschaft› von ihrem ‹Medium›. Dass Musik die Physis des Klangs zu einer strukturellen Kraft emanzipiert, verabschiedet den Platonismus der Reinheit des Tons und der reinen Idee. Klang verstanden als «Nachricht seiner Hervorbringung und der dabei mitwirkenden mechanisch-physikalischen Bedingungen» hebt die Hierarchie zwischen Geist und Stoff auf. Gran Torso aber heißt das Stück, A «weil all die strukturellen Bereiche, die [darin] berührt werden, deutlich die Möglichkeit in sich tragen, selbständig in sich weiter fortentwickelt zu werden». B Die Idee einer in sich autarken Logik des musikalischen Werks, das seine Notwendigkeit aus Freiheit erzeugt – mit Beethoven als Höhepunkt –, wird in fragmenthaften Formen von der Differenz der Risse als scheinhaft entlarvt. Dass indes die Offenheit der musikalischen Form auch den Prozess des Hörens umwertet, liegt auf der Hand. Steht die organische Totalität des Werkkosmos in Wechselwirkung mit dem Modell der Einheit des Subjekts, das seinen Gesetzen gemäß ausklammert, umformt oder eingemeindet, dann zerbricht in den Frakturen fragmenthafter Organisationen die Affekt- und Gedankenbühne personaler Identität ebenso wie die Erfahrung des Weltkontinuums. Die Spiegelwände, die das musikalische Subjekt zwischen 1600 und 1900 seiner eigenen emotionalen Ortung wegen aufgezogen hatte, werden in dem Augenblick blind und rissig, als die Idee der Teleologie insgesamt porös wird. Als Habitus einer Ordnung von Investition und Rendite wird der Gedanke personaler Einheit ästhetisch unhaltbar. Und mit ihm Zeitkoordinaten wie die von Notwendigkeit und Zufall, von Bestimmtheit und Unbestimmtheit, von Kausalität und Abweichung oder die der Erfüllung und Enttäuschung von Erwartungshorizonten. Zeit als ein in den Gedächtnisspuren des Vergleichens, Unterscheidens, Vergessens und Erinnerns entfaltetes Bewusstsein weicht in fragmenthaften Strukturen einem Zeitfeld der Risse. Mit der Abkehr von zielgerichteten Formationen, die die Einzelmomente in Funktionsträger einer Idee verwandeln, schärft sich Musik zu einer ausschnitthaften Textur, die den Synthesisanspruch und die zentrale Sinnmacht des ästhetischen Subjekts absurd und vermessen erscheinen lässt: in der Abkehr von einem Fundamentalismus des Zeitbewusstseins, der eng mit dem Identitäts- und Eigentumsprinzip verschwistert ist, dem des Identifizierens und Verbuchens. In der Abkehr aber auch von einem Sinngebot des Linearen und jenen Instanzen des Früher und Später, des Ersten und Folgenden, die Nietzsche als Regulative einer Verschwisterung von Zeit und Moral entlarvt hat. Ein Hörbewusstsein, das ständig kausalorientierte Sinnbezüge setzen will, gleitet an der akausalen Energetik einer Musik der offenen Zeitstrukturen ab. Die herkömmliche Präsenz struktureller musikalischer Wahrnehmung im retentionalen Bewahren des unmittelbar Vergangenen und im protentionalen Vorgriff auf ein perzeptiv schon Erahnbares verschwindet im organisierten Fragment immer wieder in den Wüsten des Sinns. In dieser Offenheit liegt zugleich eine Unabhängigkeit von der Schicksalsmacht Zeit und der Verwechslung von Zeit und Ökonomie. Musik definiert sich nicht mehr darüber, Zeit triumphal in Regie zu nehmen, sondern öffnet sich der Zeit – etwa in weiten Stille-Partien mit dem plötzlichen Auftauchen und spurlosen Verschwinden von Momenten. Damit wird die fragmentarische Konzeption zu einem Transfer ins Offene. Und zu einer Rebellion gegen die Zeit als Aufschub im Sinn von Stockhausens «Momentform». In jedem Augenblick angekommen zu sein, ist eine der Intentionen musikalischer Fragmentstrukturen. Daher auch die Nähe des Fragments zum Moment, dessen Begriff für Michael Reudenbachs Komposition (Bruch)Stück(e) aus dem Jahr 1999 eine entscheidende Rolle spielt: A «- - - eine Folge musikalischer Momente - - - mich meiner Aufgabe stellend, ein Stück(?) / viele Bruchstücke(?) zu schreiben, dabei Bezug- und Zusammenhangstiftendes befragen - - - den Spalt zwischen dem einen und dem anderen Moment als gegeben hinnehmen (eben als eine zufällige Folge von Bruchstücken) - - - einer Folge von Momenten einen Zusammenhang zu verleihen (ein Stück!) hieße, den Spalt zwischen dem einen oder anderen Moment mit Ahnungen, Vermutungen und Erfindungen auszufüllen - - - fixierte Momente, nachträglich zusammengefügt = ein ‹Ganzes›? - - - Zielgerichtetheit musikalischer Prozesse?». Bspl. 9: Michael Reudenbach, (Bruch)Stück(e) für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello (ensemble recherche) B RCA RED SEAL 74321 73595 2RCA RED SEAL 74321 73595 2Dass Reudenbach die «Zielgerichtetheit musikalischer Prozesse» problematisiert, berührt eine Leitidee des Fragmentarischen, das mit der Aushöhlung des linearen Zeitstroms den finalen Typus der Musik radikal umwertet und sich der Möglichkeit öffnet, Zeit gleichsam von außen zu denken: in einer Musik, die die Kontroll- und Wachsamkeitsgebote lockert. Fragmentarische Strukturen tendieren mit ihrer unvermittelten Reihung von Momenten zum Prinzip der Montage und damit zu einer veränderbaren Kombinatorik dieser Momente. Das macht die Nähe zwischen fragmentarischen und variablen Formen aus: Anfang und Ende der Musik werden als strukturelle Akzente nahezu bedeutungslos. Musik kann aufhören, wo sie will, und sie kann beginnen, womit sie will. Form entwirft sich als Kombinatorik freier, vertauschbarer Momente. Deshalb kreisen die Fragen Reudenbachs anlässlich der Konzeption seiner (Bruch)Stück(e) untergründig um das Problem des Sinns als den Effekt diskursiver Vermittlung und um das Problem, was gegenwärtigem Komponieren der Begriff des Ganzen überhaupt noch bedeuten könne. A «Meine Arbeit habe ich mit dem Schreiben von Ansätzen begonnen». «Nach einer gewissen Zeit hatte ich viele ‹Anfänge›, unvollendete ‹Mittendrin›-Passagen und ‹Schluss›-Fragmente. Keines dieser Stücke schien mit irgendeinem der anderen Stücke in Verbindung zu stehen. Ich habe dann eine Auswahl daraus getroffen und sie in unterschiedliche Zusammenhänge gesetzt. Dabei stellte sich die Frage nach dem Ganzen und nach dem Fragmentierten. Habe ich es mit einem Stück zu tun? Oder habe ich es mit mehreren kleinen, in sich abgeschlossenen Stücken zu tun, die wiederum ein Ganzes ergeben? Oder mit einer losen Folge von kleinen Stücken? Oder sogar nur mit vielen Bruchstücken?» B Momente reihen, ohne sie nach Maßgabe einer diskursiven Logik zu glätten, heißt für Reudenbachs fünftes Bruchstück und seine maschinenhafte Stereotypie ein Dekomponieren organischen Komponierens. Und dies bei einer ungemildert forcierten Artikulation des Wiederholungsprinzips. Damit erzeugt die Reflexionskraft von Reudenbachs (Bruch)Stück(en) , die zeitweise an die Leerläufe der kinetischen Plastiken Tinguelys mit ihren Schrottmontagen und Objets trouvés erinnern, ein Oszillieren zwischen Mechanismus und Organismus und die Freisetzung brüchiger Einzelelemente vom Vermittlungsdiktat des Kontinuums. Bspl. 10: Reudenbach, (Bruch)Stück(e) B Wird in der industriell beschleunigten Massengesellschaft noch das vermeintlich Vertraute zum Fremden, werden Gefühle zu Versatzstücken, angedreht und wiederholbar, leer und ohne Antlitz, dann liegt ein adäquater Ausdruck solcher Entfremdung in der Formation mechanischer Rudimente. Indem sich jedoch die Wiederholung eingefrorener Gesten einer fragmentarischen Physiognomie einschreibt, läuft der subjektive Zeitsinn leer und wird zum Reflex einer Mechanisierung des Lebens, der im Innersten existenzialistisch gemeint und doch von einer slapstickartigen Wirkung nicht zu trennen ist. Schon 1993 hatte Reudenbach deshalb sein Stück duo pianism an der Filmsequenz der außer Kontrolle geratenden Maiskolbenmaschine aus Chaplins Modern Times orientiert. In Reudenbachs (Bruch)Stück(en) hingegen thematisieren die mechanischen Signaturen ein Wesensmerkmal der fragmentarischen Form: das des zurückgenommenen, ja verweigerten Eingriffs. Bspl. 11: Reudenbach, (Bruch)Stück(e) B Bei Nono, Lachenmann und Reudenbach bleibt die auskomponierte Direktive der Zeit ebenso gewahrt wie die konstruktive Ausformung der Musik. Wenn jedoch das Notwendigkeitsgebot der linearen Zeit maßgebend ist, das jedes Detail im Namen des Ganzen an seinen Ort bannt, somit die diskursive Abfolge unverrückbar festlegt und bei wiederholtem Hören prophetisches Hören erzeugt: wie wäre dann der Fragmentcharakter innerhalb solcher an der Logik des Werkorganismus orientierter Kompositionen zu hören? Bedeutet der Aufstand des Teils gegen die Herrschaft der Totalität nicht die unlösbare Abhängigkeit des Teils vom Ganzen, solange die dramaturgische Aktrice der Zeit ihre Zuweisungsregie gegenüber den einzelnen Momenten behauptet? Und wirkt der Sog des Werkhaften nicht generell als eine Sinnstiftung der Geschlossenheit, zumal in einer Musik, die ihren einstmals an der verbalen Sprache orientierten syntaktischen Charakter aufgegeben hat? Inwiefern kann man bei Nono, Lachenmann und Reudenbach also von Modellen des Offenen sprechen? Sicher nicht im Sinn einer Manifestation des Offenen und Unwiederholbaren wie bei Cage oder bei der Konzeption variabler Formen. Eher ist bei allen drei Stücken ausschlaggebend, was die Literatur- und Sprachwissenschaft «inneres Fragment» nennt. Indem sie das Organismus-Modell, in dem «alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist», intern fragmentieren, brechen Nono, Lachenmann und Reudenbach durch harte Fügung und parataktische Reihung das Vermittlungssoll der Werktotalität und damit deren oberstes Prinzip: «Alles, was sich ereignet, soll sich aus dem Vorangegangenen entwickeln». Überschritten wird der Zusammenhang einer quasi kausalen Progression, bestimmt vom Typus des in sich geschlossenen, durch Beziehungsreichtum ausgezeichneten und in seiner Entwicklung stringenten Werks, das wie etwas organisch Gewachsenes wirkt. Fragmentum: Bruch, Brechung, Gebrochenes – damit lässt sich in der Neuen Musik auch jene Zermürbungsarbeit assoziieren, die einer Logik zweiter Ordnung zuläuft: einer Konstellation von Augenblicken gleich einer Wirkung ohne Ursache – im Unterschied zum kausalen Vermittlungssog einer Logik erster Ordnung. Von hier aus wird Rilkes Gedicht an den Archaischen Torso Apollos von 1908 zu einem künstlerischen Leitbild des 20. Jahrhunderts. In ihm spricht Rilke den ästhetischen Sternenhimmel der Beseelung, den die Ästhetik des Deutschen Idealismus nur von der Ganzheit des Kunstwerks her denken konnte, dem Bruchstück, dem Fragment, dem Torso selbst zu: nämlich jedem Punkt an ihm als einer Intensität des «Omnia ubique», des «Alles ist überall». Und dies in ethischer Wechselwirkung mit dem fragmentierten Ich des Betrachters: A «Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.» Bspl. 12: Lachenmann, Gran Torso Musikbeispiele Luigi Nono, Fragmente – Stille, An Diotima für Streichquartett (Deutsche Grammophon 437 720-2) Helmut Lachenmann, Gran Torso. Musik für Streichquartett (col legno AU 31804 CD) Michael Reudenbach, (Bruch)Stück(e) für Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello (RCA RED SEAL 74321 73595 2)
- Johannes Bauer, Orlando di Lasso – Wolfgang Amadeus Mozart
Orlando di Lasso – Mozart Sprachen und Masken (SWR 2002) Vom Wilden und Krummen und von der großen Schwermut »Bis Sonntag wird Feiertag sein und die Scheißkomödie zieht sich in München hin über die Zeit, in der Spaß mit der Dummheit der verrückten Einwohner getrieben wird. Horatio Brevis studiert und lernt auf der Viola kratzen; ich würde eher ein hübsches kleines Mädchen fiedeln. Wenn der Garten von Euer Gnaden grün wird, so wird meiner auch nicht grau eben – ich möchte nicht als Kapuziner leben. Dass der Reichstag in Augsburg stattfinden soll, gefällt mir toll. Habt Ihr standhaft scharmützelt mit Geschick, dann war es auch ein schöner Fick. Ist es weit von hier bis Milano - weiter ist es noch von jetzt bis in mille anno. Regnets heut wie aus einem Fass, wird wer unbedeckt platschnass. Die sechste Stund ists noch nicht einmal - wenns war wär, wär es auch egal. Euer Gnaden würden mich gern im Städtchen Lanzfud sehen, und ich möchte nicht sterben, ohne Euer Gnaden unmönchisch in München getroffen, gesehen, betrachtet, umarmt und geküsst zu haben.« Erinnert dieser Brief, den Orlando di Lasso 1575 an Herzog Wilhelm V., seinen Gönner und Brotherrn, schrieb, nicht auffällig an eine andere Korrespondenz der Musikgeschichte, an diejenige Mozarts nämlich? Angefangen vom prüderiefrei ungetrübten Sinn fürs Sinnliche und Sexuelle bis hinein in die Organisation der Sprachstruktur selbst? In Form eines Reimverfahrens, das im silbisch vertrauten Anklang blitzartig und unerwartet ebenso launische wie sinnbedrohende Assoziationsbereiche aufreißt? Bei Mozart jedenfalls hört sich das zweihundert Jahre später so an: »Allerliebstes Bäsle Häsle! Ich habe dero mir so werthes Schreiben richtig erhalten stalten, und daraus ersehen drehen, daß der Herr Vetter Retter, die Frau Bas Has, und sie wie recht wohl auf sind, Kind; wir sind auch Gott Lob und Dank recht gesund Hund. ich habe heute den Brief schief von meinem Papa haha, auch richtig in meine Klauen bekommen strommen. Ich hoffe Sie werden auch meinen Brief Trief, welchen ich ihnen aus Mannheim geschrieben erhalten haben, schaben. (...) jetzt wünsch ich eine gute Nacht, scheissen sie ins Bett daß es kracht; schlafens gesund, reckens den Arsch zum Mund; (...) Nun muß ich schließen und das thut mich verdrießen.« Und doch finden sich in den Briefen beider Komponisten auch Stellen mit folgender Diktion: »Ich bin gern fröhlich, heiter, und verrückt, einmal im Jahr, das doch nur zwölf Monate dauert, damit die große Schwermut mir nicht in den Kopf steigt.« So Lasso im Juli 1576. Und Mozart? Er schreibt 1790 an seine Frau Konstanze: »Wenn die leute in mein herz sehen könnten, so müsste ich mich fast schämen. – es ist alles kalt für mich – eiskalt – Ja, wenn du bey mir wärest, da würde ich vielleicht an dem artigen betragen der leute gegen mich mehr vergnügen finden, – so ist es aber leer«. Lasso und Mozart: nach außen hin zur Pose gezwungen, zum gesellschaftlichen Rollenspiel, zu dem also, was Lasso einmal charakterisiert als das »im Schweiße seines Angesichts den Springer und Gaukler (...) spielen«? Im Innern jedoch, hinter der Narren- und Konventionsmaske, grüblerisch und depressiv? Und was sagt die Musik beider Komponisten? Lassen sich ihr die emotionalen Extreme gleichfalls anhören? Bspl. 1: Lasso, Lucia, celu (Ensemble Clément Janequin) (Tr. 9) (1´17) Mozart, Freundin! Ich komm´ mit der Zither (Peter Schreier, Hermann Prey, Walter Berry, Convivium Musicum München, Erich Keller) (Tr. 1) (1´19) Ausgelassenes, Derbes, Spielerisches also auch in beider Musik. Und wie steht es mit den dunklen Affekten? Bspl. 2: Lasso, Le tems peult bien (Laute solo) (Ensemble Clément Janequin) (Tr. 14) (1´26) Mozart, Adagio h-Moll KV 540 (Alfred Brendel) (Tr. 4) (1´27) Bleibt nur die Frage, ob es sich bei dieser Affektpolarisierung in Lassos und Mozarts Musik auch um physiognomische Charaktere ihrer Autoren handelt oder eher um gattungs- und werkspezifisch eingesetzte Affekt- und Stimmungsmuster. Dass es jedenfalls um mehr geht als um Zoten und Noten, macht ein Brief Lassos vom 23. Januar 1576 deutlich. In ihm meditiert der Komponist über das Wesen menschlicher Existenz: »Meister Diogenes schwatzt in Gleichnissen über die großen Dinge, die es auf Erden gibt: dass ihm, wenn er Geist, Fleiß und Wert des Menschen bedenke und bewundernd betrachte, der Mensch als das bedeutendste Tier oder das größte Lebewesen, will sagen: das weiseste, das sich in Gottes Schöpfung findet, vorkommt. Aber wende das Blatt und betrachte und beobachte sorgfältig seine Vorhaben, die mit so mannigfachen Gedanken verknüpft sind: jetzt heiter, jetzt sanft, jetzt jäh, jetzt traurig, jetzt voll von Verstellung und jetzt doppelzüngig; jetzt lachend, jetzt weinend, jetzt kackend, jetzt essend – so dass es nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Daraus will der Philosoph schließen, dass es auf der Welt nichts Verrückteres gibt als den Menschen – aber auch nichts Weiseres; von mir rede ich nicht«. Könnten diese Zeilen nicht auch bei Lassos Zeitgenossen Michel de Montaigne stehen? Vor allem was den Gedanken von der unsteten Reihung menschlicher Affekte und Zustände anbelangt? Affekte und Zustände, alle gleichwertig, alle gleich gültig, weil von keinem naturdistanziert sich aufspreizenden Geist und Geistesdünkel von oben herab gewertet und hierarchisiert? Wird nicht auch für Montaigne das Flüssige und Wechselhafte des Individuums zum einzig Verlässlichen und der »Zufall« zum Regulativ der Existenz? »Ich habe keinen anderen Feldwebel, um meine Stücke in Reih und Glied zu stellen, als den Zufall. (...) Überdies schwanke ich und verwirre mich selber, weil ich so unsicher auf meinen Füßen stehe; und wer sich nur recht beobachtet, wird sich kaum zweimal in der gleichen Verfassung finden. (...) Alle Widersprüche finden sich in mir, je nach Gesichtswinkel und Umständen«, heißt es in Montaignes Essais . Bei Montaigne wie bei Lasso löst sich die Idee der Konsistenz im Rapport der Einfälle, Eindrücke und Situationen in die unstillbare Bewegung von Übergängen auf. Im Spiel der unterschiedlichen Empfindungen zeigt sich der Sonde der Selbsterkundung das Unbeständige als Gesetz. Im Perspektivenwechsel des ruhelosen Geistes das Vergängliche, an den Augenblick Gebundene als alleinige fragile Sicherheit. Wahrheit wird zur Chimäre. Sicher: auch wenn sich Welt und Dinge in wandelhafter Flüchtigkeit dem Ich entziehen und nur fragmentarisch erfahrbar sind; auch wenn das Ich von sich »nichts Ganzes, Einheitliches und Festes ohne Verworrenheit (...) auszusagen« vermag: in der Meisterschaft von Philosophieren und Komponieren ist stets auch das Selbstbewusstsein des Subjekts der Spätrenaissance zu spüren. Darin also, dass Montaigne den Zufall virtuos als Stilisierungsmittel der Selbsterkenntnis einsetzen und Lasso die gleitende Logik der Musik dem Ausdruck der Affekte dienstbar machen kann. Machen wir dennoch im Namen von Montaignes rhapsodischer Verfasstheit des menschlichen Geistes und seiner Perspektivenwechsel das Motiv der Parataxe zum Leitgedanken dieser Sendung. Das Motiv somit von der bei- und nebenordnenden Reihung gleichberechtigter Elemente, die sich schwer verträgt mit einer Wertung nach Haupt- und Nebensachen und mit all den ziel- und systemfixierten Strecken der Entwicklung und des Ergebnisses, wie sie für die Hypotaxe charakteristisch sind. Der Geist der Parataxe aber ist es, der Lasso und Mozart zu Wahlverwandten macht – gegen die herrschende hypotaktische Tradition des abendländischen Denkens. Gegen die Tradition einer auf Über- und Unterordnung von Behauptungen, Folgerungen und Schlüssen basierenden Art der kausalen Verkettung, die für sich das Sinnmonopol reklamiert; gebunden an ein hierarchisches Sprachgefüge aus Haupt- und Nebensätzen. Lasso und Mozart: zwei frühe und herausragende Protagonisten der Parataxe mit ihrer Offenheit für Zufälliges, Beiläufiges, Mittelpunktsloses, für Streuung und Konstellation. Genau diese Offenheit aber war es, die die Philosophie zumal des deutschen Idealismus dazu brachte, Parataxe und Wahnsinn in einen engen Zusammenhang zu setzen. Und wäre man im Zeichen der hypotaktischen Tradition genügend abergläubisch, könnte man Orlando di Lasso selbst für ein Musterbeispiel dieses Zusammenhangs halten. Berichtet doch Lassos Ehefrau Regina, dass der Komponist im Alter unter »fandasey« litt, unter Wahnvorstellungen, unter parataktischer Gedankenflucht. Dann konnte er nicht mehr schlafen und die »Melancholei« überkam ihn. Bspl. 3: Lasso, Prophetiae Sibyllarum (Hilliard Ensemble) (Tr. 10) (1´35) Der Prolog zu Lassos Prophetiae Sibyllarum . Eine für die Zeit um 1550 ungewöhnliche Musik. Ein Gleiten der Klänge im Satz Note gegen Note, frei von verwickelter polyphoner Arbeit. Konzentriert auf chromatische Rückungen und schwebende Klangflächen. Klangflächen, die parataktisch und wie alogisch gegen die kompositorische Logik gesetzt wirken, auch wenn die klanglichen Überraschungseffekte immer wieder dem harmonischen Regelkodex eingebunden werden. Die verstärkte Verwendung von Halbtonschritten ist dabei das entscheidende Mittel, um die Rückungen, Entrückungen und Verrückungen in rätselhafte Klangregionen zum Klingen zu bringen; modulatorisch flexibel und angemessen der prophetischen Ekstase sibyllinischer Weissagung. Bereits zu Beginn des Prologs der Prophetiae Sibyllarum weitet Lasso die Musik auf einen exotisch neuen Klangbezirk aus: anlässlich der Worte »Carmina Chromatico«, »Lieder aus fremdem Bezirk«. Steht »carmina« noch im traditionellen C-dur-, G-dur-Klangbereich, komponiert Lasso auf »Chromatico« unvermittelt eine Entrückung nach H-dur: plötzliches Aufblitzen einer unbekannten und doch so verlockenden Sphäre. Ein irreguläres, inkalkulables Aufsprengen der kompositorischen Folgelogik als Augenblick einer verzauberten Ordnung. Bspl. 4: Lasso, Prophetiae Sibyllarum (Tr. 10) (1´35) Und so wie Lasso in den Prophetiae Sibyllarum weite Affekt- und Reflexionshorizonte assoziiert, so weiten und entregeln auch seine Briefe die hypotaktische Bedeutungs- und Urteilsmacht der Sprache. Dass Lassos Briefe überdies oft mehrsprachig abgefasst sind, steigert ihre Sprachvirtuosität zusätzlich, macht sie zum Teil unübersetzbar. Zumal was die Libertinage der Worte im Verstoß gegen die Gebote der Sprachökonomie angeht. Eine Libertinage, die nicht nur den Inhalt, sondern die Sprachstruktur selbst sexualisiert. Worte beginnen sich im Satzbett in regelwidriger Promiskuität zu begatten: unbekümmert um syntaktische Verwandtschafts- und Legalitätsverhältnisse. »Wie dumm wärest du eigentlich, Orlando, wenn du den denkbaren Gedanken denkst, dein guter Herr und Gebieter Wilhelm denkt, wenn dich solches Denken dünkt, es wird dir belohnt werden? Aber wo sind meine Gedanken hingeraten zu denken, was ich denke – das Denken lohnt den Aufwand nicht. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt, so denken jedenfalls die Engländer – ich meine den Hosenbandorden. (...) Aus München, den 18. Mai, ein Tag buntfarbig wie ein Papagei, vor dem Abendessen, nach dem man spazieren gehen soll.« Hier geht es nicht mehr nur um die Lust der Verwandlung, um die Maskerade von Wortspielen. Hier wird Sprache fast schon zerkaut, bis ihre Sinnfasern sich aufzulösen beginnen. Von den Rändern des Sinns her wird der konventionelle Kode der Sprachzeichen überdehnt. Grammatische Gewohnheiten und Gewöhnungen fransen zur Irrfahrt einer Sprache aus, die im Aufbrechen der logischen Folge für Momente kollabiert. Wo ist Innen, wo ist Außen? Sprache, umgestülpt wie ein Handschuh, um mit Shakespeare zu reden. Nicht anders treffen Mozarts Abweichungs- und Assoziationstechniken den Organismus der Sprache: Sinndetonationen der besonderen Art. »Ich kan gescheut nichts heuts schreiben, denn ich heis völlig aus den biel. der hapa üble es mir nicht Müssen Paben, ich so halt einmahl heut bin, ich helf mir nicht können.« Und doch emanzipiert das syntaktisch entregelte Spiel, das den Körper der Sprache aus seinen syntaktischen Gelenken dreht, zu einer neuen Freiheit des Ausdrucks. Satzbastionen und Wortgitter werden gesprengt, die silbische Semantik aus ihrem Gleichgewicht gebracht. So zeigt sich in Lassos und Mozarts Briefen eine andere Art Logik, eine des assoziativen Gleitens, die insofern etwas mit Musik zu tun hat, als Musik sich ihrerseits von der Funktionslogik löst, ohne unwahr zu werden. Eine Verflüssigung der Sprache durch die Entlastung vom argumentativen Sinnzwang. Der Reiz von Lassos und Mozarts Briefen liegt vor allem darin, dass der kommunikative Gebrauchswert der Sprache zwar verunsichert, aber nicht vollends aufgekündigt wird. Dadurch decken Lassos und Mozarts verbale coups das Unverständliche im Verständlichen der Sprache auf. Sie lassen das Verabredete sprachlicher Konvention erfahrbar werden, indem sie das funktionale »Als ob« der kommunikativen Konvention zur Erscheinung bringen. Was ist Sinn, wenn mit dem syntaktischen Regelwerk das Ökonomiegesetz der Sprache aus den Angeln gehoben wird und der Sprachfluss die Dämme der Logik überschwemmt? Wenn mit dem Schein sprachlicher Konsistenz der Absolutheitsanspruch der Sprache in Frage gestellt wird, Welt zu repräsentieren? Und schließlich: Was ist Sinn, wenn am Grund der Sprache nichts als das Rauschen von Silben erahnbar wird? »dreck!-dreck!-o dreck! - o süsses wort! - dreck!-schmeck! - auch schön! - dreck, schmeck!-dreck!-leck - o charmante! - dreck, leck! - das freuet mich! -dreck, schmeck und leck! - schmeck dreck, und leck dreck!-«. Die Silbe gegen ihren Bedeutungswert als Lautwert, als Ton zum Klingen zu bringen – darum geht es in dieser Briefstelle Mozarts. Silben als eine Art klanglicher Hefe, die den Teig der Sprache aufquellen lassen, bis das Moralregime des Sinns sich aufzulösen beginnt; bis im Vakuum der Bedeutung das Gravitationsfeld der Logik zusammenbricht, das die Urteilsinstanz der Sprache funktionieren lässt; bis Sprache auf ihren Abgrund hin durchlässig wird: auf ihr Rauschen, auf ihre Musik. Vergleichbar der Lust am Parlando sinnlos leerer Silbenketten in Orlando di Lassos Neapolitaner Villanesken: Bspl. 5: Lasso, Lucia, celu (Tr. 9) (1´09) Was schrieb doch Lasso über die menschliche Existenz? »Betrachte und beobachte sorgfältig (die) Vorhaben (des Menschen), die mit so mannigfachen Gedanken verknüpft sind: jetzt heiter, jetzt sanft, jetzt jäh, jetzt traurig, jetzt voll von Verstellung und jetzt doppelzüngig; jetzt lachend, jetzt weinend, jetzt kackend, jetzt essend – so dass es nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.« Eine Revue der Affekte und Aktivitäten: gleichrangig und wie zufällig nebeneinander gesetzt. In ähnlicher Weise treiben Mozarts Briefe unbekümmert um die Fallhöhe Hohes und Niederes ineinander, mischen derbe Komödie und Opera seria, den Fäkalwitz und die Pathosformel des »o ihr götter!«. »Ach Mein arsch brennt mich wie feuer! was muß das nicht bedeuten! - - vielleicht will dreck heraus? - ja ja, dreck, ich kenne dich, sehe dich, und schmecke dich - - und - - was ist das? - - ists möglich! - - ihr götter! - - Mein ohr, betrügst du mich nicht? - - Nein, es ist schon so - - welch langer, trauriger ton!« Lasso und Mozart lassen in ihren Briefen im bunten Schwarm der Motive eine Zwanglosigkeit des Vielen zu, die die Identität in der verschwenderisch losen Folge von Gedanken und Einfällen liquide hält. Eine Kontinuität zweiter Ordnung, in Gang gesetzt von einer Reihung gleichrangiger Elemente, die dem Zufall weit näher steht als die hierarchisch organisierte Hypotaxe. Und wie sich das Rhapsodische der Verwandlungen in den Wort- und Satzgirlanden der Briefe findet, so zeigt sich das reihende Aufbrechen eines herrischen Formganzen auch in der Musik. Bspl. 6: Mozart, Klavierkonzert C-Dur KV 415, Finale (Daniel Barenboim, English Chamber Orchestra) (Tr. 9)(1´05) Das Finale von Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 415 mit seiner Vielfalt an Episoden und Affekten gibt einen Eindruck von Mozarts spielerischer, burladorhafter Meisterschaft. Die Kunst der Variation und der Geist der Surprisen ist darin – nicht anders wie in Mozarts Briefen – Ausdruck einer luxuriösen Kombinatorik, äußerster Gegensatz einer zentralistisch gesteuerten Totalität. Die Gedanken am langen Zügel laufen lassen, um sie doch immer wieder blitzartig mit anderen zu kreuzen oder alternieren zu lassen: dieses organisatorische Laisser-faire steigert die rasche Revue der Charaktere fast zum Capriccio, wäre da nicht die planvoll gewaltlose Konstruktion, die den komplexen Bau des Satzes untergründig steuert. Konstruktion als Konfiguration, als Fest der Parataxe: adäquater Ausdruck des menschlichen Gemüts, dieses wunderlichen Chamäleons der Stimmungen und Seelenlagen. Bspl. 7: Mozart, Klavierkonzert C-Dur KV 415, Finale (Tr. 9) (3´37) Und doch ist das nur ein Aspekt dieses Finales. Mozart komprimiert hier nämlich neben einer Summe komplexer Affektmischungen buffoneske und melancholische Stimmungskontraste in harter Fügung, indem er abrupt und ohne jede Vorwarnung das spielerische 6/8-Allegro und seine papagenohaften Sechsachtelmotive durch zwei Adagio-Einschübe im 2/4-Takt und in c-Moll unterbricht. Ein scharfer, erschütternder Umschlag der Stimmung. Bspl. 8: Mozart, Klavierkonzert C-Dur KV 415, Finale (Tr. 9) (1´38) Zwei kontrastierende Affekte. Womöglich auch zwei kontrastierende Schreibweisen? »Sie sehen also daß ich schreiben kann, wie ich will, schön und wild, grad und krumm. Neulich war ich übels Humors, da schrieb ich schön, gerade und ernsthaft; heute bin ich gut aufgereimt, da schreib ich wild, krumm und lustig«. So Mozart in einem Brief vom 3. Dezember 1777. Natürlich gibt es historisch bedingte Unterschiede in den parataktischen Modellen Lassos und Mozarts. Anders als in ihren Briefen zeigt sich die Differenz im kompositorischen Bereich weit deutlicher. Während Lasso dem Gattungsprimat der Spätrenaissance zufolge die Ausdrucks- und Stimmungsressorts nach Werkgattungen und Einzelwerken differenziert, treibt Mozart den Umschlag der Affekte bis in einzelne Themen hinein. Bei Lasso ergeben sich kontrastierende Grundaffekte also primär aus der Gegenüberstellung von Einzelwerken, etwa aus der Gegenüberstellung der beiden Chansons Fuyons tous d´amour le jeu und Un triste cœur . Erregtheit und Leidenschaft in der ersten Chanson, Trauer und Melancholie in der zweiten. Bspl. 9: Lasso, Fuyons tous d´amour le jeu (Ensemble Clément Janequin) (Tr. 7) (0´28) Bspl. 10: Lasso, Un triste cœur (Ensemble Clément Janequin) (Tr. 8) (2´24) Gleichwohl findet sich auch bei Lasso das Helldunkel der Stimmung auf engstem Raum, innerhalb ein und desselben Werks also. Allerdings nicht in Form subjektexpressiver Stimmungsgegensätze, sondern in Form einer objektivierten Reflexion zur Spannung von Ich und Weltlauf. Verbunden mit der bei Lasso immer noch dominanten horizontalen Stimmbewegung, der eine Psychogrammatik der Affekte, wie sie die funktionsharmonische Tonalität entwickelt hat, fremd ist. Eine solche Konfrontation von Ich und Weltlauf findet sich in Lassos fünfstimmigem Madrigal Al dolce suon von 1569 auf einen Text Antonio Minturnos. Al dolce suon´ del mormorar del´ onde, Al nov´ odor de le fiorite piaggie A l´arene del´ oro ai ricchi scogli Al bel cantar delle sirene al porto, Delle fatiche miei mi scors´ un lume Ch´ in fin qua giù m´ardea dal terzo cielo. Beim süßen Klang der murmelnden Wellen, im neuen Duft der blühenden Gestade, im goldenen Sand bei den mächtigen Felsen, beim schönen Gesang der Sirenen am Hafen führt mich ein Licht aus meiner Mühsal, das mir endlich hier unten leuchtet vom dritten Himmel. Das Madrigal entfaltet zu Beginn eine antikisierende Naturszene: mit einer auratischen Auffächerung des Klangs in weich gleitenden Sekundschritten und einer bildhaften Begriffsdeutung durch die Musik. Ihren ersten Zielpunkt erreicht die Komposition bei den Worten »al porto«: »am Hafen«. Einen Zielpunkt, der wie ein Aus- und Aufatmen zugleich wirkt, verstärkt noch durch die spätere Stelle »delle fatiche miei«, die von der Last und Mühsal des Lebens spricht. Lasso kontrastiert hier mit einer kleinteiligen, imitatorisch zerfaserten und rascheren Bewegung der Stimmen das Aufreibende, Ermüdende, In-sich-Kreisende des Weltlaufs der Idylle des Anfangs mit ihrer eher ruhig geführten, homophonen Klangarchitektur. Und wie um den Unterschied zu den arkadischen Eingangszeilen noch zu verstärken, wiederholt sich die zerstückte Polyphonie erneut bei den Worten »Ch´ in fin qua giù«: »endlich hier unten«. Eine Faktur, die selbst noch den zweiten Zielpunkt des Madrigals, den himmlisch utopischen Fluchtpunkt des »cielo« zu überwuchern droht. Dass aber Lasso das »al porto« wie ein sehnsüchtiges Verlangen nach Ruhe und Heimkehr, nach dem Enthobensein vom irdischen Getriebe komponiert, ohne dass das Gedicht diese Deutung vorgeben würde, wird zur melancholischen Spur der Musik. Bspl. 11: Lasso, Al dolce suon (Alsfelder Vokalensemble, Wolfgang Helbich) (Tr. 1) (3´02) Erzeugt also das Flüchtige, sich Wandelnde, Instabile der parataktischen Weltsicht neben dem Spielerischen, Heiteren, Ironischen, Diesseitigen nicht doch fast zwangsläufig den Formenkreis der Melancholie? Melancholie aufgrund des Ungewissen, Flüchtigen, Vergänglichen der Bilder, Gedanken und Dinge? Entscheidender ist wohl, dass der Parataxe gewisse überzeitlich ideelle Sinninstanzen nicht zu Gebote stehen. Die Sinninstanzen einer absoluten Wahrheit und Moral etwa, die die Einsicht ins tragikomische Spiel der Welt mildern könnten. Auch bei Mozart zeigt sich die Sensibilität für das Flüssige von Ich und Charakter, für das Rapide und Diskontinuierliche der Bewusstseins- und Seelenzustände auf eine Weise, die das ›Pathos nicht mit den Mitteln des Ethos reden lassen‹ will. Mozarts ästhetischer Eros löst Vernunft affektiv in einen Verstand auf, der sich zu einer Folge von Eindrücken und Vorstellungen entbindet. Zu einer Reihe von Eindrücken, die dem Philosophen Hume zufolge »einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und beständig in Fluss und Bewegung sind«. Oder, um mit Diderot zu sprechen: »Ich hatte im Verlauf eines Tages hundert verschiedene Gesichter, je nachdem womit ich mich befasste. Ich war heiter, traurig, träumerisch, zärtlich, heftig, leidenschaftlich, begeistert«. Womit wir wieder bei Orlando di Lasso und seiner Revue des menschlichen Daseins wären: »Jetzt heiter, jetzt sanft, jetzt jäh, jetzt traurig, jetzt voll von Verstellung und jetzt doppelzüngig; jetzt lachend, jetzt weinend, jetzt kackend, jetzt essend – so dass es nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.« Lasso und Mozart: Parataktiker beide. Verweigerer einer Ankunft im Prinzipiellen. Sind sie deshalb auch Melancholiker? Nimmt das Menschlich-Allzumenschliche in Lassos und Mozarts Fahrten durch den Aufruhr der Affekte und in die Nacht des Geistes nicht oft genug den Glanz epikureischer Heiterkeit an? Gewiss. Und doch ist es der Glanz eines Heiteren, von dem es bei Goethe heißt: »Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön«. Bspl. 12: Mozart, Klavierkonzert C-Dur KV 415, Finale (Tr. 9) (2´44) Lasso, Al dolce suon (Tr. 1) (3´02) Beiträge demnächst verfügbar Bleibe dran...
- Johannes Bauer, Wie abstrakt ist abstrakte Malerei?
© Johannes Bauer, Prometheus V (2012), 48 x 36 cm, Acryl auf Papier Wie abstrakt ist abstrakte Malerei? Anmerkungen zu einer verwirrenden Begrifflichkeit Eröffnungsrede zur Ausstellung "Johannes Bauer, Spuren - Chiffren " , Berlin 2017 Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Magdalena, lieber Roland Pohl, natürlich freue ich mich sehr, Ihnen hier in den wunderbaren Räumen der Muthesius-Villa meine Bilder zeigen zu können. Ich möchte mich deshalb nochmals ganz herzlich bei Magdalena Behn, der Tochter meiner Freundin Martina, bedanken und bei Roland Pohl von der Berlinischen Galerie, dem Kurator der Ausstellung. Beiden gilt mein Dank dafür, dass sie diese Bilderschau initiiert und möglich gemacht haben. Und schließlich ein großes Dankeschön auch an Dich, liebe Martina, die Du mich in allem unterstützt hast. Ich möchte Ihnen nun ein paar Worte zu meinen Bildern sagen und dabei, wie im Titel meiner Eröffnungsrede angekündigt, den Gegensatz "real" und "abstrakt" etwas genauer unter die begriffliche Lupe nehmen. Bis auf wenige Ausnahmen - meist im Kontext archaischer oder mythologischer Themen - weicht meine Malerei von so genannter gegenständlicher Malerei ab, von einer Malerei also, bei der das Dargestellte relativ schnell erkennbar ist. Diese Abweichung basiert zunächst auf dem Lauf der Kunstgeschichte selbst. Seit der Renaissance versteht sich Malerei als Spiegel einer virtuosen Inszenierung von Welt und Natur und deren tiefsinniger Auslotung. Bis mit den Möglichkeiten der Fotografie die Spiegel-, sprich Abbildfunktion auf malerischem und skulpturalen Gebiet Konkurrenz bekommt. Für den Großteil der westlichen Malerei bedeutet diese Konstellation um 1900 das Ende einer Tradition und den Beginn eines neuen, anderen Darstellungsmodus. Der unscharfe Begriff "abstrakt" besagt nun das Abziehen der Darstellung im Sinn des lateinischen "abstrahere" vom wirklichkeitsgeleiteten und realitätsorientierten Abbild als Leitbild. Zum anderen gründet die weit gehende und lang anhaltende, wenngleich immer wieder durchbrochene Abkehr der europäischen Malerei vom Gegenstand in der Tatsache, dass das statische Abbild in einer hochbeschleunigten Welt der dynamischen Strukturen und Prozesse immer leicht zurückgeblieben wirkt und an die Grenzen des Sicht- und Darstellbaren stößt. Vielleicht kennen Sie ja Bertolt Brechts Äußerung aus dem Jahr 1931, dass "weniger denn je eine einfache > Wiedergabe der Realität < etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute". Denn die "eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht". Soweit Brecht. Meine eigene Distanz zu abbildhafter Malerei hat darüber hinaus auch mit der philosophischen Reflexion zu tun, dass die Gegenwart für mich weniger, wie oft behauptet, an einer Sinnleere leidet - einmal abgesehen vom fundamentalen Sinnvakuum als Folge eines weltflüchtigen Gottes -, vielmehr mit Sinnangeboten und Sinngeboten regelrecht überfrachtet ist - gebunden an schnelle Fassbarkeit und Wiedererkennung und an die Übermacht einer fotografischen Präsenz, die sich flexibel und stählern zugleich zu einer Realität der Realität verdichtet. Vielleicht haben Sie ja zuweilen ebenfalls das Gefühl, dass wir in einer Flut an Bildern, an Abbildern ersticken, die uns - massenhaft reproduziert - kaum noch etwas sagen. Selbst Bilder von Gewalt und Krieg berühren uns immer seltener, weil sie dokumentieren, ohne an das Grauen heranzureichen. Sie werden eher zu einer Art gutem Gewissen der Berichterstattung. Freilich muss es Bilder, Abbilder geben, aber eben nicht nur, auch wenn wir uns über die Jahrhunderte an folgende Gleichung gewöhnt haben: Ein Bild ist ein Abbild und ein Abbild ist ein Abbild von Dingen und Gegenständen bis hin zur Darstellung des Menschen als Bildgegenstand. Abgesehen davon, dass Erkennbarkeit und Planbarkeit als Realitätskonstanten in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ihre unbestrittene Relevanz haben, erzeugt das Übergewicht des Abbildhaften durchaus bedenkliche Nebenwirkungen. Ein wichtiges Lebenselixier von Kultur kommt schlicht zu kurz, sobald das fotografische Bildmodell als Form und Norm verabsolutiert wird: zu kurz kommen die Fähigkeiten selbstbestimmter kreativer Sensibilität und ästhetischer Urteilskraft. Meine Damen und Herren, von Antonin Artaud stammt ein Satz, der aufhorchen lässt: "Briser le langage pour toucher la vie", "Die Sprache brechen, um das Leben zu berühren". Für unser Thema könnte man diesen Appell abwandeln und sagen: > Die Bilder, die Abbilder brechen, um das Leben zu berühren. < Und mit Hugo von Hofmannsthal wäre noch eine zusätzliche Variante ins Spiel zu bringen: "Die Worte haben sich vor die Dinge gestellt", beziehungsweise > Die Bilder, die Abbilder haben sich vor die Dinge gestellt. < Diese Diagnose einer zur zweiten Realität gewordenen Mauer aus Worten und Bildern verstört fürs Erste eine klare Scheidung zwischen dem Realen und Abstrakten und lässt uns fragen: Ist real denn nur, was sich als Ding, als Gegenstand identifizieren lässt? Sind, zumal vom Blickwinkel der Kunst her, nicht auch Worte und Fantasien real, auch wenn sie nicht unbedingt gegenständlich zu fixieren sind? Sie sehen hinter mir drei meiner Farbtafeln, die jeweils eine leicht variierte Grundfarbe zum Thema haben, etwa die Farbe Blau, und sonst nichts. Wie steht es nun mit dieser Farbe Blau? Ist die Farbe Blau ein Ding? Ist ein Bild, das lediglich die Farbe Blau zeigt, überhaupt ein Bild? Natürlich ist das Bild selbst aufgrund seines Materials - Keilrahmen, Leinwand, Farbpartikel - ein Ding; aber das nahezu monochrome Blau des Bildes als Bild - ist das ein Ding? Ist, anders formuliert, ein Bild ohne Bild, ohne Abbild, nicht auch ein Bild? Auch wenn sich unsere Begriffe "real" und "Realität" vom lateinischen Wort "res", Ding, Sache, Gegenstand, herleiten: Ist real denn nur, was Dinge, Sachen, Gegenstände einschließlich des Bildgegenstandes Mensch unserem wirklichkeitsgeschulten Blick entsprechend zur Darstellung bringt? Diese Abbildtheorie geht weit zurück - auf das antike Griechenland nämlich, insbesondere auf Aristoteles. Ein Stoff wird durch die Form, durch die prägende Potenz des Geistes ding- und abbildhaft strukturiert. Deshalb auch stand die Farbe (χϱῶμα) lange Zeit als Kolorierung konsequent im Dienst der Form (σχῆμα): als blauer Himmel, als blaue Blume, als blaues Pferd gar. Blau als pure Farbe, als Farbe an sich aber greift auf die nicht gegenständlichen Bereiche von Symbol, von Stimmung, von Psychisch-Ideellem oder - wenn Sie so wollen - Seelischem über: als partieller Entzug des Sichtbaren und als Einfließen des Unsichtbaren in das Sichtbare. Dass indes dieser sinnlich-ideelle Wahrnehmungskreis vorschnell als "abstrakt" eingestuft wird, hat eben mit einer zu eng am Abbild orientierten Ein- und Abstufung zu tun und weniger damit, was das Kunstwerk als Wirkung in uns auslöst. Zurück zu meinen Farbtafeln und zur Emanzipation der Farbe, durch die eine außerordentliche künstlerische Entwicklung in Gang gesetzt wurde. Die Farbe löst sich vom Gegenstand und wird - ja wozu? Sagen wir zunächst zu einer Art Gegenstand des Bildes, entbunden vom Kolorierungs- und Formgebungsdienst an den Dingen. Besser noch: Farbe wird zu einer Art Fluidum, das auf die Einbildungskraft der Betrachter wirkt. Malerei als Farbmalerei repräsentiert also nichts gegenständlich Dingliches mehr, wenngleich sie weit eher als meditativ denn als abstrakt zu charakterisieren wäre. Wie könnten Stimmungen, Gefühle, Assoziationen und dadurch bedingte Denkvorgänge und Ideen abstrakt sein - außer in krud materieller Hinsicht? Zudem liegt in dieser im abbildlosen Kunstwerk verdichteten regellosen Fülle an Stimmungen und Assoziationen eine immense Freiheit für die Betrachter - ein Resonanzbereich, der nicht zu erschöpfen und seiner Wirkung nach überaus real ist. Und doch sind wir zunächst mit der Freiheit solcher abbildlosen Refugien überfordert. Frei von den Bild- und Erklärungsinstanzen, die uns sagen, was und wie wir zu sehen haben. Denn die Frage "Was ist das? Was soll das sein?" - tagtäglich gestellt vor so vielen Werken vermeintlich abstrakter Malerei - verrät nicht nur eine Verunsicherung im Blick auf das Dargestellte, sondern immer auch eine Verunsicherung im Blick auf die Sinn- und Deutungsmuster des Dargestellten. Aber täuschen wir uns nicht: Ähnlich wie die als klassisch gehandelte Musik ein ungemein genaues musikalisches Hören und Denken verlangt, um adäquat rezipiert zu werden, verlangt auch die als eingängig empfundene klassische Abbild-Malerei mit ihrem Symbol- und Anspielungsreichtum viel Wissen, um sie angemessen zu verstehen. Bild und Bildung hängen hier eng zusammen. Anders - und hierin vergleichbar der Neuen Musik - die Malerei der Moderne. Ungebunden und frei vom Gesetz des Abbilds erzeugt sie einen gedanklich-sinnlichen Schwingungsbereich, der die begriffliche Klärung zunächst auflaufen lässt. Abstrakte Malerei, um den gängigen Terminus aufzugreifen, setzt eben, weitgehend befreit vom Bildungskorsett und von jedweder Fachgelehrsamkeit - ich wiederhole mich -, auf die individuelle Kraft des Entwurfs der Betrachter und nimmt sie ernst. Traue Deinen imaginativen Fähigkeiten, lautet demnach ihre Devise. Du darfst frei assoziieren, denn Du kannst beim Betrachten abbildloser Bilder nicht gegen Seh- und Wissensnormen verstoßen, auch wenn "abstrakte" Malerei auf ein eine Wahrnehmung zielt, die nicht ständig wie unter Zwang Abbildhaftes im Abbildlosen zu finden hofft. Zudem kommt es bei meiner Malerei darauf an - insbesondere bei den Farbtafeln, die, wie Sie merken, mir sehr am Herzen liegen -, den Blick zu verlangsamen und zur Ruhe kommen zu lassen, ohne die Einbildungskraft sofort wieder mit Beschlag zu belegen. Mitunter stellt sich dann eine Leere ein, die zur Fülle wird, indem sie abbildlose Freiräume schafft und die zerstreuten und nicht selten malträtierten Sinne wieder zur Besinnung kommen lässt. Vielleicht empfinden Sie ja auch des Öfteren, dass gerade das Vage, das Undeutliche, das Unbestimmte und damit Rätselhafte etwas Neuem und Unbekanntem Kontur geben. Mit diesem Vagen, Unbestimmten und Rätselhaften inmitten all der Abbilder und ihrer Realitätsdoktrin verbindet sich aber noch ein anderer Aspekt. Möglicherweise haben Sie sich selbst schon manchmal bei der Begegnung mit abbildloser Malerei zu Recht gefragt, warum so viele ihrer Bilder fragmentarisch wirken. Auch in etlichen meiner Bilder, beispielsweise in der hier ausgestellten Arbeit Nr. 17 (Ohne Titel) aus dem Jahr 2013, werden Sie solche Züge finden. Was aber heißt das? Nun, nichts anderes, als dass das Unvollendete, das Skizzenhafte, das Unfertige und Ungeformte bewusst oder unbewusst Spuren der Vergänglichkeit durch das Werk ziehen - gegen die gerundete Unsterblichkeit des formenden Geistes in den klassischen Meisterwerken, die den Stoff triumphal und zumal in einer Zeit der religiösen Weltbilder gewissermaßen noch unter göttlicher Schirmherrschaft bändigen. Dieser Triumph spielt in der so genannten Abstraktion keine Rolle mehr. Wie in Neuer Musik wird auch in der Malerei der Gegenwart der Natur- und Triebgrund des Geistes aufgedeckt und freigelegt. Der vormals niedere Stoff wird jetzt nicht mehr als Rohmaterial der Formgebung behandelt, abgeschliffen und geglättet. Formung versteht sich in erster Linie keineswegs mehr als eine Unterwerfung des Stoffs durch die Idee. Bei diesem Ablassen von der Unerbittlichkeit der Formung handelt es sich um die Rücksicht und Achtung auf das Naturhafte in uns, auf Physis und Körperlichkeit und damit auf die Begrenztheit von Ressourcen und Leben. Das Brüchige und Unvollendete lässt in unserer Zeit der Himmels- und Transzendenzferne und damit einer Zeit der größeren Aufmerksamkeit auch auf irdische Belange in das Kunstwerk die Spur des Todes ein: über die Spur des Hinfälligen und Vergänglichen Deshalb werden in moderner Kunst auch die Materialien und das Stoffliche so wichtig. Denken Sie beispielsweise nur an die Arbeiten von Joseph Beuys. Sich diese Tendenz gegenwärtiger Malerei hin zum Fragment bewusst zu machen, um darin auch die eigene Endlichkeit zu erkennen, gnädiger gegenüber der eigenen Schwäche zu werden und ein wenig vom Druck der Machbarkeitsdiktate abzurücken, auch darauf käme es an. Entsprechend geht es auch in meinen Schriftbildern, von denen Sie zwei an der Seitenwand dieses Raums sehen, um Brüchiges, genauer: um Sinnrisse als Störzonen im Grenzbereich zwischen Lesbarem und Unlesbarem, zwischen Konkretem und Abstraktem also, und um unseren allzu geläufigen Umgang mit Schrift und Sprache. Wie steuert etwa unsere Grammatik der Aussagesätze und Urteilsformen unser Denken? Was kann mit dieser Grammatik in Schrift und Sprache gedacht werden und was nicht? Auch hier wollen meine Bilder durch die Unterbrechung des Schreib- und Leseflusses und durch die Irritation der Erkennbarkeit von Schrift auf etwas routiniert Alltägliches und daher kaum noch Bewusstes aufmerksam machen und zum spielerischen Nachdenken anregen: zum Nachdenken über das Verhältnis von Geist und Buchstabe, von Idee und Material sowie deren Fragilität und Anfälligkeit als einer wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Form und Stoff. Lassen Sie mich nun abschließend ein knappes Resümee ziehen: Meine Malerei will die je eigene Fantasie- und Entwurfskraft anregen. Sie will - wie moderne Malerei insgesamt - den Blick auf Offenheit hin öffnen, auf ein Sehen ohne Geländer, ohne Abbild und daher oftmals auch ohne Bildtitel. Und sie will - alles andere als abstrakt - zu einer Reise ins Unbekannte animieren, die aufgrund ihrer Fahrt in freies, gleichsam unbesetztes Gelände eventuell und punktuell sogar bewirken kann, etwas vom eigenen Anstrengungsdruck abzulassen und - Sie erinnern sich - endlichkeitsfähiger zu werden: dadurch aber gelassener, selbstbestimmter, weil weniger entfremdet von uns selbst und unserem Lebensgrund. Denn, um es nochmals zu sagen, abseits der überkommenen altbekannten Sinn- und Bildordnungen und ihres Erwartungshorizonts liegt kein Brachland, sondern eine Oase ästhetischer Freiheit und die Verlockung zu neuen Perspektiven. Moderne Malerei offeriert demnach Möglichkeiten und Experimente der Erfahrung, ohne einen verbindlichen Sinn aufzuzwingen. Insofern hat sie es weniger mit einer Realität im Sinn des römisch-europäischen Begriffs der "res", der Dinge und Sachen zu tun als mit einer Wirklichkeit im Sinn von Wirksamkeit und Verwirklichung, mit etwas Aktivem, Lebendigem also, gerade auch, was die Wahrnehmung der Betrachter anbelangt. Moderne Malerei will eher entleeren als belehren. Sie will Schneisen des Unbekannten in das allzu Bekannte treiben, sie will freiräumen. Es geht ihr mehr um die Leere zwischen den Dingen oder - wie bei meinen Schriftbildern - um das Weiße zwischen den Worten, mehr um das, was nicht im Abbild aufgeht, mehr um das In-der-Schwebe-Lassen, um Chiffren und Andeutungen in einem Echoraum des Geheimnisvollen, weil eben nicht sofort Identifizierbaren, das für unser Leben so bedeutsam ist und so oft zu verschwinden droht. Natürlich klingt das alles allzu pastoral und nach einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung der Kunst. Was könnte Malerei als ein ästhetisches Ereignis, dem es um das Jetzt des Augenblicks geht, gegenüber unserem Getriebensein ausrichten, gegenüber unserer Rastlosigkeit und unserer Zeitangst etwas zu verpassen? Gegenüber unserem Heroentum des Bezwingens und Behauptens, des Expandierens und Akkumulierens über alles Maß hinaus, das Welt und Dinge so überaus schwer werden lässt. Oder klingt die These vom Einspruch der Kunst doch nicht nach esoterischem Größenwahn? Am besten, wir lassen dieses Gedankenspiel fürs Erste einfach unwidersprochen. Ich als Maler wünsche mir jedenfalls, dass Sie Freude an den Bildern haben und sie genießen können, ein ästhetisches Verhalten, das lange Zeit im Zug einer Kunst des Protests, der Klage und Anklage verpönt war. Aber, wie Gerhard Richter einmal geschrieben hat, es muss auch wieder möglich sein, "schöne Bilder" fernab der Katastrophen zu malen und zu rezipieren. Nehmen Sie sich also etwas Zeit für meine Malerei. Lassen Sie sich auf sie ein und lassen Sie die ausgestellten Arbeiten in verschiedenen Stimmungen und unter wechselnden Lichtverhältnissen auf sich wirken. Gönnen Sie sich also Muße, auch wenn dies für die schnelligkeitstrainierten Visualisierungsanforderungen unserer Zeit selbst schon wieder eine gewisse Zumutung bedeutet. Und weil ich vorhin von der Vergänglichkeit gesprochen habe und unser aller Lebenszeit eben jetzt, in diesem Augenblick vergeht und allein schon dadurch zum kostbaren Gut wird, möchte ich diese unsere Lebenszeit nicht weiter strapazieren und wünsche uns allen einen unbeschwerten Abend. Und nochmals herzlichen Dank für Ihr Erscheinen und Ihre Aufmerksamkeit.
- Johannes Bauer, Goethe und Beethoven. Wechselseitige Spiegelungen
»...diese Verflechtung des streng-trockenen Technischen mit ästhetisch-sentimentalen Ereignissen« Goethe und Beethoven Wechselseitige Spiegelungen im Inkommensurablen Johannes Bauer 27. Mai 2019 Beethoven Johannes Bauer 26. Nov. 2018 Mozart Südwestrundfunk 1999 Beethoven, Neunte Symphonie , 1. Satz, T. 1-73. (1'55'') Der Anfang von Beethovens Neunter Symphonie macht bewusst, wie Musik ihre kompositorischen Mittel zu reflektieren beginnt. Die Exposition des Hauptthemas nimmt sich in einer Geste der Revision zurück, um in einem zweiten Versuch den kritischen Punkt des ersten Modells zu überwinden: durch den Einsatz eines hebelartig wiederholten Motivpartikels. Auch wenn der zweite Ansatz trotz des Eingriffs erneut ins Leere läuft, bedeutet die Reformulierung eine Verwerfung des ersten Entwurfs und die Besinnung auf eine veränderte Strategie. Beethoven, Neunte Symphonie , 1. Satz, T. 1-73. (1'55'') Mit dieser Verwerfung erweckt Beethoven den Eindruck eines komponierten Irrwegs. Was sonst dem Skizzenbuch anvertraut blieb, geht in die Gestalt des Werks selbst ein und zersetzt dessen Homogenität. Der Tribut, den Kunst der „Prosa der Welt“ zu entrichten hat, nähert Goethes und Beethovens Spätwerk einander an. Zurückgedrängt wird die ästhetische Stilisierung; die Macht der Formung, die dem Stoff gönnerhaft den Schein der Freiheit gewährt. Überdeutlich werden die Gesten des Eingriffs und die Thematisierung des Materials. Eine Facette dieser Thematisierung und der damit zusammenhängenden Selbstreflexion des Kunstwerks repräsentiert in Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre zu Gunstenkung des im Hintergrund wirkenden allwissenden Autors zugunsten eines Redakteurs, der die Organisation der Stoffmassen aufdeckt. Das liest sich dann folgendermaßen: Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir einen Schwank, den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten, weil (...) wir für dergleichen Unregelmäßigkeiten fernerhin keine Stelle finden möchten.(378) Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt.(258) Hier aber finden wir uns in dem Falle, dem Leser eine Pause und zwar von einigen Jahren anzukündigen, weshalb wir gern, wäre es mit der typographischen Einrichtung zu verknüpfen gewesen, an dieser Stelle einen Band abgeschlossen hätten.(244) Von solchen redaktionellen Eingriffen ist der Weg zur Schnitt- und Blendentechnik in den Tempo- und Gestaltwechseln der späten Streichquartette Beethovens nicht weit. Auch hier entäußert sich der Eingriff des Autors zur Dehnung und Raffung von Kontinuität und Zeit. Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130 , 1. Satz, bis ca. T. 34 (2'10''). Mozart hat jenes „überhand nehmende Maschinenwesen“ des beginnenden Industrialismus nicht mehr erlebt, auf dessen traditions- und bewusstseinsattackierende Wucht Goethes und Beethovens Spätwerk reagiert. Zumal durch den enzyklopädischen Zug einer umfassenden Geschichtspräsenz. Bei Beethoven vom Tanz bis zur Fuge, von Rezitativ und Aria bis zur Sonate reichend; bei Goethe, allein im Rhythmischen, vom Altdeutschen bis zur Antike, vom romanischen Formenkreis bis zu aktuellen Neubildungen. Eine Materialfülle, die oft in verschwenderischer Lässlichkeit präsentiert wird. Oder mit einer großzügigen Flexibilität der Disposition. Der Austausch ganzer Sätze in Beethovens letzten Streichquartetten erinnert an Goethes Verfahren, Spruchsammlungen als eine bewegliche Masse der Wanderjahre einzusetzen, um im wahrsten Sinn des Wortes Bände zu füllen. Dieses organisatorische Laisser-faire führt ins Innere der Werke. Sie lassen das Gebot strenger Durchorganisation hinter sich und werten im Abrücken von einer unabänderlichen Folgelogik die autonomen Teile gleichgewichtig auf. Dass die Wortsprache auf ein zeitliches Nacheinander angewiesen ist, das es ihr im Gegensatz zur Musik nicht erlaubt, unterschiedliche Motive und Themen simultan zu überlagern, kann Goethe deshalb in den Wanderjahren auf musiknahe Weise überschreiten. Indem der Roman die Folgelogik aufbricht, lockert er die Vermittlung des Einzelnen in der Zeit und lässt die Motivkreise in räumliche Gleichzeitigkeit zueinander treten. Schließlich greift ja die Musik selbst diese Konstellation auf: in Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli . Auch sie sind auf Verräumlichung hin angelegt: in Form eines Zirkels experimenteller Modellvarianten. Weit entfernt von den gesteigerten Variationen der Neunten Symphonie und mit einem Hang zur Typisierung wie er den Charakteren in Goethes Wanderjahren eignet. So versenkt sich die zwanzigste Variation in ein Themensubjekt am Rand seiner Identität: entindividualisiert und ins Abstrakte gewendet, vor seiner endgültigen Auflösung nur noch durch die Periodik des Ausgangsmodells bewahrt. Wie bei Goethe ist die Unverwechselbarkeit des Helden, die Einzigartigkeit des Subjekts nicht mehr von Belang. Faust wird in der ‘Tragödie zweitem Teil’ nur mehr als eine „Art von durchgehender Schnur“ benutzt, „um darauf die verschiedensten ‘Weltenkreise’ aneinander zu reihen“(Eckermann, 13. 2. 1831), während Wilhelm Meister in den Wanderjahren als Individualität im „funktionellen Figurenspiel der Erzählkreise“ (Borchmeyer, 304) verschwindet. Was könnte mehr vom übermächtigen Weltgetriebe zeugen als das Phänomen, dass sich die heldische Individualität ins Typische auflöst? Beethoven, Diabelli-Variationen (Thema + Variation Nr. 20). (2'32'') Fraglos auch die Gemeinsamkeiten in der Überlagerung von Sprache und Gegensprache. Dass die Cavatina aus Beethovens Streichquartett op. 130 über einem metrisch konstanten Puls rhythmisch freischwebende Melodiepartikel wie „beklemmt“ stocken lässt, erinnert an das Unterlaufen syntaktischer Ordnungen bei Goethe. Etwa im Mittelteil der fünften Strophe der Marienbader Elegie , der etwas atemlos Abgerissenes annimmt. Wie in Beethovens Cavatina die periodische Regularität von irregulären Sequenzen mit prosaisch-realistischer Wirkung durchsetzt wird, so beginnt in Goethes Elegie die strenge Stanzenform, die die seelische Erschütterung auffangen soll, im zeitweisen Verlassen der wohlartikulierten Diktion zu beben: durch Überdehnung der grammatischen Bahn im Aufschub klarer Bezüge. Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden Mit jedem Stern des Himmels um die Wette An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden ; Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere Belastens nun in schwüler Atmosphäre. Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130 , Cavatina, T. 33 (3. Viertel) - T. 52 (1. Viertel) (1'52''). Die Cavatina aus dem Streichquartett op. 130 von 1825: sie ist Beethovens große Elegie, vergleichbar der berühmten Marienbader Goethes von 1823. Beide Konfessionen thematisieren das Motiv des Herzens und seiner Qualen."Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide." Figuren der Enge, der Angst werden akut. „Beklemmt“ steht über dem von Ces-Dur nach as-Moll führenden Mittelteil von Beethovens Cavatina . Vom „wüsten Raum beklommner Herzensleere“ spricht Goethes Elegie . Und immer wieder die Hoffnungssehnsucht, kontrapunktiert der Erfahrung äußerster Einsamkeit. „Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen“. Wird bei Beethoven das rezitativische Stammeln des „Beklemmten“ von kantablen Teilen flankiert, die flüchtig auf Leonores Hoffnungsarie aus dem Fidelio anspielen, „dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle“ auch in Goethes Spätgedicht. Und sei es nur in der Erinnerung. Momente des Aufschwungs und des Sturzes in beiden Monologen. Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130, Cavatina.(7'18'') Entgegen der Überzeugung, dass alles gesagt werden kann, wissen der späte Goethe und der späte Beethoven von der Bedeutung des Ungesprochenen, Nichtkomponierten. Von dem, was sich aus der wechselseitigen Spiegelung der Teile ergibt, wie Goethe dies 1827 formuliert: Da sich manches unserer Erfahrungen nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt, durch einander gegenübergestellte und sich gleichsam ineinander abspiegelnde Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zu offenbaren.(Goethe an K. J. L. Iken, 23. 9. 1827.) Diese Rhetorik des Verschweigens und der Andeutung durch wechselseitige Erhellung hat viel mit dem zu tun, was in der Ornamentik Negativform heißt. Damit, dass ein Muster, eine gewebte Textur, ein geschriebener Text das von ihnen Begrenzte und Ausgesparte zu einem zweiten Muster, einer zweiten Textur, einem zweiten Text ausformen. Als eine solche Negativform konturiert sich in den Spätwerken Goethes und Beethovens das Problem, wie denn nach dem Zerfall der Dreifaltigkeit von Gott, Wahrheit und Sprache noch zu schreiben, zu komponieren sei, ohne in Unverbindlichkeit oder romantische Fluchttendenzen abzugleiten. Eine Möglichkeit liegt darin, die Sprache für die Härte der Realität und deren poetische Transfiguration geschmeidig zu halten. Es ist, als würde Goethes offene Form dem Roman der Wanderjahre Fenster öffnen, durch die die „Prosa der Welt“ eindringen kann, um das Werk nicht von innen her zu sprengen. Goethe selbst war es ja, der sich anlässlich der Wanderjahre über den Versuch mokiert hatte, „das Ganze systematisch konstruieren und analysieren zu wollen“. Gebe sich doch der Roman „nur für ein Aggregat“ aus, für einen „Verband der disparatesten Einzelheiten“. Dennoch: das Risiko, dem Goethe die Prosa der Wanderjahre im Pakt mit der „Prosa der Welt“ aussetzt, ist enorm. Bekannt sind die Stellen über das Weberhandwerk, die Goethe als ungefilterte Sachprosa in den Roman einlässt: Rechtsgedreht Garn gehen 25 bis 30 auf ein Pfund, linksgedreht 60 bis 80, vielleicht auch 90. Der Umgang des Haspels wird ungefähr sieben Viertel Ellen oder etwas mehr betragen, und die schlanke, fleißige Spinnerin behauptete, 4, auch 5 Schneller, das wären 5000 Umgänge, also 8 bis 9000 Ellen Garn, täglich am Rad zu spinnen. Goethe bezeichnet solche Legierungen von Prosa und Poesie als eine „Verflechtung des streng-trockenen Technischen mit ästhetisch-sentimentalen Ereignissen“. Oder als den Versuch, „einen hinlänglich realen Zettel zu einem poetischen Einschlag vorzubereiten“. Ein Gleichnis aus dem Gebiet der Weberei, das für das lose und mit neuen Bindungstechniken arbeitende Alterswerk Goethes an Bedeutung gewinnt - und für dessen Kritiker. Das Ineinandergreifen von „Zettel“, also den längsverlaufenden Kettfäden des Webstuhls, und „Einschlag“, den vom Weberschiffchen quergezogenen Schussfäden, repräsentiert für den Dichter das lebendige Verwobensein von Natur und Geschichte, von Gesetz und Erscheinung, von Dauer und Wechsel. Großartig formuliert im Antepirrhema aus Gott und Welt : So schauet mit bescheidnem Blick Der ewigen Weberin Meisterstück, Wie ein Tritt tausend Fäden regt, Die Schifflein hinüber herüber schießen, Die Fäden sich begegnend fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt! Das hat sie nicht zusammengebettelt, Sie hats von Ewigkeit angezettelt; Damit der ewige Meistermann Getrost den Einschlag werfen kann. Sicher hat die Zeile: „wie ein Tritt tausend Fäden regt“, den bereits von einem Punkt aus gesteuerten Webstuhl vor Augen. Einen Webstuhl, der seine Einzelmechanismen sinnvoll kombiniert wie die 1805 von Jacquard konstruierte Webmaschine. Bei ihr dirigiert ein System von Lochkarten das Spiel der Schäftestellungen und das Ausheben der Kettfäden, mit dem Resultat einer äußersten Vielfalt und Feinheit an Mustern und Geweben. Natürlich ist die Analogie zwischen Text und Gewebe augenfällig. Sprache als Textur, als Text, als ein Netz, in dem sich die Erfahrung von Welt in mannigfaltigsten Mustern bricht. Dass sich im Gewirr der Worte der gedankliche Faden nicht verlieren darf; dass entsprechend der Verriegelung der Kett- und Schussfäden die Bindungskräfte des Satzgefüges mobilisiert werden; dass die Sperrung oder die Freigabe der einzelnen Kettfäden das Abweben des Musters bedingt, während die Sprache durch Sperrung oder Freigabe einzelner grammatischer Bahnen dem Muster von Sinn und Fabel zuarbeitet: die Vergleiche ließen sich beliebig fortsetzen. Brisant werden die Parallelen allerdings im Fall der Faust II -Parodie Friedrich Theodor Vischers von 1862. Sie stößt sich am Mechanischen in Goethes später Sprache; an ihrer, wie Vischer argwöhnt, industriellen Reproduzierbarkeit. Ausgeworfen vom Selbstläufertum einer Wortmaschine, deren Getriebe es bloßzulegen gilt. Steht also hinter den Sprachmustern des späten Faust -Dramas der Automatismus eines Kalküls? Ein Goethe'scher Sprachmotor, der eine Art fabrikmäßiger Poesie-Ware ausstößt? Etwa so wie bei der geistvollen Jacquard-Maschine hinter dem Organismus der Gewebemuster der Mechanismus des Gestanzten steht? Vischer jedenfalls setzt seine Mechanismus-Schelte in eine virtuose Persiflage um. Er will die Technik, das Künstliche in Goethes Kunstsprache aufdecken, die Machbarkeit des Gemachten. So antworten Goethes ‘Chor der Rosen streuenden Engel’: Rosen, ihr blendenden, Balsam versendenden! Flatternde, schwebende, Heimlich belebende Zweigleinbeflügelte, Knospenentsiegelte, Eilet zu blühn! - die „Geister“ von Vischers Drittem Faust mit dem Hohn maschineller Geläufigkeit und mit der perfekten Anverwandlung einer Sprachmanier des Goethe'schen Zweiten : Selig derjenige, Der die Helenige, Mehr krinolinische Als heroinische, Nicht sehr natürliche, Wächsern figürliche, Klassisch beschwatzende, Mannsgeist befratzende, Dann die euphorische, Hüpfend emporische, Auf und ab purzliche, Springende, sturzliche, Naseweis knabische, Gummiarabische, Sturmdrangpoetische, Wilde, phrenetische, Lordische, britische, Launische, wittische, Zweifelzerbissene, Weltschmerzzerissene, Willen kastrierende, Dasein negierende, Prüfung bestanden! Hat Goethe die selbstauferlegte Prüfung seines in Musik hinüberspielenden Sprachexperiments Faust II also doch nicht bestanden? Sicher hat Vischers geniale Parodie die Gefährdung einer Poesie aufgedeckt, die die prosaische Welt bis in die rapporthafte Schematik des Sprachgewebes einlässt. Aber er hat mit dem Risiko die Widerstandskraft dieser Sprache übersehen. Übersehen also, mit welchem Wagnis Goethes Faust II Extreme eingeht und durch deren Inkommensurabilität an Ausdruck gewinnt. Dass die poetische Sprache abstürzt, wenn sie sich von der „Prosa der Welt“ reinzuhalten sucht, ist das eine. Dass sie abstürzen kann, auch wenn sie sich dem Prosaischen stellt, im Sturz aber wieder in Poesie umzuschlagen vermag, das andere. Und noch etwas hat Vischer übersehen: dass das Einlassen mechanischer Momente zum Bewältigungskanon der Kunst um 1820 gehört. Vischer hätte also auch bei Beethoven fündig werden können. Etwa wenn im zweiten Satz der Neunten Symphonie der orgiastische Rhythmus zerfällt, abbricht und im Stillstand endet: ähnlich der Wirkung auslaufender, abbrechender und erneut anhebender Rotationen. Mechanisierungen, die den Verlauf auf die Folie leerer Zeit hin durchschlagen. Eine Plötzlichkeitserfahrung der frühen Moderne und zugleich eine Entbürdung von formender Regie. Dass sich der Rang eines Komponisten danach bemisst, inwieweit er den tonsprachlichen Fundus von Stereotypie zu entbinden weiß, vergisst Beethoven im Umkreis dieser Abbrüche bewusst. Er inflationiert den Quintenzirkel mit Absicht. Unbekümmert um das Vermittlungssoll kompositorischer Logik nähert sich die Musik der Schablone an. Komponierte Zeit verrinnt in die empirisch leere. Beethoven, Neunte Symphonie , 2. Satz, T. 9 (der Whlg. des ersten Scherzoteils) - T. 176 (1'32''). Beethovens Erschütterung des Kontinuums antwortet auf die Krise der Tradition. Dass der gesellschaftliche Verlust von Tradition und Kontinuität nicht mehr guten Gewissens im Kunstwerk kaschiert werden kann, entmächtigt dessen Anspruch, Zeit ungebrochen zu organisieren. Störungen der Zeitordnung freilich bedeuten Irritation von Sinn. Eine Irritation allerdings, die neue, ungewohnte Assoziationshöfe öffnet. Goethes und Beethovens Spätwerk ordnet sich nicht mehr um ein benennbares, verbindliches Zentrum, das die erloschene göttliche Bindungskraft durch sinnhafte Weltmodelle beerbt. Innerhalb des ästhetischen Kosmos soll zwar alles gleich nah zum Mittelpunkt sein, der Mittelpunkt selbst jedoch entzieht sich ins Leere. Das Zentrum löst sich in die gleichgewichtigen Gravitationsschwerpunkte der Teile auf, die ihren Zusammenhang untergründig stiften. Bei Beethoven durch das Symbol eines Viertonmotivs, das die Klammer zumal der Streichquartette opp. 130, 131 und 132 liefert. Bei Goethe durch das Leitmotiv der „Entsagung“ und das des „Kästchens“, das den Roman der Wanderjahre hochsymbolisch und real zugleich durchzieht, unerschlossen und geheimnisvoll wie eine black box, um modern zu sprechen. Auch in den späten Beethovenquartetten wird das ‘Knüpfen’ von „Assoziationen“, die „halblatent bleiben“, „wesentlicher als die manifeste motivische Arbeit“(Carl Dahlhaus). Entscheidend bleibt das Prinzip der Streuung in einer zur Offenheit tendierenden Form und die Anforderung an die Koordinationskraft der Leser und Hörer. Die offene Form weitet sich ins Unendliche, weil die Aufkündigung der Folgelogik die Teile unendlich mobil werden lässt. Wenn sich der Beginn von Beethovens Opus 130 keineswegs wie eine eindeutige Anfangsgeste anhört, sondern nicht weniger wie die Fortspinnungssequenz innerhalb einer Komposition, oder wenn Goethes Wanderjahre mit einem „Ist fortzusetzen“ enden, dann sind dies frühe Beispiele für eine Destabilisierung des Beginnens und Schließens und damit für eine Entmächtigung der Form selbst, ihres Alphas und Omegas nämlich. Beethoven, Streichquartett B-Dur op. 130 , 1. Satz, Beginn bis T. 4 (2. Viertel). (0'25'') Ähnliches in der letzten der Bagatellen op. 126 , deren sechs Anfangstakte zugleich wie entschiedene Schlusstakte wirken: Beethoven, Bagatelle op.126, 6, Beginn bis ca. T. 12. (0'25'') Anfangstakte, die das Stück dann tatsächlich unverändert als Schlusstakte einsetzt. Beethoven, Bagatelle op.126, 6 , T. 63 bis Ende.(0'25'') Anfang und Ende sind verwechselbar, austauschbar: wohl eine der radikalsten Arten, Form als Entwicklung zu verabschieden. Wie sich indes mit der Relativierung von Anfang und Ende auch die Vermittlung im Innern der Werke lockert, zeigt Goethes und Beethovens Spätwerk durch die bewusst eingelassenen Aussparungen. Durch die Leerstellen des Verschweigens in den Wanderjahren oder in Form der verweigerten Mitte in Beethovens Streichquartetten, etwa ihren zu harten Kontrasten gerafften Modulationswegen. Hinter all dem steht eine Idee des Poetischen, die Goethe 1827 so formuliert: je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion desto besser.(RO86) Dass diese Inkommensurabilität den Zufall begünstigt, liegt auf der Hand. In den Wanderjahren sieht Goethe etwas wie im „Leben selbst“ am Werk: Notwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Angeschlossenes, bald gelungen, bald vereitelt, vereint, wodurch das Buch eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich ins verständige und vernünftige Wort nicht durchaus fassen noch einschließen läßt.(an Johann Friedrich Rochlitz, 23. 11. 1829). Ist es deshalb verwunderlich, wenn die Wanderjahre dem Autor des Tristram Shandy ein Denkmal setzen? Laurence Sterne also, der den Zufall als Produktivkraft der Abbrüche, der Um- und Abwege feiert, um zwischen dem Zerstückelten und Entlegensten Funken zu schlagen? Die Aphorismen, die Goethes Wanderjahre Sterne widmen, sind deshalb kommentierende Spiegelungen des eigenen Spätwerks. Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden können.(482) Aphoristische Verdichtungen formulieren auch Beethovens späte Bagatellen ; wie die Spruchsammlungen in Goethes Wanderjahren entlastet von ausgreifender Argumentations- und Durchführungsarbeit. Eine experimentelle Musik der raschen Anspielungen und Assoziationen und der Anforderung an eine Einbildungskraft, die der komponierten Diskontinuität unterschiedlichster Stimmungen und Gedanken gewachsen ist. Diesem, wie Goethe an Sterne rühmt, schnellen Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und Gleichgültigkeit, von Leid und Freude.(484) Dieser Unmöglichkeit, über einen ernsten Gegenstand zwei Minuten zu denken.(484) Beethoven, Bagatellen op. 119, Nr. 6 und 7 (3'02''). Goethes und Beethovens späte Werke haben es mit einer Realität zu tun, die nach dem Einlösungsdefizit der Französischen Revolution, nach dem Konkurs überzeitlicher Ideale und inmitten der frühindustriellen „Unrast“ die künstlerische Produktion immer mehr zu einer der Verweigerung schärft: im Widerstand zur tödlichen Mitte der Konvention und gezeichnet vom Trauma der Welt. Von diesem Trauma her erhellt Goethes und Beethovens enzyklopädischer Anspruch in all seinen Brüchen und Beschwörungen den Blick auf das metaphysisch entzauberte Asyl der Moderne. Sich der „Prosa der Welt“ zu stellen, lautet das ebenso offene wie geheime Motto. In einer Verwebung mit dem Poetischen, die Unterscheidungen nicht mehr zulässt, wie in Goethes Wolkengestalt nach Howard : Vor Sonnenaufgang leichte Streifen an dem ganzen Horizont hin, die sich erhoben und verflockten, sobald sie hervortrat. Die Fahne, vollkommen in Nord, stand unbeweglich, mit wachsendem Tag häuften sich die Wolken. In Alexandersbad stand das Barometer 28 Zoll weniger anderthalb Linie, welches nach der Höhe des Orts schön Wetter andeutet.(...) Das leichteste Gespinst der Besenstriche des Zirrus stand ruhig am obersten Himmel, ganze Reihen von Kumulus zogen, doppelt und dreifach übereinander, parallel mit dem Horizonte dahin, einige drängten sich in ungeheure Körper zusammen (...). Wo liegt hier die Grenze zwischen Poesie und Prosa? Zwischen lyrischer Emphase und wissenschaftlicher Präzision? Zwischen bildhafter Imagination und begrifflicher Exaktheit? Goethe selbst hat gehofft, dass beide sich „freundlich“, „auf höherer Stelle, gar wohl wieder begegnen könnten“. Eine Versöhnung im Ungetrennten, von Kunst und Leben auch, wie sie im fünften Satz von Beethovens Cis-Moll-Quartett Kontur annimmt. Einem Satz, dessen poetische-prosaische Legierung von Trieb und Getriebe auf flüchtige Oasen des „piacevole“ hin durchlässig wird, des „Freundlichen“, um nochmals Goethes Wort aufzugreifen, - und auf Kinderliedhaftes, befreit von Ernst und Askese. Beethoven, Streichquartett cis-Moll op. 131 , 5. Satz (ca. ab T. 278). (2'30'')
- Johannes Bauer, Zum pneumatischen Formenkreis der Neuen Musik
METAspracheATEM Zum pneumatischen Formenkreis der Neuen Musik Atmen wird in der Neuen Musik zu einer Sprache sui generis. Zu einer Sprache, die nicht im Identitätsmonopol der Person aufgeht. Anders als die Stimme, die über ihr Frequenzspektrum exakt identifizierbar ist. Wird von Spracherkennung schon zur Genüge Gebrauch gemacht, wäre Atemerkennung ein Unding. Atmen erlaubt höchstens geschlechtsspezifische Unterscheidungen. Und doch: trotz der Verunmöglichung individueller Erkennbarkeit reicht Atmen ins je eigene Dasein hinein wie keine Sprache sonst. Deshalb entäußert sich komponiertes Atmen zum kreativen Unterbau von Sprache überhaupt, während die Wortsprachen vorab am Erbe der babylonischen Sprachverwirrung zu tragen haben. Atmen das Allgemeinste und Individuellste. Gattung wie Individuum gleich eng verbunden. Ist es demnach verwunderlich, wenn der Atem – schon seinem Begriff nach nur im Singular verwendbar - im vielfältigen Idiom komponierten Atmens zu einer vor- und übersprachlichen Lingua franca wird? Zu einer, die vom naturalen Subtext der Zivilisation spricht? Briser le langage pour toucher la vie. Antonin Artaud Schreie, Glossolalien: Artauds skandalträchtige Radioaufnahme pour en finir avec le jugement de dieu lässt etwas von der Szenerie jenes 8. Januar 1889 erahnen, an dem Franz Overbeck seinen Freund, den Philosophen Friedrich Nietzsche, »stöhnend und zuckend« in dessen Turiner Logis an der Via Carlo Alberto vorfand. Hineingeglitten in den »Kreis der Wahnvorstellungen«, die mitunter wie die Inszenierung eines Delirierenden wirkten: »Fetzen aus der Gedankenwelt, in der er zuletzt gelebt hat«, hervorstoßend, »worauf wieder Konvulsionen und Ausbrüche eines unsäglichen Leidens erfolgten«.(1) Ein Anfang mit Nietzsche und Artaud an den pneumatischen Rändern der Sprache. Natürlich könnten wir auch anders beginnen. Mit der japanischen Bambusflöte etwa. Vergeistigte sich der Körper in der europäischen Kunstmusik jahrhundertelang nach dem Kanon eines spirituellen Reinheitsideals, wird der hörbare Atem, die geräuschhafte Tongebung gerade zu einem Wesenszug der Shakuhachi-Musik. Ihre Meisterschaft liegt darin, sich dem Ton der Welt möglichst dicht anzuschmiegen, und sei es dem Rascheln des Windes in welkem Bambusgebüsch. Der sich selbst genügende Klang in der Fülle seines Hier und Jetzt ist keiner, der sich wie in der christlich inspirierten Kunst des Abendlands von Natur zu reinigen hätte. – Oder nehmen wir den Dikr der islamischen Sufi-Zeremonie, bei dem der unablässig wiederholte Name Allahs zur Vereinigung mit dem Göttlichen führen soll. Eine Dramaturgie keuchenden Ein- und Ausatmens, rhythmisch gebunden und unter steter Beschleunigung des Tempos. Eine ekstatische Deklamation, die an Goethes West-östlichen Divan und an die »zweierlei Gnaden« des »Atemholens« denken lässt: Die Luft einziehn, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich presst, Und dank' ihm, wenn er dich wieder entlässt.«(2) Pneumatischer Grund oder Vom Text der Zivilisation Rund 150 Jahre später, in Jacques Lejeunes Chute aus Le Cycle d’Icare , ist von den »zweierlei Gnaden« des »Atemholens« nichts mehr zu spüren. Stattdessen kündigt der Atem des Schocks ein Sturz-Glissando an, das sich wie in endloser Wiederholung vom Ohr des Hörers entfernt und in dieser Endlosigkeit zur Chiffre auflädt. Aber zur Chiffre wofür? Was wirft Lejeunes Ikarus aus der Bahn? Was verschlägt ihm den Atem? Ist es der Abgrund wie in Baudelaires Les plaintes d'un Icare , der sich zum Schrecken des Namenlosen im Anonymisierungsschub der Massengesellschaft verrätselt? So scheidet, wer vor Schönheitssehnsucht brennt In jähem Sturz, so endeten sie alle. Ich weiß den Abgrund nicht, in den ich falle, Ein Fremder ist es, der mein Grab benennt.(3) Oder ist es das »Nichts«, das Kierkegaard so eindringlich mit der Angst verbindet? Mit der Angst als dem »Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will, und die Freiheit nun in ihre eigene Möglichkeit hinunterblickt, und dann die Endlichkeit ergreift, um sich daran fest zu halten«?(4) Das Nichts, dem in der Angst »alle Dinge und wir selbst« in »Gleichgültigkeit versinken«, weil die Angst »das Seiende im Ganzen zum Entgleiten« bringt und bewirkt, »dass wir selbst (...) uns mitentgleiten«?(5) Angst inmitten der Katastrophengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Angst als drohendes Ersticken, womöglich an der bitteren Speise des Lebens. ›Verschlägt uns die Angst das Wort‹?(6) Sofern die unverständliche Sprache in Ligetis Aventures zugleich das Unverständliche der angeblich so verständlichen Kommunikationssprache aufdeckt, könnte man von einer angstgefärbten Spur der Irritation auch in Ligetis Mimodram reden. Irritierend, fremd und insgeheim doch so vertraut wie die Rollen- und Charaktermasken des Stücks, deren surrealer Habitus aus der gekappten sprachlichen Logik und der Montage unterschiedlichster Affekte resultiert. Und doch ist der Horizont des Neuen und Unbekannten in den Aventures von ungleich größerem Gewicht. Gerade weil die Musik mit purer Lautdichtung arbeitet; gerade weil sie frei von semantischem Ballast ist, frei von der Instrumentalisierung des Worts zum Definitionsprojektil mit eindeutigen Trefferquoten, verwandeln sich die Aktionen der Sänger in Aventuren, in Abenteuer der Expression und der Reflexion. Zudem gibt Sprache erst als dekomponierte ihre somatische Basis frei. Nun erst kann sie ihr energetisches Luftmoment als ästhetisches Element einlassen, gewissermaßen als eine Windmaschine aller Ausdrucksregister wie zu Beginn der Aventures . Dekomponierte Sprache und komponierter Atem erscheinen daher in der Musik fast zeitgleich. Vorwiegend in den 60er- und 70er-Jahren arbeiten zahlreiche Komponisten mit einer weithin rein phonetischen und pneumatisch grundierten Sprache. So demonstriert Luciano Berio in Visage das Herausproduzieren der Artikulation aus dem Reservoir des Atems wie unter Geburtswehen. In langen Minuten einer traumatischen Initiation, bis die aus realen und künstlichen Atemgeräuschen auftauchenden Lautpartikel endlich in die magische Formel »parole« münden. Geflüstert wie ein verbales Amulett, das festen Boden verheißt. Wäre da nicht die Gewissheit, dass das Terrain der »parole«, der Sprache doppelbödig ist. Sprache als Regulativ der Konvention, als verabredeter und stets neu geredeter Kommunikationsvertrag und deshalb von einer gewissen Sicherheit offenbart genau infolge dieser konventionellen Fasson zugleich die Leere ihres Grundes: den Flatus vocis der Worte, ihr durch Übereinkunft praktikabel gemachtes Willkürmoment. Damit aber ebenso ihre Ungebundenheit, ihr Freiheitspotenzial. Und das Spiel von Vorschein und Unbekanntem, das die Atemszenen der Neuen Musik in den Tableaus von Schlaf und Traum aufblitzen lassen. Seitdem die Geschäftigkeit des Tags den Zauber der Fantasie als unrentablen Seelenluxus in die Sphären des Ästhetischen, Esoterischen und Narkotischen abzudrängen begann, lockt das Geheimnisvolle umso mächtiger. Schlaf und Traum: letzte Refugien einer von Schlaflosigkeit und Albträumen geplagten Welt und ihrer Sehnsucht nach der Mystik des Nächtlichen. Vornehmlich derjenigen Ägyptens und damit einer Kultur, in der das Nacht- und Todesreich von dem des Tags und des Lebens nicht zu trennen ist. Auch Gérard Grisey hat der altägyptische Mythenkreis wiederholt beschäftigt. So der Mythos vom Weg der Sonne durchs Totenreich in Jour, Contre-Jour , einer Musik des Bündnisses von Tag und Nacht gegen deren ökonomieverrückte Spaltung. Mit dem Repertoire sich beschleunigender Herzschläge und ruhiger Atemzüge wirkt der Anfang der Komposition wie der Beginn einer archäologischen Seelenfahrt in Bezirke, die der Nachtblindheit der modernen Zivilisation konturlos zu werden drohen. Bei Grisey dagegen wird der Sprachschatten des Atems zu einer mächtigen Schattensprache, die dem Lichtbogen der Komposition erst Kontur und Kontrast gibt. Und damit dem Wandlungs- und Schichtungsprozess der Klänge im Kosmos ihrer Teiltöne auf der Bahn einer gleitenden Logik von Licht und Schatten. Einer Logik, der gemäß sich ein inharmonisches Klangspektrum zu einer harmonisch reinen Obertonvielfalt aufhellt und wieder eindunkelt und die spektralen Harmonien von einer unterirdischen Gegenwelt der Geräuschklänge grundiert werden. Ein strukturell durchdachtes, klangsemantisches Clair-obscur von Leben und Tod jenseits ihrer polaren Zerrissenheit; das heißt in Form von Prozessen des Entstehens und Vergehens. Jour/Contre-Jour eben, und nicht Jour/Nuit . Traumbühnen entwerfen 1967 auch schon Stockhausens Hymnen , indem sie eine Phase ruhigen Atmens visionär aufladen: zur konkreten Utopie einer befriedeten Welt der Völkerverständigung unterwegs zum »utopischen Reich der Hymunion in der Harmondie unter Pluramon «(7). Was der griffige Formelreigen des Komponisten sprachlich umschreibt, suchen die elektronischen Klangtransformationen und Intermodulationen zahlreicher Nationalhymnen kompositorisch umzusetzen. Am deutlichsten wird der sprichwörtliche Traum von einer besseren Welt, wenn in der vierten Hymnen -Region Stockhausens Schlaf und Traum evozierende Atemzüge von früheren Stationen der Komposition, sprich: Ländern und Völkern durchquert werden und einem zukunftsweisenden Entwurf eingebunden werden. Solche Momente gehören zur suggestiven Motivation einer Musik, die in einem »leeren Rahmen«(8) der Stille endet, einem offenen Modell von fast eineinhalb Minuten, oder über die Stimme eines Croupiers zum Einsatz für das Unionsprojekt Welt auffordert. Dennoch stürzt Stockhausens Höhenflug immer wieder ins Triviale ab. Etwa wenn das vom Komponisten zwischen gleichmäßigen Atemzügen zunächst wie im Halbschlaf gemurmelte »Pluramon« plötzlich wie erleuchtet als Mantra der Universalität verkündet wird und dabei Züge eines unfreiwillig komischen Werbeslogans annimmt. Mag die Sicht vom All aus auf die Völkerschaften des Planeten den Boden des Allzuirdischen aus den Augen verlieren; mögen Stockhausens Hymnen auf des Messers Schneide tanzen, großartig Stringentes neben messianisches Multikulti setzen: die Anziehungskraft der Atempartien bleibt ungebrochen. Zwischenspiel I Woher kommt die Aura des Atmens? Vielleicht daher, dass Atmen zum radikalen Kürzel für Leben und Tod geworden ist. Inmitten einer in der Profit- und Beschleunigungsfalle gefangenen Welt, in der die Verdrängung des Todes und die von Leben aufs Engste miteinander zusammen hängen. Leben, und das hieße zunächst Befreitsein vom ökonomischen und funktionellen Würgegriff, Leben also und Tod sind die Skandale einer Arbeits- und Verwertungsmoral, die alle zu Geiseln der Ökonomie macht. Einer Ökonomie, die im Bann der Arbeit den Vertreibungsfluch aus dem Paradies bibeltreuer und fanatischer als Sinnstiftung und Existenzrechtfertigung verinnerlicht hat als je zuvor. Einer Ökonomie, die die Zeitordnung puritanischer Geschäftigkeit und ihre schnelligkeitstrainierten Effizienztriumphe mit Leben verwechselt und gleichzeitig äußerst konsequent den Tod als letzten Verwaltungsakt verbucht, das Röcheln und Seufzen der Sterbenden am liebsten in schalltote Räume verlegen möchte. Vielleicht weil es daran erinnert, wie sehr Leben zum Treibgut im Maelstrom unberechenbarer Märkte geworden ist. «Leitfaden des Leibes» Einer solch zentrifugalen Lebenswelt und angstgeschnürten Zeit mit der Idylle vom Atmen als dem Urgrund reiner Natur zu antworten, wäre schlicht Ideologie oder, versöhnlicher ausgedrückt, abstrakte Negation. Wie eine pneumatische Musik auf der Höhe der Zeit strukturiert ist, lässt sich an Helmut Lachenmanns Komposition temA für Flöte, Stimme und Violoncello aus dem Jahr 1968 erfahren. Rückwärts gewandten Geborgenheitsträumen widersteht Lachenmanns Musik, indem ihre Technik die Reflexion mitkomponiert, warum sich der Körper an einem bestimmten Punkt der Geschichte gegen seine ästhetische Internierung auflehnen musste und konnte. Und wie sich bereits das Anagramm temA zu »Atem« buchstabiert – als programmatische Außenseite der Komposition –, so verschlägt auch das Innere dieser Musik unablässig komponierter Plötzlichkeiten den Atem: mit pneumatischer Akrobatik. Vom schlichten Atmen über geflüsterte Dialoge bis hin zum ›schreienden Einatmen‹ soll die Sängerin ›ganz hinten im Hals hecheln‹ oder den »Ton durch unnatürlichen Druck verzerren«, außerdem zwei Tremolo-Arten anwenden: Schnarchen und Knattern. Und das alles mit einer Agilität, die den Seelenton der Stimme auf den Körper hin erdet, ohne an satztechnischer Strenge nachzulassen. Komposition repräsentiert hier eher ein »künstliches Naturereignis«(9) denn ein natürliches Kunstereignis. Das Potenzial des Atems befreit den materialen Kern der Sprache selbst zur Sprache und wirkt damit den Ausgrenzungsdirektiven des Zivilisationsprozesses entgegen. Diese Direktiven entmächtigt Lachenmanns Musik allein schon dadurch, dass sie das Geräuschhafte nicht als zu minderwertig ausschließt. Entscheidend bleibt, die »mechanischen Bedingungen bei der Klangerzeugung in die Komposition« einzubeziehen – ohne stoffsublimierende Reinheitsfilter.(10) Lachenmanns Autopsie des Tons macht den Zusammenhang zwischen der Material- und Energiebasis des Klangs – bis hin zu der des Atmens – und dem musikalischen Diskurs einsichtig. Darin ein Stück musikalischer Metaphysikkritik: der Sinn, die Idee sind von ihrem medialen, dinglichen Träger nicht zu lösen. Der Platonismus der Musik ist passee. Und mit ihm ein Komponieren, das sich lange genug hinter der Schlackenlosigkeit wohlproportionierter Konstruktionen und purifizierter Töne verschanzt hatte, mochten sich diese gelegentlich noch so abgründig gebärden. Abschied vom reinen Ton auch bei Dieter Schnebel. Seine Atemzüge komponieren Atemverläufe. »Exerzitien« einer praktisch umgesetzten Sensibilität etwa für »Atemtiefe und Atemgeschwindigkeit«(11). Ohne die Flucht ins entlastende Wort. Exerzitien überdies in Form von Aktionsprozessen: zwischen den Ausführenden und zwischen Interpreten und Publikum. Verspannt in die ganze Bandbreite egoistischer und altruistischer Emotionen, und doch geformt von experimenteller Fantasie und analytischer Präzision. Vor allem sollen die stimmlichen Partialtriebe emanzipiert werden: atmen, röcheln, stöhnen – nichts wird tabuisiert. Nicht einmal das brüchig Asthmatische. Gegenstandslos wird die Unterscheidung zwischen Rohem und Gekochtem, die noch in die Formen des Atmens hineinreicht: einem kulturgeschichtlichen Wertungskodex zufolge, dem Schnarchgeräusche als unästhetisch, als animalisch rohes Atmen gelten, Atemzüge ruhigen Schlafs dagegen als ästhetisch, weil menschlich sublimiert. Nicht nur dass für Schnebel das Atmen »selbst schon genug Geräusche her(gibt)«, die Lautelemente der Sprache sind nicht weniger »hörbar gemachte Atemäußerung«(12). Damit nimmt Schnebels Archäologie des Verschütteten das Knechtische der unteren Produktionssphäre ernst, die der Organe. Um mit der Befreiung der zu Handlangern abgewerteten Produzenten des Tons und der Sprache, allen voran dem Atem, gleichzeitig den schönen, runden Ton von seiner sterilen Herrschaft zu erlösen. Auch so kann eine Folgerung aus Hegels Herr-Knecht-Dialektik aussehen. Schluss also mit einer Praxis, die singt und spricht, als ob es keinen Körper gäbe. Stattdessen Beachtung der »materiellen Erzeugung«, »Stimme bewusst aus dem Atem entstehen« lassen, »Atmen selbst« als »Kunst« begreifen(13). Ein Freisetzen des Körpers, das an Nietzsches Motiv vom »Leitfaden des Leibes«(14) und an Artauds Le Théâtre et son double erinnert. Artaud beschäftigt ja gleichfalls das Problem einer »Gefühlsmuskulatur«, einer »körperlichen Lokalisierung der Gefühle«, da sogar die Schauspieler »vergessen haben, dass sie auf dem Theater einen Körper hatten«. Schauspieler, die beim »Gebrauch ihrer Kehle« kein Organ, sondern »nur noch eine ungeheuerliche Abstraktion« sprechen lassen(15). Und bei all dem bleibt die »Frage des Atems« die »wesentliche«(16), die »Kenntnis der Atemformen«(17), um empfänglich zu machen »für die subtile Natur von Schreien, für die verzweifelten Ansprüche der Seele«.(18) Diese »Ansprüche« verliert Schnebel nie aus dem Blick. Auch nicht, wenn es in den Choralvorspielen I um das pfingstliche Pneuma geht – 1970 übrigens gleichfalls Titel einer Komposition von Heinz Holliger – genauer: um die Säkularisierung des pfingstlichen Pneumas. Wie die Musik formelhaft verhärtete Choralmelodien fragmentiert und verflüssigt, so muss der Sturm des kreatürlich verfassten Geistes als revolutionärer Atem erst aufbrechen und aufheben, was zu neuen Konstellationen zusammenschießen soll: versteinerte Normen und ruinöse Demarkationslinien zwischen Wunsch und Realität. Erst mit dem Aufstoßen der Kirchentüren ins Offene, Freie wird es möglich und nötig, Welt wahrzunehmen: mit ihren Alltagsgeräuschen, ihrem technomorphen Hintergrundrauschen und ihrem zivilisatorischen Druck. Ihn komponiert Schnebel im Sinn eines Athletentums moderner condition humaine aus. Panisches Nach-Luft-Ringen, umtost von aggressivem Motorenlärm, und heftiges An- und Gegenatmen gegen die strangulierende Wirkung einer hochgerüsteten Technik verschränken sich zu atemberaubender, atemraubender Intensität. Dinge verwandeln durch Anverwandlung an sie: eine Praxis, die mitunter Züge einer mörderischen Attacke annimmt. Zwischenspiel II Atmen wird in der Neuen Musik zu einer Sprache sui generis. Zu einer Sprache, die nicht im Identitätsmonopol der Person aufgeht. Anders als die Stimme, die über ihr Frequenzspektrum exakt identifizierbar ist. Wird von Spracherkennung schon zur Genüge Gebrauch gemacht, wäre Atemerkennung ein Unding. Atmen erlaubt höchstens geschlechtsspezifische Unterscheidungen. Und doch: trotz der Verunmöglichung individueller Erkennbarkeit reicht Atmen ins je eigene Dasein hinein wie keine Sprache sonst. Deshalb entäußert sich komponiertes Atmen zum kreativen Unterbau von Sprache überhaupt, während die Wortsprachen vorab am Erbe der babylonischen Sprachverwirrung zu tragen haben. Atmen das Allgemeinste und Individuellste. Gattung wie Individuum gleich eng verbunden. Ist es demnach verwunderlich, wenn der Atem – schon seinem Begriff nach nur im Singular verwendbar - im vielfältigen Idiom komponierten Atmens zu einer vor- und übersprachlichen Lingua franca wird? Zu einer, die vom naturalen Subtext der Zivilisation spricht? Einspruch und Zeugenschaft Diesem Subtext folgt auch Nonos Komposition Das atmende Klarsein für Bassflöte, Chor und Live-Elektronik auf Fragmente aus antiken orphischen Dichtungen und Rilkes Duineser Elegien . Das atmende Erzitternlassen, das das Starre zum Schwingen bringt, fächert sich bei Nono in feinste Abweichungen, Wandlungen und Zwischentöne des Klangs aus, die die Einbildungskraft nicht nur des Gehörs, sondern eines spekulativen Sensoriums herausfordern. Mit diesem Sensorium rechnet Nonos Musik durchweg. Etwa wenn sie an manchen Stellen drei verschiedensprachliche Texte überlagert und in ihrer Präsenz unverständlich werden lässt. Ein Spiel der Abwesenheit in der Anwesenheit als hintersinniges Gleichnis für die verkannten Möglichkeiten einer Gegenwart, in der sich Wirklichkeitsterror und Weltverlust ergänzen. So wird Nonos sirenenhaft lockende Pianissimo-Musik selbst zum offenen Ohr für leiseste Resonanzen und Echos. Zum Resonanzboden für Unhörbares, Überhörtes, Unerhörtes. Rilkes Wunschfigur »ins Freie«(19) wird von ihr in lange Fermaten und eine atmende Verschwendung der Zeit übersetzt, die – kompromisslos gehört – wie eine ungeheure Provokation wirkt: angesichts der atemlosen Vernichtung des Jetzt im triebhaften Getriebe der »industriellen Pathologie«(20). Was aber käme dem Atem der Suspension näher als ein Instrument, das wie die Flöte selbst schon vom Atem zum Klingen gebracht wird? Ein Instrument, das im Bündnis von innerer und äußerer Natur, von Atem und Wind, die Flüchtigkeit, die Klage und das Versprechen des Naturlauts weit dringlicher bewahrt als die manuell mit größerer Körperdistanz gespielten Streicher. Nonos Musik der stillen Ekstase hat nichts mit einer Verinnerlichung à la Rilkes »Nirgends (...) wird Welt sein als innen«(21) zu tun, alles aber mit einer Änderung des Bewusstseins von innen her. Nicht anders als Mathias Spahlingers Streichquartett »’Àñð` ãû ~ « mi t seinen gepressten und »stimmlosen« Atemstößen. Ein Quartett, signiert gleichsam mit leitmotivischen Worten aus dem Gedicht Das letzte Jahrhundert vor dem Menschen von Jannis Ritsos. Einem Gedicht, einer traumatischen Höllenfahrt des Bewusstseins aus der Zeit der NS-Okkupation Griechenlands. Dreimal findet sich das Motiv des »’ Àñð` ãû ~ «, des »Von hier« bei Ritsos: in Form des visionären Kürzels »Von hier zur Sonne«. Ein Kürzel, auf das Spahlinger mit dem Melodie-Fragment »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« anspielt, dem Beginn des Solidaritätslieds der internationalen Gewerkschaftsbewegung. Bei Spahlinger allerdings »sul ponticello« ins kaum Vernehmbare entrückt. Freilich handelt es sich bei dieser Anspielung um die vordergründigste Analogie zwischen Text und Musik. Der Komponist selbst verweist in der Partitur darauf, dass etwa »alle press-klänge« primär als »klangmaterial absoluter musik mit nicht-programmatischer inhaltlichkeit« gemeint sind. Spahlinger interessieren an Ritsos strukturelle, nicht illustrative Parallelen. Wobei strukturell auch die Weitung der Bezüge in die Gegenwart hinein meint. Und in Richtung der kompositorisch reflektierten Ordnungs- und Dominanzstrukturen dieser Gegenwart, mögen sich ihre Hierarchie- und Machtkonstellationen noch so komplex verschleier n. Sicher: es gibt in diesem Quartett Stellen, die an den Widerhall von Schüssen denken lassen. Stellen, in denen gerade die wenigen Ordinario-Töne drohenden Charakter annehmen. Zum Beispiel das lang gehaltene Unisono-As, das an den Heulton von Sirenen erinnert, ohne in solcher Bildhaftigkeit fassbar zu werden. Ebenso wenig wie die Battuto-Schläge des Bogens mit wirklichen Schlägen oder – im Analogieschluss zwischen der menschlichen Anatomie und der der Instrumente – die Knackgeräusche der im Wirbelkasten gezupften Saiten mit den gebrochenen Wirbeln von Folteropfern zu identifizieren wären. Mit der Ohnmacht und dem Verrat, den es bedeuten würde, die Schreie der Gefolterten ästhetisch aufzubereiten, hat Spahlingers Musik nichts zu tun. Sie erzeugt erst über die verweigerte Konkretion den Raum allgegenwärtiger Beklemmung. So wie umgekehrt bei Ritsos alltägliche Beobachtungen auf das Grauen hin ausfransen und den Besatzungsterror im Ausnahmezustand auch des enteigneten Bewusstseins aufdecken: »die Schaben frei in der Nacht auf den Fliesen des Aborts / mit leichtem Knirschen, viel Knirschen, wie in den Gelenken des Albtraums.«(22) Und die komponierten Atemsequenzen? Skizzieren sie in Spahlingers Musik des Widerstands, in der sich der Ton zur Detonation schärft, lediglich ein Stenogramm von objektivierter Angst und ihrer »Abfuhr« beim »Auftreten eines traumatischen Moments«, wie Freud das formulieren würde?(23) Gewiss: die fiebrige Nervosität, die den Irrlauf der Metaphern bei Ritsos in Gang hält, legt auch in Spahlingers zwölfminütiger Tour de force die Saiten der Instrumente wie Nervenstränge bloß. Musik wird zum verminten Gelände, das harmonische Gänge wie unter Lebensgefahr ausschließt. Die Instrumente werden selbst zum Territorium, auf dem sich die Griff- und Greiftechniken der Interpreten in solche des Begreifens übersetzen: Reflexionsmodelle einer Kunst der Zeugenschaft, deren griechischer Name bekanntlich Martyrion, Martyrium lautet. Eine Zeugenschaft bis hinein in die Gestaltung des Bogendrucks, der von der Drucklosigkeit bis zu starker Überhöhung reicht, als sollte auf den Saiten die Summe psychischer Anspannung abgetragen werden: bis hin zur geräuschhaften Zerrüttung erkennbarer Tonhöhen. Pressionen in einem Klima der Repression, das Individualität zersetzt und zum Material erniedrigt. Und doch: selbst wenn Spahlinger eine Atempartie des letzten Satzes als »seufzend hecheln« charakterisiert, lädt sich der Gestus des Seufzens, das suspirium, noch zur Suspension von Atmen und Hoffen auf: dum spiro, spero. Atmen als letzter Einspruch von Leben und Überleben gegen die Präsenz von Tod und Ersticken lässt das Quartett zwischen Angst und Hoffnung, Bedrohung und Entronnensein changieren. Wobei das Ein- und Ausatmen als eine Urform der Parataxe selbst noch in seiner Gehetztheit zum Sinnbild des antihierarchischen Neben- und Nacheinander wird: gegen hypotaktische Macht- und Kommandopyramiden, die Krieg, Terror und Unterdrückung in all ihren sichtbaren und verinnerlichten Gewaltpositionen erst ermöglichen. Kann sich auch die Dreiteiligkeit des Quartetts der dreimaligen Hoffnungschiffre »Von hier zur Sonne« nur angleichen, indem die Teile immer kürzer werden; mag das Werk auch »wie abgebrochen« enden: in der Offenheit des »senza fine« zeichnen sich zugleich die Konturen einer Überschreitung des Status quo ab. Metaphorische Konturen, die sich aus der Musik selbst herleiten. Etwa wenn die täuschend nachgeahmten Atemgeräusche der »arco zarge« gespielten Instrumente und das reale Atmen der Interpreten miteinander verschmelzen, punktuell also die instrumentelle Distanz zwischen Ding und Bewusstsein schwindet; oder wenn dem wunden Ton eine Fülle an interpretatorischen Mitteln zugestanden wird und die Instrumente spieltechnischen Torturen unterzogen werden, ohne zu zerbrechen. Wie Ritsos war auch Xenakis am griechischen Widerstand gegen deutsche und englische Besatzungstruppen beteiligt. 1947 ins französische Exil entkommen, komponierte Xenakis zwanzig Jahre später, als Griechenland unter die Diktatur eines Militärregimes geriet, eine Musik des Gedenkens für die politischen Häftlinge des Bürgerkriegs: Nuits für gemischten Chor a cappella. Eine Musik, deren textloser Text statt auf einer begriffssemantischen Sprache ausschließlich auf sumerischen und altpersischen Silben basiert, endend mit einem kurzen, stimmlosen Husten im »Sforzato fortissimo«. Fragt sich nur, was dieser »short cough«, dieser »toux brève aphone« bedeuten soll? Artifiziell phonemische Texte kennt man hauptsächlich aus Ritualgesängen, aus Gesängen zumal, die den Beistand der Götter erzwingen sollen. So aus der hinduistischen Veden-Rezitation, in der die Worte oft unter Einsprengung der leeren Silben »ha« oder »ho« grammatikalisch entregelt und buchstäblich zermahlen werden, bis der zerstörte Sinn in Gesang übergeht. Oder aus der Lautmystik schamanistischer Austreibungsrezitationen. Alles machtvolle Geheimsprachen jenseits kommunikativer Profanität und wie bei Xenakis äußerst durchstrukturiert mit lediglich vereinzelten Wortresten. Und wie im Deklamieren und Singen heiliger Sprachen so schwingt auch in den Vokalisen von Nuits Beschwörung und Gegenwehr mit. Ein Aspekt, der den Schlusstakt von Nuits verständlicher werden lässt. Soll das Sprechen der geheimen Sprache vor Gefahren erretten, soll das Einsaugen des Krankheitsdämons durch den Schamanen und seine Austreibung im Ausatmen zur Heilung führen, so will auch der »short caugh« in Nuits als ein rituelles, Unheil abwehrendes Ausstoßen der Luft gelten: ein kassiberhafter Abwehrzauber gegen die Dämonie des scheinbar Unabwendbaren in jeder Form von Unterdrückung; ein Ausdruck von Widerstand, von Schutz und weit mehr noch von Verachtung. Nicht zufällig erinnert der Schluss von Nuits an jenes »eigentümliche Zeremoniell« in Freuds Geschichte einer infantilen Neurose , das der »Wolfsmann« einsetzt, wenn er »Leuten« begegnet, mit denen er nichts gemein haben wollte. »Er musste geräuschvoll ausatmen, um nicht so zu werden wie sie«.(24) Eine Art der Objektausstoßung wie sie noch in der Wendung »jemandem etwas husten« mitschwingt. Zwischenspiel III Natürlich spielt bei der musikalischen Dekomposition der Sprache die seit Nietzsche und Hofmannsthal geschärfte Sensibilität für das Macht- und Moralregime von Begriff und Urteil eine Rolle, für die Bindung zwischen Gott und Grammatik. Die Sensibilität für die Prostitution kommerziell abgegriffener Wortmünzen, die sich auf alles einlassen, nur nicht auf das Besondere. Und die Sensibilität für den Allgemeinheitssog der »Worte«, die sich »vor die Dinge gestellt haben«(25). Deshalb will Artaud »die Sprache brechen, um das Leben zu berühren«(26). Und wie könnte das Projekt, ›aufzuhören mit den Urteilen Gottes‹, wirkungsvoller umgesetzt werden als über die Auflösung der Syntax mitsamt den Metastasen ihrer Sinnmoral? »Gott stirbt, die Wörter fallen auf sich selbst zurück«(27): für die Neue Musik und Literatur alles andere als eine Tragödie. Nur dem »unsyntaktischen Dichter« sind die »ausdrucksvollen Schreie des heftigen Lebens« zugänglich, nur einer Kunst der »Parole in liberta« außerhalb des »Gefängnisses der lateinischen Periode«(28). Es war demnach Zeit, das ›Alphabet aufzuschlitzen‹, um »in seinen Bauch« ›neue Buchstaben hineinzustecken‹: »Lispeln, Röcheln, Grunzen, Seufzen, Schnarchen, Rülpsen, Husten, Niesen, Küssen, Pfeifen«, aber auch »Einatmen« und »Ausatmen«(29). Und dass Hugo Ball die Erfindung des Lautgedichts mit einer »durch den Journalismus verdorbenen«, »unmöglich gewordenen Sprache« verteidigt(30), zieht nur die letzte Konsequenz aus einer Entwicklung, deren Beginn Hölderlin so kommentiert: »Wisst! Apoll ist der Gott der Zeitungsschreiber geworden, / Und sein Mann ist, wer ihm treulich das Faktum erzählt«(31). Wendekreis der Sprache Es geht also um eine verwandelte Sprache. Sie will die Neue Musik durch Emanzipation der im Alltagsgerede verkümmerten physiologischen, phonetischen, gestischen und polysemantischen Ressourcen der Sprache zum Sprechen bringen. Und sei es in Form einer Sprache, die sich selbst spricht. Pulverisierte Texte wie die in Nuits sind keine Sinnträger mehr, die von der kompositorischen Struktur abzulösen wären. Mehr noch: erst durch das Abstreifen der sinnsprachlichen Fesseln wird Nuits zum entfesselten J´accuse. Gängige Worte und Satzmuster wären nur Verrat; Kollaboration mit der Sprache der Unterdrücker. Die syntaktische Vernetzung der Worte von ihrer Sinntaufe erlösen: darin liegt das dionysische Element in der Dekomposition von Sprache. Sprache stirbt in ihren Bedeutungen, um neu wiedergeboren zu werden. Und nicht selten kulminiert der Ausbruch aus den Wort- und Satzgittern des Sprachgefängnisses im Aufstand der Lunge: im virtuos komponierten Schreien und Atmen. In manchen Passagen der Xenakis-Komposition Serment , in der die Worte des hippokratischen Schwurs zeitweise lauthaft zerstäuben, scheinen die Atemimpulse die Asche der alten Logos-Sprache zum Glühen bringen zu wollen. Wie um aus ihr eine Sprache jenseits der Besatzungskraft des Satzes und der Gerichtsfunktion des Urteils zu entfachen. Eine Sprache, die nicht zum Gift des Lebens wird, um den ärztlichen Eid einmal linguistisch zu deuten. Und in Xenakis' N'Shima , dessen Titel bereits auf Atmen und Atem verweist, taucht das Hebräische nur in isolierten Wortassonanzen aus dem Gestöber der Laute auf: in fluktuierenden Konnotationen wie hinter einem semantischen Schleier. Xenakis, der immer wieder den archaischen Grund der Zivilisation in seiner Brechung durch die Kriegs- und Angstszenarien der Moderne auskomponiert hat, legt hier den physischen Grund der Sprache frei. Einer Urteilskraft, der das Politische so alltäglich ist wie das Alltägliche politisch, wird Gewalt, zumal die lautlose, in mentalen Strukturen lesbar. So wie in Annette Schmuckis Komposition Am Fenster für hohe Stimme und Akkordeon nach einem Gedicht Robert Walsers. Einer Musik am Rand der Musik, die Walsers Poesie des Entschwindens mit einer asketisch strengen Atemrhetorik kontrapunktiert. Schon der Atemstoß auf »hinaus« zu Beginn der Komposition will den Normen- und Funktionspanzer eines Daseins durchstoßen, das nach Luft ringt. Im Zeittunnel des homo oeconomicus wird der manque de souffle zum Souffleur versäumter Augenblicke. Und er konzentriert das Erschrecken darüber, dass die Erfahrung noch des scheinbar Geringen eben deshalb den Atem verschlägt, weil das Aufleuchten von Welt und Dingen kurz vor deren Verlöschen zur Lust am Verschwinden wird: als Paradox und Dilemma ihrer Rettung. Zum Fenster sehe ich hinaus, es ist so schön, hinaus, es ist nicht viel. Es ist ein wenig Schnee, auf den es regnet jetzt. Es ist ein schleichend Grün, das in ein Dunkel schleicht. Das Dunkel ist die Nacht, die bald in aller Welt auf allem Schnee wird sein, auf allem Grün wird sein. Hin schleicht sich freundlich Grün ins Dunkel, ach wie schön. Am Fenster sehe ich’s. Atmen wird zum Wendekreis der Sprache, zum leibsinnlichen Riss im ästhetischen Zeichen- und Sinngefüge, der in die Triebschächte des Intellekts gleiten lässt und Berührung mit der Existenz aufnimmt. Und wenn am Ende von Schmuckis Komposition der Atem des Luftinstruments Akkordeon den Schlusston über fast eineinhalb Minuten aushält, im Unterschied zur weit atembegrenzteren menschlichen Stimme, dann wirkt diese Endlosigkeit wie ein Schock: als könnten Gedächtnis und Eingedenken womöglich nur noch in den Dingen überleben. Zwischenspiel IV Es sind vieldeutige und dennoch präzise Assoziationshöfe, die der pneumatische Formenkreis der Neuen Musik eröffnet. Wie das Stöhnen aus Lust und das aus Schmerz verwechselbar werden, so fügt sich auch die Metasprache Atmen weder dem Satz vom Widerspruch noch der zweiwertigen Moral von wahr und falsch. Im Gegenteil: komponiertes Atmen berührt als Voix mixte, folglich seiner Legierungen wegen, allen voran der von Leben und Tod. »Einatmen«, »ausatmen«, »den atem gespannt anhalten«, wie »erlöst ausatmen«: was die Empfindung des Lebens als Frist anbelangt, lässt Rühms atemgedicht an Diagnostik nichts zu wünschen übrig, darin Becketts Breath vergleichbar. Ein Lautgedicht, raffiniert einfach und doch mit der Hintergründigkeit letzter Dinge. Wie muss eine Zeit beschaffen sein, in der sich Atmen dermaßen aufladen kann? Beschlägt Atmen den Spiegel des modernen Narziss mitsamt seinen aktivitätsberauschten Souveränitätsmustern? Weckt es das Lebensgefühl von der Hinfälligkeit des Individuums im Gefühl verweigerten Lebens? Einem Leben, das kurzgeschlossen zwischen Produzieren und Konsumieren zum Vampir seiner selbst wird? «Stahlhartes Gehäuse» - Hauch der Geschichte Dass im »stahlharten Gehäuse«(32) der industriell beschleunigten Massengesellschaft noch das Vertraute, Intime zum Fremden wird, zieht sich als Leitmotiv durch die frühe Musique concrète. Vor allem die Atemsplitter im Erotica - und Eroica -Satz aus Schaeffers und Henrys Symphonie pour un Homme Seul mechanisieren die wiederholbaren und zu Versatzstücken montierten Gefühlsrelikte zu etwas Angedrehtem und Gesichtslosem. Anlass genug zum Ekel an einer in Angst und Atemlosigkeit verstrickten Existenz: Er geht weiter er hat Angst große Angst (...) er sagt dass er angeekelt ist zu existieren ist er angeekelt? (...) Er rennt zu fliehen sich ins Hafenbecken zu stürzen? Er rennt das Herz das Herz das schlägt das ist ein Fest das Herz existiert die Beine existieren der Atem existiert sie existieren rennend atmend schlagend ganz schwach ganz sanft ist außer Atem bin außer Atem, er sagt, dass er außer Atem ist, (...) er ist bleich im Spiegel wie ein Toter.(33) Wird Atmen erst wahrgenommen, wenn es das Problem des Erstickens gibt? Wenn aber die Gehetztheit normal und der Körper dressiert genug ist, kann dann das Korsett der Disziplinierung überhaupt noch aufgeschnürt, gelockert werden? Was heißt es, wenn in Holligers Streichquartett nach dem viermaligen Herabstimmen der Instrumente die reduzierte Saitenspannung am Ende nur mehr die Geräusche des Bogens und das Atmen der Interpreten freigibt? Bricht sich hier Erschöpfung, das Gleiten in die – laut Partitur – ›völlige Regungslosigkeit und Atemstille‹ in einer Parabel vom Joch funktioneller Zurichtung? Erkannt in ihrer Tödlichkeit und dieser Erkenntnis wegen von gleichwohl befreiender Wirkung? Zum Faszinosum wird Atmen in einer Welt, der die Einheit von Atem, Seele und Geist längst zerfallen ist. Einer Welt, die unter Atmung zunächst einmal einen Gasaustausch versteht oder die Verbrennung von Nahrung mittels Sauerstoff zu Wasser und Kohlendioxyd. Lange schon hatte die abendländische Kultur eine Tradition aus den Augen verloren, wie sie noch in manchen hinduistischen oder islamischen Atemliturgien und ihrer Bindung an ein belebendes Schöpfungsprinzip zu finden ist. So lange jedenfalls, dass das Wehen des Geistes der Natur zum todbringenden Atem werden konnte. Hegel zufolge verschwand die frühe Kultur Amerikas, weil sie eine »ganz natürliche« war. »Ohnmächtig« musste sie »untergehen, sowie der Geist sich ihr näherte«, untergehen an dem »Hauche der europäischen Tätigkeit«.(34) Diesen verheerenden Atem der Geschichte verwandelt Giacinto Scelsis Chorwerk Uaxuctum in ein Memento. In Erinnerung an die legendäre Maya-Stadt des 9. Jahrhunderts, die sich aus religiösen Gründen selbst zerstört haben soll. Der Widerhall der atmenden Stimmen wird bei Scelsi zur Klage gegen die Geschichte der Sieger: zum Brausen eines Windes, den der Komponist einmal als jenen »einsamen Wind der Tiefe« charakterisiert hat, der die ›Ordnung der ständigen Hindernisse zerstöre‹(35). Die Ordnung der naturwüchsigen Vorgeschichte der Menschheit, möchte man sagen. Geschichte wird in Scelsis Musik zum pneumatischen Palimpsest, dessen atmende Schichten auf einen anderen Begriff des Fortschritts hin durchlässig werden. Von ihm sagt Benjamin im Unterschied zum katastrophischen, dass er »nicht in der Kontinuität des Zeitverlaufs, sondern in seinen Interferenzen zu Hause« ist(36). Was aber macht uns atemlos? Geld, Worte, Bilder zirkulieren mit einer Schnelligkeit, als sollten im Geschwindigkeitsrausch Altern und Tod samt der Unumkehrbarkeit der Zeit überwunden werden: in einer Art Relativitätstheorie des Corps social mit dem Fluchtpunkt Unsterblichkeit. Der Tauschwert des Neuesten wird zum gemeinsamen Nenner sämtlicher gesellschaftlicher Ressorts. Gewinn und Sensation resultieren aus der konkurrenzüberlegenen Zugriffsrasanz. Nichts katastrophaler als verpasste Nachrichten oder versäumte Preisschwankungen. In dieser Arena braucht man einen langen Atem. Wer hat einen längeren, wer den längsten? Wer kann ihn anhalten? Am besten – wie in Gerhard Rühms Gedicht – »so lange wie möglich«. Bis der Laut im verebbenden, röchelnden Luftstrom zerfällt und mit ihm das Leben. Atemverlust, Loss of Breath , so der Titel einer frühen Erzählung Edgar Allan Poes, als letale Konsequenz der Unfähigkeit zur Umkehr, zum Einatmen, zum Atmen. Je mehr indes die Kultur des Berechnens und Messens ebenso herrisch wie verführerisch Menschen und Dingen unter die Haut dringt, umso entschiedener spricht die Atemenergie, das Atemholen der Neuen Musik vom Hunger nach Gegenwart in einer Ökonomie des Aufschubs und der Beschneidung. Und vom offenen und geheimen, vom rasenden und lautlosen Profitamok, der quer durch alle Instanzen bis in die Winkel des Privaten hinein den Augenblick nach Gewinn und Verlust taxiert und dabei vor allem eines tilgt: Leben, Atmen. Als die vom industriellen Furor und von Aufschwungseuphorie hypnotisierte Ära des Imperialismus am Beginn eines neuen Jahrhunderts stand, notierte ein damals noch unbekannter Prager Autor wie nebenbei eine Art Bulletin der Epoche. Mit der Aura der Poesie und doch prosaisch genug, um den Sturm der hinterrücks und über die Köpfe der Gattung hinweg sich durchsetzenden Fortschritts- und Expansionsgewalt vom menschlichen Maß der Lunge her zu denken – den Blick unverwandt auf die pneumatische Tragik gerichtet: Was sollen unsere Lungen tun (...) atmen sie rasch, ersticken sie an sich, an innern Giften; atmen sie langsam ersticken sie an nicht atembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo suchen wollen, gehn sie schon am Suchen zugrunde.(37) Anmerkungen 1 Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche, Bd. III, München 1981, S. 39. 2 Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Divan (»Talismane«). 3 Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal (»Les plaintes d'un Icare«); deutsche Übersetzung von Stefan Zweig. 4 Sören Kierkegaard, Der Begriff Angst, Hg. Hans Rochol, Hamburg 1984, S. 64. 5 Martin Heidegger, Wegmarken, Frankfurt/M. 1967, S. 9. 6 Ebd. 7 Karlheinz Stockhausen, Hymnen, Textheft der CD-Ausgabe, S. 25. 8 Ebd., S. 18. 9 Helmut Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung, Wiesbaden 1996, S. 402. 10 Ebd., S. 378. 11 Dieter Schnebel, Denkbare Musik, Köln 1972, S. 471. 12 Ebd., S. 453. 13 Ebd., S. 455. 14 Friedrich Nietzsche, Werke und Briefe, Hg. Karl Schlechta, München 1969, Bd. III, S. 453 u. 500. 15 Antonin Artaud, Das Theater und sein Double, Frankfurt/M. 1979, S. 147. 16 Ebd., S. 139f. 17 Ebd., S. 142. 18 Ebd., S. 144. 19 Rainer Maria Rilke, Siebente Duineser Elegie. 20 Karl Marx, Das Kapital, Bd. I (MEW Bd. XXIII), Berlin 1972, S. 384. 21 Rilke, Siebente Duineser Elegie. 22 Jannis Ritsos, Gedichte, Frankfurt/M. 1980, S. 55. 23 Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Studienausgabe Bd. I, Frankfurt/M. 1969, S. 528. 24 Freud, Zwei Kinderneurosen, Studienausgabe Bd. VIII, Frankfurt/M. 1969, S. 137, 183f., 201. 25 Hugo von Hofmannsthal, Reden und Aufsätze I (Gesammelte Werke in zehn Bänden), Frankfurt/M. 1979, S. 479. 26 Artaud, Das Theater und sein Double (Vorwort). 27 Jean-Paul Sartre, Mallarmés Engagement, Reinbek 1983, S. 14f. 28 Filippo Tommaso Marinetti, Futuristisches Manifest. Zit. n. Walter Höllerer, Theorie der modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik I, Reinbek 1965, S. 134 u. 139f. 29 Zit. nach Metzler Literatur Lexikon, Stuttgart 1984, S. 252. 30 Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, München/Leipzig 1927, S. 107. 31 Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Hg. Paul Stapf, Wiesbaden o. J., Bd. I, S. 167. 32 Max Weber, Die protestantische Ethik I, Hamburg 1975, S. 188. 33 Sartre, Der Ekel, Reinbek 1982, S. 118. 34 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Theorie Werkausgabe Bd. XII, Frankfurt/M. 1970, S. 108 (Hvhbg. J. B.). 35 Zit. nach Heinz-Klaus Metzger, Das Unbekannte in der Musik. Versuch über die Kompositionen von Giacinto Scelsi, Musik- Konzepte 31, München 1983, S. 17. 36 Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, GS V, 1, Frankfurt/M. 1982, S. 593. 37 Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes. Parallelausgabe nach den Handschriften, Frankfurt/M. 1969, S. 126. Metasprache Atem. Zum pneumatischen Formenkreis der Neuen Musik (Essay) »Die Sprache brechen, um das Leben zu berühren.« Zum Formenkreis des komponierten Atems Ein Radio-Dialog für zwei Sprecherinnen von Johannes Bauer METAspracheATEM. Figuren einer pneumatischen Musik (DeutschlandRadio Berlin, 2000) ATMEN (Sprechpartitur) Variationen über Ludwig van Beethovens "Cavatina" (Streichquartett op. 130) und Heinz Holligers Streichquartett (1973) Uraufführung: Villa Elisabeth, Berlin (2008)
- Johannes Bauer, Theodor W. Adorno: Beethoven
Theodor W. Adorno Beethoven. Philosophie der Musik hg. von Rolf Tiedemann Frankfurt am Main 1993, Suhrkamp »Das ist die methodische Regel meiner Arbeit«: daß »alle Aussagen über den Gehalt reines Geschwätz bleiben, sobald sie nicht den technischen Befunden abgezwungen werden« (23). Während hermeneutische Praxis in der Reibung zwischen ästhetischer Imagination und begrifflicher Identifikation allzuoft der Polarisierung in Deutungswillkür und Analysepedanterie verfällt, denkt Adornos gesellschaftskritische Engführung von Philosophie und Philologie Musik als »Logik der urteilslosen Synthesis« (32) aus dem Geist der Konstruktion. Ohne damit jedoch einer quasi vorbegrifflichen Tonsprache mit dem Begriff auf die Sprünge helfen zu wollen und zu verkennen, daß an der »strengen Erkennbarkeit von Musik« schon deshalb festgehalten werden muß, weil diese »selber Erkenntnis ist« (256). Zu genau wußte Adorno um das Dilemma jener generalisierenden Methoden, die die Einzigartigkeit des Komponierten durch eine Auflösung ins ideell Allgemeine korrumpieren. Wie sämtliche seiner ästhetischen Schriften setzen daher auch die Beethovenessays und erstmals edierten Beethovenskizzen auf die Einsicht in den Prozeß und die Struktur des Produzierten. Das Ästhetische am Ästhetischen und dessen empirischer Grund muß sich vom Notentext als der Matrix des Wahrheitsgehalts her materialisieren. So verwundert es nicht, wenn Adorno auffällig oft Beethovens angebliche Äußerung über die souveräne Verwendung des verminderten Septimakkords oder die stenographische Methode im Manuskript des D-Dur-Klaviertrios thematisiert: führt ja das Umschlagen des Gemachten in die Transzendenz der Faktur ins Innerste einer Musik, der bereits zeitgenössische Rezensionen die Charakteristika von »Gradation« und »Ökonomie« nicht häufig genug attestieren konnten; einer Musik auch, der die neue Organisation der Affekte und Effekte und die Rationalität der Verflüssigung zur markanten Signatur wurden. Ob Adorno Beethovens Produktionskalkül als Sprengung feudaler Ordnungs- und Gattungsmuster entschlüsselt oder das Veranstaltete, die Gewalt im »heroischen Klassizismus« (122) des Komponisten; ob er die Wirkung des idealistischen Sublimierungsgebots auf die Tektonik und die Idee der Werke untersucht oder den affirmativ-kritischen »Doppelcharakter« (48) des »Dialektikers Beethoven« (153) in seinen Analogien und Differenzen zu Hegels analytisch-synthetischer Episteme des Begriffs: immer insistiert das interpretatorische Urteil auf der Vermittlung von Buchstabe und Geist. Ist sie es doch, durch die schließlich auch die »zentralen Kategorien der künstlerischen Konstruktion […] in gesellschaftliche übersetzbar« (74) werden. Solche Denotationen innerhalb des Kontexts, wie sich Beethovens Musik auf die »Prosa der Welt« einläßt, ihr standhält und sie über den restaurativen Epochenstatus hinaus transzendiert, denkt Adorno vom theoretischen Organon der Dialektik der Aufklärung her. Evident wird so in den ideologischen wie emanzipatorischen Facetten des Komponierten und deren Legierung die Spannung von individueller Autonomie und gesellschaftlicher Totalität, von bürgerlicher Dynamik und Statik, von Naturbeherrschung und Versöhnung, von Mythos und Humanität samt ihrer ästhetischen Reflexion im Agon zwischen Einzelnem und Ganzem, im Ambivalenzproblem der Reprise oder im Triumph der Strategie und deren Entzauberung. Adornos Beethovenstudien und -annotationen verlangen eine Lektüre gegen die szientifische Objektivitätsdoktrin und die Sterilität sogenannter seriöser Exegesen. Gestattet sich doch Adornos mikroanalytische Präzision eine Assoziationsfülle, die puristischen Spezialisten das Fürchten lehren dürfte. Sie scheut sich auch nicht, die Märchen und Sagenwelt Mörikes, Grimms, Musäus’, des »Knaben Wunderhorn« oder Figuren der jüdischen Mystik ins Spiel zu bringen, um Beethovens Œuvre durch ungewohnte Blickwinkel auf die Substruktion seines Gehalts hin transparent werden zu lassen. In permanenter Enttäuschung des Klischees überschreitet Adorno die Grenzen der Fachdiskurse, was manche besonders zunftbornierte und ressentimentgeladene Zeitgenossen schon zu Lebzeiten des Autors in Abwehr solch polysemantischer Bedrohung unter der Rubrik Musikschriftstellerei verharmlosen zu müssen glaubten. Um so aufschlußreicher, wie Adorno selbst das Verhältnis seines spekulativ-mimetischen Denkens zur Niederung positivistischer Kärrnerarbeit in einer Notiz anläßlich der Tonartenidiomatik Beethovens sieht: »Wenn ein musikhistorischer Hengst sich dahintersetzte und alle Beethovenschen Profile registrierte, könnte er sie wahrscheinlich auf eine beschränkte Anzahl zurückführen und Typen aufstellen«. »Aber nie jemand verraten, daß das ginge, und um keinen Preis es selber tun. Dennoch: wenn ein anderer diese Bestialität begangen hätte, wie sehr könnte sie mir in meinem hoffentlich menschenwürdigen Geschäft helfen. Such is life.« (92) Fern jeder illustrativen Paraphrasierung und mit der metaphorischen Kraft des Begriffs unterläuft Adornos Denken von Musik den Zugriff deduktiver Reduktionslogik, ohne an Stringenz zu verlieren. Immer wieder gelingt es der Sensibilität seines Ausdrucks noch in dessen Abbreviaturen, den argumentativen Aufschub der Sprache zu überlisten und mit der Augenblicksemphase Beethovens konvergieren zu lassen: als einen subtilen Einstand von Philosophie und Musik gegen das martialische Zur-Strecke-Bringen des üblichen Subsumtionsdiskurses. Großartig skizziert am Beispiel der Les Adieux -Sonate, in der der »simple und krude programmusikalische Vorwurf zum Anstoß der äußersten Humanisierung, Subjektivierung geworden« ist und im flüchtig widerhallenden Abschiedsidiom das »Ewige« sich ans »Allervergänglichste« bindet. Hier sprengt Kunst den allegorischen Schein, wird Hoffnung als »säkularisierte«, »ohne die Lüge der Religion«, zur »höchsten Kategorie von Beethovens Metaphysik«, in welcher das »Getrappel sich entfernender Pferde mehr von der Hoffnung verbürgt als die vier Evangelien« (250 f.). In solchen Passagen verdichten sich entscheidende Motive der Beethoven-Deutung Adornos, zumal das der Suspension als Einspruchsinstanz gegen den mythischen »Schuldzusammenhang des Lebendigen« (16). Dieser sinnlich präzisen Utopie wegen ist Adornos Beethovenverständnis trotz seiner sezierenden Schärfe immer auch eines des Staunens. Zumal diejenigen »tröstlichen Stellen« des Komponierten, in denen mit der Aura von Wahrheit »über den dicht gewobenen Immanenzzusammenhang der musikalischen Struktur hinaus […] aufgeht, was ihr entrückt ist«, werden ihm zu jenen »höchsten« Momenten, »die überhaupt der Sprache der Musik […] beschieden waren.« (260 f.) Während die Kunst der Auslegung nicht selten Gefahr läuft, Neues mit dem Kompaß des Althergebrachten vorschnell in vertraute Traditionsraster zu vernetzen; während umgekehrt modesüchtige Interpretationen oft genug den Blick für historische Bezüge verlieren, entgeht Adornos mäeutisches Verfahren der Blindheit beider Extreme durch ein antihistoristisches Movens, das die Versenkung in die Sache von der Erfahrung des Autors und der Hypothek der Gegenwart her konturiert. Demzufolge wird das »›Hochgefühl‹« (119) beim Hören des Fünften Klavierkonzerts oder der Eroica und das Trauma des »Seid umzingelt, Millionen« (120) angesichts des Grauens der NS-Barbarei gleicherweise zur Sonde des Verstehens für Beethovens Musik. Mit einem von kritischer Empathie und dem Sinn für historische Differenzen geschärften Sensorium entwickelt Adornos argumentative Vielfalt gegen jede Schematisierung – selbst die der Kolischschen Temporekonstruktionen – und gegen die Auskunftei absoluter Dikta ein Labyrinth von Lesarten zur einzig adäquaten Annäherung an die Komplexität Beethovens, ohne zu einer Art Ursinn zurückzuführen. Daß akademisch normierte Rezensionen meist als Selbstbehauptungsmanifeste im Habitus eigener Überlegenheit aufzutreten haben, kann mit Rücksicht auf eine Veröffentlichung, deren überragende Qualität samt deren Verdrängung in der Wissenschaftsroutine es bewußt zu machen gilt, getrost vergessen werden. Seitdem sich Denken, restaurationskonform und allergisch gegen Kritik, zunehmend mit der Kombination von Textbausteinen verwechselt, deren Puzzles zuallererst den narzißtischen Ausstellungswert ihrer Produzenten steigern sollen, stehen die Zeichen für die Zeugenschaft Adornos und den ethischen Anspruch seiner Philosophie eher ungünstig; vom Desinteresse am strukturellen Hören im Zeitalter der Dauerbeschallung ganz zu schweigen. So dürften auch in Zukunft die Themen- und Problemkreise des Beethoven-Konvoluts dem deskriptiven Verhängnis gängiger musikwissenschaftlicher Forschung weitgehend tabu bleiben. Etwa die Aspekte vom Leibwerden der symphonischen Struktur und einer Dramaturgie des Gestischen, deren frühe Schockexpression den Körper als Bundesgenossen künstlerischer Bändigungsmanöver in Dienst nimmt; oder die einer Anatomie von Beethovens temporaler Grammatik und – überaus weittragend – vom »Chthonischen« (239) einer Musik im Wechselspiel von Geist und Natur. Auch wenn die Aufzeichnungen Adornos zunächst ein »Tagebuch über Erfahrungen mit der Musik Beethovens« repräsentieren, in dem das oft »bloß Angedeutete, gelegentlich wie in einem privaten Idiom Notierte« (12) überwiegt und der Autor keinesfalls zum Leser spricht, steht das Publizierte ungeachtet der fragmentarischen Textur durch seinen Wahrheitsbegriff provokant genug gegen zahlreiche heutige (Musik-)Ästhetiken und deren qualitätsvergessene Geltungslizenzen im Dienst eines marktkonformen Pluralismus. Der von Rolf Tiedemann vorbildlich betreute Band, der »jedes Wort« umfaßt, »das Adorno zum ›Beethoven‹ sich notiert hat« (11), ist allein schon als Dokumentation der Arbeitsweise des Autors von instruktiver Bedeutung. Bietet er doch unmittelbare Einsichten in das Laboratorium der konfigurativen Methode. Mag das Buch von manchen auch zum aphoristischen Steinbruch funktionalisiert werden: seine Modernität liegt gerade im Experimentalcharakter des Offenen, Unfertigen – ein work in progress auch für die Leser. Der Umstand allerdings, weshalb Adorno die Beethoven-Notate, die ihn seit 1938 begleiteten, nicht zur fertigen Monographie ausgearbeitet hat, rührt womöglich an ein hintergründiges Symptom der Abstinenz. Wenn sich die Aufzeichnungen seit 1957 nach und nach verlieren, ohne je ganz abzubrechen, mag dies zwar primär daraus resultieren, daß Adorno angesichts der »Endgeschichte des Subjekts« im Zeichen der Katastrophe von Auschwitz dem Humanum Beethovens und dessen bürgerlicher Subjektemphase nicht mehr mit dem nötigen analytischen Engagement antworten konnte und wollte, vergleichbar dem tragischen Motiv von der ›Zurücknahme der Neunten Symphonie ‹ im Doktor Faustus. Daß ihm aber Beethovens Musik als eine von »unvorstellbarer Größe« (55) galt, hat Adorno trotz seines Widerwillens gegen superlativische Kennmarken bis zuletzt betont. Zumal die »Spätwerke« mit ihrer Subversion des teleologischen Modells und der harmonischen Vorurteile der Tonalität, ihren verstörenden Impulsen gegen die homogene Mnemonik und das Integral des Formgesetzes bis hin zur Auflösungsspur des kompositorischen Subjekts rechnete er zum »Substantiellsten und Ernstesten«, »was an Musik gefunden werden kann« (268): frei vom symphonischen Schein einer verbürgten Perfektibilität der Geschichte. Denkbar also, daß sich ihm die Brechung des Faszinosums Beethoven in barbarischer und »dürftiger Zeit« insgeheim auch mit einer Aversion gegen die Abstoßungsmentalität eines Wissenschaftsbetriebs verband, der jedes zirkulationsfähige Werk in den Taumel der Mode und des schnellen Alterns reißt. Mit dem verweigerten publizistischen Abschied von der ihm »höchsten« (79) Musik Beethovens und dem Dispens, die Rätsel der Sphinx lösen und als eine im tombeau der Schrift geronnene Hommage dem neutralisierenden Warenorkus preisgeben zu müssen, bewahrte sich Adorno – in einer historischen Aporie und wie auch immer bewußt – den »Zauber« und die ›unbeschreibliche Erregung‹ jener »Kindheitserfahrung von Beethoven« (21), die der Herausgeber zu Recht an den Anfang des Bandes stellt. Vermutlich ist deshalb das unvollendete Beethoven-Buch gerade dem Philosophen der neuen Musik eines seiner wichtigsten gewesen. Vielleicht kommuniziert Adornos Torso über die Grenze von Musik und Sprache hinweg am ehesten mit Beethovens Diabellivariationen . Wie sich deren zyklische Konstellation in die Belastbarkeit und Potentialität des Materials versenkt, um sich schließlich zu einem Gebilde des »spekulativen Ohrs« zu verrätseln, so konfiguriert sich die analytische Polyphonie in Adornos »Beethoven« zu einer Art enigmatischem Palimpsest, dessen Deutungsschichten letzte Lesbarkeit verweigern. Dennoch sind die exegetischen Konturen so scharf, daß sie die zum Klischee zurechtgehörte Musik Beethovens und die zur Gewohnheit erstarrte Taubheit ihres Publikums auf neue, auf unerhörte Töne hin durchlässig werden lassen. Johannes Bauer
- Johannes Bauer, Komponieren als Kunst des Beginnens und Schließens
Von der Kunst des Beginnens und Schließens Stationen eines kompositorischen Problems Musik beginnt, Musik schließt. Wo läge hier die Schwierigkeit? Und doch: die bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts von der Konvention des Gattungsstils getragene Praxis, Anfänge und Schlüsse zu komponieren, schärft sich seit etwa 1780 zu einer hintersinnigen Kunst des Übergangs. Zu einer Kunst, für die die Anfänge sich in raffinierte Entmischungsprozesse und demonstrative Grenzscheidungen zwischen der empririschen und der ästhetischen Sphäre auffächern, und zu einer Kunst, bei der die Schlüsse nicht mit den Verfahren des Endens, gar mit solchen des Aufhörens zu verwechseln sind. Wie sehr das Einfädeln der ästhetischen Zeit in die empirische und die Wiederkehr der empirischen Zeit am Ende der Musik zu Nervenpunkten der Form werden, lässt sich an einer Reihe experimenteller Anfangs- und Schlussmodelle von Beethoven bis Stockhausen ablesen: Ästhetischer Ausdruck eines Bewusstseins, dem sich der Zusammenhang und die Gleichförmigkeit der Zeit quer durch alle Erfahrungsbereiche aufzulösen beginnen. Und worin berührte das Poröswerden der Einheit von Zeit und Geschichte die musikalische Struktur wohl mehr als in ihrem Anspruch, Zeit in der Zeit aufzuheben? Mit den Schnittstellen von Anfang und Ende als dem Alpha und Omega musikalischer Erscheinung in der Zeit? Johannes Bauer Von der Kunst des Beginnens und Schließens Stationen eines kompositorischen Problems SWR 2, 2003 A Musik beginnt, Musik schließt. Wo liegt die Schwierigkeit? Und sollte es Probleme geben, gibt es wohl auch Mittel, sie zu lösen. Etwa so: Bspl. 1: Johann Strauß, Perpetuum mobile [3´04´´] [Karl Böhm, Wiener Philharmoniker] A Das «Und so weiter» des Dirigenten Karl Böhm beendet von außen einen «musikalischen Scherz», der wie in einer Endlosschleife ewig weiterlaufen könnte. Johann Strauß’ Perpetuum mobile : ein Scherz eben, aber gleich ein kompositorisches Problem? B Und doch ist dies eine Musik, die endet, ohne zu enden: Paradoxe Variante eines Komponierens, dem die vormals vom Gattungsstil getragene Praxis, zu beginnen und zu schließen, seit etwa 1780 eine besondere Kunst des Übergangs abverlangt. A Eine Kunst nämlich, bei der Anfänge sich in subtile Entmischungen oder rigorose Grenzscheidungen zwischen Musik und Realität auffächern und bei der Schlüsse nicht mit Verfahren des Endens, gar mit solchen des Aufhörens zu verwechseln sind. BEine Kunst also, der das Einfädeln der ästhetischen Zeit in die empirische Zeit zu Beginn einer Komposition und die Wiederkehr der empirischen Zeit an ihrem Ende zu Nervenpunkten der musikalischen Form werden. Bspl. 2: Ludwig van Beethoven, Erste Symphonie [Tr. 1, 0´00´´–0´06´´] [0´06´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] A Ein ungewöhnlicher Beginn: mit der unvermittelt und ohne metrisches Fundament einsetzenden Dissonanz eines Septakkords, der sich in die Subdominante auflöst, bevor endlich nach acht Takten die Grundtonart bestätigt wird. Eröffnet man so eine Symphonie? B «Man» sicher nicht, aber eben Beethoven. Was spielt es da für eine Rolle, wo das feierliche Eröffnungsportal bleibt? A Und doch wird noch 1805 genau dieses Eröffnungsportal vermisst, wenn an Beethovens Erster Symphonie ein Beginn kritisiert wird, der «nicht zur Eröffnung eines großen Concerts» passt. Wo bleibt das «prachtvolle Unisono», das eine musikalische Akademie «besser eröffnet» hätte als dieser «unbestimmte, wenngleich genialische Anfang»? Bspl. 3: Ludwig van Beethoven, Erste Symphonie [Tr. 1, 0´00´´–1´16´´] [1´16´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] B Wenn dieser Anfang das zeitgenössische Publikum nicht desorientiert hat! Ein Anfang, den der Gestus der Originalität zum Unerwarteten, zum Ereignis schärft. A Und nicht nur das. Irritationen wie die ersten Takte von Beethovens C-Dur-Symphonie sollen mit der Sprengung ästhetischer Normen für die Verkrustung gesellschaftlicher Konventionen sensibilisieren. So wird das symphonische Unternehmen zur politisch-philosophischen Lektion, das Konzentration und Mitvollzug verlangt: ästhetische Gebote, die die beiden Forte-Schläge zu Beginn der Eroica gebieterisch einfordern. Bspl. 4: Ludwig van Beethoven, Eroica [Tr. 5, 0´00´´–0´02´´] [0´02´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] B Auch wenn die Forte-Schläge zur Eröffnung der Eroica harmonisch nichts weiter sind als reine Es-Dur-Dreiklänge, ein Ereignis sind sie ebenfalls. Ereignis im Sinn eines herrischen Schnitts in die Zeit A und im Sinn einer plötzlichen Entladung des ästhetischen Augenblicks in die empirische Zeit wie zu Beginn von Beethovens Fünfter Symphonie ; einer Entladung, die das Publikum erschüttern soll wie jener «Blitz» in Schillers Abhandlung Über die tragische Kunst, «der alle Herzen entzündet». Bspl. 5: Ludwig van Beethoven, Fünfte Symphonie [Tr. 1, 0´00´´–0´06´´] [0´06´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] A Wie solche kompositorischen Attacken wohl vom Publikum der Ur- und Erstaufführungen aufgenommen wurden? B Jedenfalls belegen zahlreiche Konzertberichte die Provokation des Ungewohnten samt den entsprechenden Abwehr- und Abfuhrreaktionen. Abfuhrreaktionen beispielsweise mit Tumult und Gelächter beim englischen Publikum des Jahres 1811 als Antwort auf den Anfang der Fünften Symphonie . A Es geht beim Anfangen und Schließen also um eine Kunst der Entmischung, um Scheidekünste, deren Thematik um 1800 auch auf anderen Gebieten relevant wird. Etwa wenn Hegel erst der Philosophie seiner Zeit das «Bewusstsein» für die «Schwierigkeit» zuspricht, «einen Anfang in der Philosophie zu finden». Und fortfährt, dieser Anfang müsse der Vorstellung nach «entweder ein Vermitteltes oder ein Unmittelbares sein», ohne doch «weder das eine noch das andere sein» zu können. B Und was die Schwierigkeit des Anfangs seit dem klassisch genannten Höhepunkt der Musik des bürgerlichen Zeitalters betrifft: Anfangen, Beginnen hatte von nun an die Vermittlung zwischen Werk und Publikum auf eine Weise zu leisten, die der Fesselung des Auditoriums und der Selbstbestimmtheit des Komponierten zugleich Rechnung trug. A Denken wir an den Beginn von Haydns Symphonie Nr. 103 mit seiner gewagten, faszinierenden, ja verstörenden Entmischung der ästhetischen und außerästhetischen Sphäre. Einer Entmischung von unten her, dicht am Geräusch. Der Paukenwirbel – ein geniales Kürzel für den rohen Stoff, den es musikalisch zu formen gilt. Die Pauke – das Medium, das die Materie zum Schwingen bringt. Das Material – nichts als Potenz und verkappte Struktur. Bspl. 6: Joseph Haydn, Symphonie Nr. 103 [Tr. 9, 7´02´´–7´10´´] [0´08´´] [Thomas Beecham, Royal Philharmonic Orchestra] B Haydns Paukenwirbel, eine kaum hörbare Interpunktion zwischen Musik und Welt: einen Takt lang aus dem Unhörbaren anschwellend und wieder ins Unhörbare gleitend. Auch wenn aufgrund der fehlenden Dynamik-Angabe seitens des Komponisten ungewiss ist, wie dieser Paukenwirbel auszuführen sei: ob «fortissimo [...] oder fortissimo-diminuendo oder crescendo-diminuendo oder crescendo». Aber geschenkt! Ein unerhörter Beginn ist es allemal. Bspl. 7: Joseph Haydn, Symphonie Nr. 103 [Tr. 9, 7´02´´–7´10´´] [0´08´´] [Thomas Beecham, Royal Philharmonic Orchestra] A Wie gesagt, ein unerhörter Beginn B und einer, der mit dem Kontinuum musikalischer Ordnung kaum vermittelbar scheint. Ein Beginn, der quer zum Kosmos des reinen Tons und des tonalen Organismus steht. A Zumindest handelt es sich bei diesem Beginn um eine Erkundung an den Rändern der Musik. Vorausgesetzt, man lässt den Paukenwirbel im Pianissimo beginnen. Offenkundig ist indes, dass Beethoven einen solchen gegen Null zulaufenden Beginn realisiert hat. Bspl. 8: Ludwig van Beethoven, Neunte Symphonie [Tr. 2, 0´00´´–0´04´´] [0´04´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] B Beethovens Neunte Symphonie : ein Beginn oder besser Nicht-Beginn mit dem Schauer der Tongeschlecht und Tonart verschleiernden leeren Quint, pianissimo in den Sechzehnteltriolen der zweiten Violinen und Violoncelli vibrierend. A Beethovens Schwierigkeit lag bei diesen Anfangstakten darin, die Bestimmtheit des tonalen Regelsystems gezielt aufs Unbestimmte hin zu unterlaufen, um dann mit den Mitteln einer effizienten Produktionslogik erneut Bestimmtheit zu erzeugen. Nun aber eine Bestimmtheit aus der Macht des kompositorischen Subjekts heraus. Bspl. 9: Ludwig van Beethoven, Neunte Symphonie [Tr. 2, 0´00´´–0´56´´] [0´56´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] B Seiner Tendenz nach eine «Schöpfung aus Nichts» erzeugt sich der Anfang der Neunten Symphonie aufgrund jener impulsiven und spannungsgeladenen Offenheit, die die terzlose Quint mit purer Entwicklungsenergie auflädt. Es ist dieses leere Intervall, das die kompositorische Arbeit der Klärung und damit die Schöpfung eines ästhetischen Universums in Gang setzt. A Das wäre denn auch die Nähe Beethovens zur Philosophie seiner Zeit und ihrer «Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen», mit dem «eine ganze Welt aus dem Nichts hervor[tritt]: Die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts», wie im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus aus dem Umkreis Hegels zu lesen ist. Bspl. 10: Ludwig van Beethoven, Neunte Symphonie [Tr. 2, 0´00´´–0´56´´] [0´56´´] [Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester] B Nicht nur, dass Beethoven mit den ersten Takten der Neunten Symphonie eine neue Ökonomie ins Werk setzt, die sämtliche Konstanten der tonalen Grammatik einem Höchstmaß an Einheit und Kontinuität unterwirft. Beethoven stilisiert sich hier außerdem – das geschieht wohl zum ersten Mal in der Musikgeschichte – zum Mystagogen, zu einem Auserwählten, der in die Mysterien, in die Geheimnisse der ästhetischen Offenbarung einweiht. A Was ja der Pianissimo-Schauer des Tremolos deutlich genug zu Gehör bringt. B Übrigens war es dieser Initiationsritus, der für die Musik des 19. Jahrhunderts insgesamt nicht ohne Einfluss blieb. Etwa für die pianissimo tremolierende Eröffnung der Neunten Symphonie Anton Bruckners. Auch bei Bruckner entfalten die Anfangstakte des «Feierlich, Misterioso» überschriebenen ersten Satzes eine mystisch sakrale «Dämmerungszone», eine Aura der Schöpfung, zurückverlegt in den Bereich eines vorbewussten Hörens: ein Anfang ohne anzufangen. Bspl. 11: Anton Bruckner, Neunte Symphonie [Tr. 1, 0´00´´–1´21´´] [1´21´´] [Günter Wand, Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester] B Die Anfänge der Neunten Symphonien Beethovens und Bruckners lassen sich als Eichungen im Grenzbereich zwischen Stille und Ton verstehen. Darüber hinaus liegt in diesen Anfängen eine Art «délire de toucher»: eine Art Ehrfurcht oder Scheu, die ästhetische Sphäre zu berühren, gerade vor dem Hintergrund einer Welt, in der «einen alles um uns nahe her ganz verstummen» macht, wie Beethoven 1817 seine Betroffenheit über die politischen Zustände formuliert. A Und nicht selten gilt der prosaisch-nüchternen Welt jener choralhafte Ton, zu dem sich so viele symphonische Finali des 19. Jahrhunderts aufgipfeln. B Im Schlusssatz von Bruckners Fünfter Symphonie gar zu einer Kombination von Choral und Doppelfuge: Ein athletischer Kraftakt mit dem tektonischen Arsenal vergangener Epochen, um die fortschrittlichste Harmonik der Zeit, Wagners Alterationschromatik, zu bändigen, mit der Bruckner komponiert und von der seine Formarchitektur immer wieder gesprengt zu werden droht. So sehr Bruckners Symphonien Risse und Brüche auch kompromisslos auskomponieren: Das Montierte, ja Getrickste beim letzten Choraleinsatz der Fünften Symphonie ist kaum zu überhören. Bspl. 12: Anton Bruckner, Fünfte Symphonie [Tr. 4, ab 21´57´´aufbl.–24´08´´] [2´11´´] [Günter Wand, Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester] A Gegen den Geist der Zeit komponiert und doch aus dem Geist ihrer Mittel, um im Zugriff auf Vergangenes die Überlegenheit der Gegenwart zu demonstrieren: Das ist es, was die Schlusstakte von Bruckners Symphonie wie ein Stück Musik gewordener Ringstraße wirken lässt. Pompöse Stilzitate als Bollwerke wie als Mahnmale in der entfesselten ökonomischen Arena ihrer Epoche. Komponierte Bruckner seine Fünfte Symphonie nicht zu einer Zeit, als mit dem Wiener Börsenkrach die «Große Depression» und ihre Stagnationsphase den Glauben an die Selbststeuerungskräfte der Wirtschaft erschütterten? B Und weil der Bruch zwischen Kunst und Realität vom Autonomieanspruch der Musik her brisant ist, werden letzte Takte zu einer überaus schwierigen Zone: mehr zu Doppelpunkten als zu Punkten, mehr zu Fragen als zu Antworten. A Und sie werden mitunter zu einem begrifflich kaum zu lösenden Siegel der Werke. Oder wie wäre das Ende von Mozarts Maurerischer Trauermusik zu fassen, deren c-Moll sich erst im letzten Takt unerwartet und pianissimo in einen an- und abschwellenden C-Dur-Akkord auflöst? Bspl. 13: Wolfgang Amadeus Mozart, Maurerische Trauermusik [Tr. 14, ab 5´03´´aufbl.–6´13´´] [1´10´´] [Ferenc Fricsay, Radio-Symphonie-Orchester Berlin] B Klare Affektscheidungen dürften für den Schluss dieser Musik ebenso in die Irre gehen, wie der nicht weniger verlegene Verweis auf eine Mischung der Charaktere von Melancholie, Trauer und Hoffnung. Vielleicht überfordert uns der Eros in Mozarts Musik, weil er einem Stärke-Ideal zuwiderläuft, das sich seine Überlegenheit durch ständige Beherrschung von Affekten und Empfindungen beweisen muss. Anders der Schlusstakt in Mozarts Maurerischer Trauermusik . Er wird zum Augenblick einer spirituell aufgehellten Welthaltigkeit, die den Schmerz nicht mit den Mitteln des Ethos und schon gar nicht mit den Mitteln der Disziplinierung reden lässt. A In Mozarts Musik, die von der Naturgeschichte der Seele, von der Leib gewordenen condition humaine herkommt, signalisiert die Rückung von Moll nach Dur kein Über-sich-Hinausweisen im Dienst einer sittlichen Idee, keine Ökonomie des Standhaltens mit finaler Läuterung. Eher schon verweist sie auf Übergang und Verwandlung, wobei die Musik selbst noch auf deren Unverbürgtheit mit Gelassenheit reagiert. Mozart kennt keinen vertröstenden Aufschub auf Kosten der Gegenwart inmitten des Farbenspiels der Seele und der Kreatürlichkeit des Geistes. B Es war Beethoven, der mit den Schlusspartien der Egmont - und der Coriolan-Ouvertüre zwei Final-Modelle formuliert hat, die im 19. Jahrhundert zu musikalischen Leitbildern wurden. Triumph und Scheitern: ihr Formenkreis gibt die Bühne vor, auf der die Spannungen zwischen Ich und Weltlauf in Szene gesetzt werden, oder, wie Hegel das nennt, die Spannungen zwischen «Tugend und Weltlauf». A «Tugend und Weltlauf». Ob das heute noch jemand versteht? Zumal Hegel von einer geschichtlichen Entwicklung ausging, die gesteuert von der Vernunft des Weltgeistes durch, ja gegen das Handeln der vereinzelten Subjekte auf Freiheit zuläuft. B Trotzdem lässt der F-Dur-Schlussjubel der Egmont-Ouvertüre keinen Zweifel daran, dass die Musik aus der Spannung zum Drama des niederländischen Freiheitskampfes und aus der Spannung zu Egmonts Tod emanzipatorisches Feuer schlagen will: in einer tagtraumhaften Vision und mit dem Anspruch eines Postulats. Bspl. 14: Ludwig van Beethoven, Egmont-Ouvertüre [Tr. 3, 7´25´´(«Allegro con brio»)–9´03´´] [1´38´´] [Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra] A Egmont oder das Projekt Zukunft. Und wie steht es mit dem Motivzerfall am Ende der Coriolan-Ouvertüre ? Mit der Todessymbolik ihres sich ausdünnenden Orchestersatzes, in dem die Phrasen sich auflösen und Generalpausen eine affektive Motorik zum Stocken bringen, die pianissimo verlöscht? Nur noch ein Schatten jener synkopischen Verbissenheit, die die Ouvertüre als Impuls eines obsessiven Sich-Behauptens in Gang gehalten hatte? Bspl. 15: Ludwig van Beethoven, Coriolan-Ouvertüre [Tr. 2, 6´50´´(Einsatz: Takt 276)–7´57´´] [1´07´´] [Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra] A Trotz des Scheiterns ist dieses Scheitern kein Zusammenbruch nach heutigem, psychologischem Verständnis, sondern ein Scheitern im hegelschen Sinn: Tragik eines starken Charakters, der sich unbeugsam, ja in rücksichtsloser Selbstbehauptung gegen die Welt stellt. B Gewissermaßen ein in sich geschlossenes, gleichsam napoleonisches System an Willen. A Denn, so Hegel, «die Intensität und Tiefe der Subjektivität tut sich umso mehr hervor, [...] je zerreißender die Widersprüche sind, unter denen sie dennoch fest in sich selber zu bleiben hat». Am tragisch-heroischen Schluss der Coriolan-Ouvertüre kann man hören, wie sehr sich Beethoven entschiedener noch als am sittlichen Subjekt an der Willenskraft des starken Charakters orientiert; einer Willenskraft, die Hegel zufolge die «Ehre der großen Charaktere» ausmacht. Wie sonst könnte die Musik des Republikaners Beethoven die anmaßenden, hass- und rachsüchtigen Züge des Patriziers und Volksverächters Coriolan trotz dessen spätem Sinneswandel so grandios zum Verschwinden bringen? Mag in der Neuzeit für Hegel die tragische Kollision zwischen starkem Charakter und Weltlauf auch überwiegend von Zufällen bestimmt und die Instanz des Schicksals weit «abstrakter» und «von kälterer, kriminalistischer Natur» sein: Immer noch liegt für Hegel wie für Beethoven der Zauber der «großen Charaktere» darin, dass sie nicht wählen, sondern durch und durch von Hause aus das sind, was sie wollen und vollbringen». B Aber das ist lange her. Und selbst wenn die Musik des 19. Jahrhunderts das heroische Ich umkreist, kreist sie zunehmend auch um dessen Zersplitterung in einem ‹abstrakten Ganzen›, wie Schiller das schon 1795 nennt. Bspl. 16: Gustav Mahler, Sechste Symphonie [Tr. 4, 27´02´´–27´20´´] [0´18´´] [Georg Solti, Chicago Symphony Orchestra] B Orchestertutti fortissimo, ein «pesante» in den Pauken gehämmerter katastrophenartiger Rhythmus, kombiniert mit dem a-Moll-Dreiklang, ein Decrescendo dann, endend im Piano-Pizzikato der Streicher, gedämpft vom leisen Schlag der Großen Trommel: der Schluss von Gustav Mahlers Sechster Symphonie . A Ein Schluss, der an den von Beethovens Coriolan erinnert. B Wenn auch nur vordergründig. Ist doch in Beethovens Orchesterwerken die Spannung zwischen Individual- und Gattungsethos über das Medium der motivisch-thematischen Arbeit noch so weit austariert, dass die Musik auf das Kollektivsubjekt Menschheit und dessen Gattungsbonus ausgerichtet bleibt. A Selbst wenn sie ein Scheitern auskomponiert? B Selbst dann. Erst die unberechenbaren Marktdiktate der Konkurrenzökonomie entzaubern die Ideen von humanem Fortschritt und mündiger Gesellschaft und lassen das durch die Regie der Vernunft gesicherte Wechselspiel von Zufall und Notwendigkeit in einen irregewordenen Weltlauf zerfallen, in den die Einzelsubjekte sich auflehnend und ohnmächtig zugleich verspannt sind, A und verurteilt zur Verinnerlichung ihrer Fantasien und Gegenwelten. Bspl. 17: Gustav Mahler, Sechste Symphonie [Tr. 4, 27´02´´–27´20´´] [0´18´´] [Georg Solti, Chicago Symphony Orchestra] A Mit dem Schwinden jener überzeitlichen Vernunft, in der alle Einzelsubjekte sich bespiegeln konnten, zerbricht Kontinuität in die Eigenzeit des Ichs und in die Zeit eines funktionalistischen Weltgetriebes, dessen Diktat ästhetisch kaum noch zu überschreiten ist. Einsamkeit wird zu einer Grunderfahrung der Moderne. B So wie in Schönbergs Erwartung , deren Schluss – aber ist das überhaupt ein Schluss – durch das bloße Aufhören zum Kürzel wird: zum zufälligen Ausschnitt, der das Besondere als Allgemeines zitiert. Die Einsame, die bei Schönberg durch die Nacht irrt, um ihren Geliebten zu suchen und ihn schließlich ermordet findet, ist in ihrer Angst und ihren Schocks nur die Repräsentantin jener universal alltäglichen Einsamkeit, die isoliert und vereinzelt und von der es gegen Ende der Erwartung heißt. «Tausend Menschen ziehn vorüber ... ich erkenne dich nicht». A Wie sehr indes Masse und Einsamkeit einander bedingen, belegen Musik und Literatur um 1910 hinreichend. B Belegt nicht zuletzt Schönbergs Musik, die den Zusammenhang von Masse und Einsamkeit schlaglichtartig, ohne Mitleid und falsche innere Kontinuität protokolliert. Wenn die Musik mit einem Glissando-Sog im drei- und vierfachen Piano endet, während der Vorhang fällt, dann ist dies ein Schluss ins Offene, der dennoch abrupt abbricht, weil der gesellschaftliche Habitus all der lautlosen Katastrophen im so genannt Privaten keine andere Lösung zulässt. Bspl. 18: Arnold Schönberg, Erwartung [Tr. 8, 0´42´´(aufbl.)–3´06´´] [2´24´´] [Pierre Boulez, Janis Martin, BBC Symphony Orchestra] A Drei Jahre nach Schönbergs Erwartung steht am Ende von Kafkas Urteil , also nachdem die Hauptfigur der Erzählung den Schuldspruch des Vaters vollzogen und sich ertränkt hat, der ungeheure Satz: «In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.» Und Malte Laurids Brigge ? Verzweifelt nicht auch er an der Masse? «Die Masse macht es», lesen wir in Rilkes Roman von 1910. «Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur anzuziehen.» Das «Man»: für Heidegger bedeutet es schließlich, «Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.» B Aber zurück zur Musik des 19. Jahrhunderts. Es gibt in ihr orchestrale Schlüsse – wenn auch selten –, die sich weder dem tragischen noch dem heroischen oder dem enthusiastischen Typus zurechnen lassen. Etwa den folgenden: Bspl. 19: Johannes Brahms, Dritte Symphonie [Tr. 8, 8´11´´(aufbl.)–8´50´´] [0´39´´] [George Szell, Cleveland Orchestra] B Brahms’ Dritte Symphonie : Schluss einer Finalcoda, die kein Scheitern, keine Resignation, kein Bestehen heroischer Kämpfe, sondern eine Abkehr vom Konfrontationsmuster «Subjekt kontra Weltlauf» überhaupt formuliert: Abschied vom beethovenschen Erbe und seiner hegelschen Spur, ohne sich damit der Totalität des Weltlaufs zu unterwerfen. A Wahrscheinlich liegt das Moderne dieser «Poco sostenuto»-Coda in ihrer vielschichtigen Textur, bei der die verborgenen, unterirdischen Zusammenhänge eine ebenso große Rolle spielen wie die offenkundigen: ein Filigran mikromotivischer Anspielungen, Verknüpfungen, Überlagerungen, Schattierungen und Auflösungen, wie gestimmt auf den dionysischen Ton des «Bleibt der Erde treu» von Nietzsches Zarathustra , dessen erster Teil im Entstehungsjahr der Symphonie erschien. B Stärker gestimmt jedenfalls als auf Drama und Trauma. Mögen sich in der Coda von Brahms´ Dritter Symphonie auch zentrale Themen des Werks wie in einem Brennspiegel brechen: Schlussrenditen als Ankunft im Triumphalen oder Tragischen verweigert diese Musik der Zwischentöne. Und noch der so genannte Choral gegen Ende hat – der Brahms-Literatur zum Trotz – weit weniger etwas mit einem Choral zu tun als mit einem bukolisch gefärbten Ausklang. Und wenn im Flirren der Streicherfiorituren die Konturen weich werden, dann nicht infolge fehlender Prägnanz, sondern um die thematischen Physiognomien zu verflüssigen und gegenseitig durchlässig werden zu lassen. A Korrespondenz also statt Konfrontation. Vergleichbar der französischen Malerei des späten 19. Jahrhunderts, bei der im Gesicht der Porträtierten und im Eigenkolorit der Dinge sich alle Farben des Tableaus brechen: multiperspektivische Erfahrung der Moderne und ästhetischer Entwurf einer Versöhnung von Menschen und Dingen in einer Welt zahlloser Korrespondenzen. Brahms 1883: war er nicht auch der Zeitgenosse von Cézannes Mont Sainte-Victoire und Seurats Grande Jatte ? Bspl. 20: Johannes Brahms, Dritte Symphonie [Tr. 8, 6´28´´(aufbl.)–8´50´´] [2´22´´] [George Szell, Cleveland Orchestra] A Diese Coda wird die Musik nicht mehr vergessen. Auch wenn nach 1883 immer noch genügend heroische Schlüsse komponiert werden. B Dennoch: verklärende Synthesen sind bald nur noch mit Ironie möglich, sollen sie nicht ins Triviale abstürzen. Dass Bruckner seine Neunte Symphonie nicht mehr vollenden konnte, wirkt wie der Einspruch des musikalischen Weltgeistes gegen die Norm der finalen Gewichtung. A Und während Anton Bruckner in Wien an seiner «dem lieben Gott» gewidmeten Neunten Symphonie arbeitet, unterzieht Erik Satie in Paris nicht nur den finalen Typus, sondern den musikalischen Zeitverlauf insgesamt einer radikalen Kur: in den Danses gothiques , einem musikalischen Portal der Moderne. Bspl. 21: Erik Satie, Danses gothiques [Tr. 19, 0´00´´–1´23´´] [1´23´´] [Steffen Schleiermacher] A Saties Danses gothiques sind eine Musik aus dem Baukasten. Ein Bestand von einigen wenigen Motivelementen wird in jeweils unterschiedlichen Folgen gereiht. Dass dieses Montageprinzip Konsequenzen für das Anfangen und Schließen der Musik hat, liegt auf der Hand. Anfang und Ende werden als strukturelle Akzente bedeutungslos. Musik kann aufhören, wo sie will, und sie kann beginnen, womit sie will. B Form wäre demnach eine Frage der Kombination beliebig vertauschbarer und wiederholbarer Motivmaterialien, deren jeweilige Reihenfolge Stücke unterschiedlicher Länge kreiert. A Jedenfalls brechen manche der neun Danses gothiques sogar noch innerhalb eines Bausteins ab, natürlich ohne abschließenden Taktstrich. Umgekehrt gibt es vermeintliche Anfänge inmitten eines Motivs. Anfangen und Schließen erinnert in dieser Musik ohne Entwicklung, in der alles auf alles folgen kann, an bloße Willkür. Bspl. 22: Erik Satie, Danses gothiques [Tr. 20, 0´00´´–1´08´´] [1´08´´] [Steffen Schleiermacher] A Natürlich liegt in Saties Aushöhlung des linearen Zeitstroms und seines affektiven Gedächtnisses auch ein Moment des Widerstands gegen die Schicksalsmacht Zeit: als Möglichkeit, Zeit gleichsam von außen zu denken. B Immerhin gibt es seit Satie eine Musik, die sich nicht dafür interessiert, «ob Fortsetzungen ‹zwingend›, Konklusionen ‹schlüssig›, Anschlüsse ‹logisch›, Kontraste ‹stark›, Spannungen ‹aufregend› und Schlüsse ‹endgültig› genug komponiert» seien. A Womit wir bei Stockhausen wären. Wenn Stockhausens «Momentform» eine Musik meint, die «sofort intensiv» ist «und – ständig gleich gegenwärtig – das Niveau fortgesetzter ‹Hauptsachen› bis zum Schluss durchzuhalten» sucht, dann ist dies keine Musik des Aufschubs mehr. Im Gegenteil: jeder ihrer Momente ist gleich nah zum Mittelpunkt und davon bestimmt, den Augenblick als Augenblick ernst zu nehmen, gegen dessen funktionale Verspannung in die Folgerichtigkeit der Folge. Anfänge und Schlüsse: nichts als punktuelle Zufälligkeiten. Bspl. 23: Karlheinz Stockhausen, Kontakte [Tr. 1, 0´00´´–2´55´´] [2´55´´] [David Tudor, Christoph Caskel, Karlheinz Stockhausen, Gottfried Michael Koenig] B Strauß’ Perpetuum mobile also doch kein bloßer Scherz? Und erst Alban Bergs Lyrische Suite , an deren Ende die Bratsche ins «völlige Verlöschen» gleitet, als müsste sie im Unhörbaren endlos weiter spielen: «spielen für immer», wobei «nur wir [es] sind», «die sie nicht mehr vernehmen», wie Theodor W. Adorno dieses Ende kommentiert. Ist Bergs Schluss ohne Schluss nicht auch ein délire de toucher? Eine Scheu zwar nicht vor der Berührung der ästhetischen Sphäre, wohl aber vor der Berührung der Realität? A Vielleicht hilft Kafkas Gedanke Vom Schweigen der Sirenen weiter. Mag sein, dass die Sirenen schweigen und die Musik der Moderne mitunter auch aus dem Grund verstummt oder ins Unhörbare gleitet, weil das Publikum sich weigert, das Wachs aus den Ohren zu nehmen. Weil es der Odyssee der Musik seiner Zeit und der Emanzipation des Hörens gegenüber weitgehend taub bleibt, ohne Bewusstsein. Wenn aber Hören zunehmend etwas mit Hörigkeit zu tun hat, in Abhängigkeit vom universell und medientechnisch Gewohnten nämlich, haben dann die Sirenen, wie es bei Kafka heißt, nicht «eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen»? B Was auf die Vorstellung einer Welt ohne Musik hinausliefe, ohne die laut Nietzsche «das Leben ein Irrtum» wäre? A Fragt sich nur welcher Musik. B Eine schwierige Frage. Als kämen nicht schon Nietzsches und Kafkas Stimmen aus einer Zeit, in der noch nicht abzusehen war, wie sehr das Hören einmal zerrieben würde: kommerziell, museal, A vor allem aber pausenlos – ohne Anfang und Ende. Bspl. 24: Alban Berg, Lyrische Suite [Tr. 6, 1´52´´–5´22´´] [3´30´´] [LaSalle Quartet] Musikbeispiele Ludwig van Beethoven, Erste Symphonie, Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester Ludwig van Beethoven, Dritte Symphonie, Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester Ludwig van Beethoven, Fünfte Symphonie, Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester Ludwig van Beethoven, Neunte Symphonie, Michael Gielen, SWF-Sinfonieorchester Ludwig van Beethoven, Egmont-Ouvertüre, Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra Ludwig van Beethoven, Coriolan-Ouvertüre, Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra Alban Berg, Lyrische Suite, LaSalle Quartet Johannes Brahms, Dritte Symphonie, George Szell, Cleveland Orchestra Anton Bruckner, Neunte Symphonie, Günter Wand, Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester Anton Bruckner, Fünfte Symphonie, Günter Wand, Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester Joseph Haydn, Symphonie Nr. 103, Thomas Beecham, Royal Philharmonic Orchestra Gustav Mahler, Sechste Symphonie, Georg Solti, Chicago Symphony Orchestra Wolfgang Amadeus Mozart, Maurerische Trauermusik, Ferenc Fricsay, Radio-Symphonie-Orchester Berlin Erik Satie, Danses gothiques, Steffen Schleiermacher Arnold Schönberg, Erwartung, Pierre Boulez, Janis Martin, BBC Symphony Orchestra Karlheinz Stockhausen, Kontakte, David Tudor, Christoph Caskel, Karlheinz Stockhausen, Gottfried Michael Koenig Johann Strauß, Perpetuum mobile, Karl Böhm, Wiener Philharmoniker
- Johannes Bauer, Philosoph, Maler
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- Johannes Bauer, Mein imaginäres Konzert (Berlin, Villa Elisabeth)
Mein imaginäres Konzert Konzert für Worte solo Donnerstag, 09. Oktober 2008| 20 Uhr | Berliner Gesellschaft für Neue Musik Villa Elisabeth | Invalidenstraße 3 | Berlin-Mitte | www. bgnm.de Wie nah kann Sprache der Musik kommen, wie genau kann sie Musik beschreiben? Die Berliner Gesellschaft für Neue Musik ruft im zweiten Konzert, das sich dem Grenzverkehr zwischen Musik und Sprache widmet, klangambitionierte Schriftsteller und wortambitionierte Musiker auf, eine existierende oder vorgestellte Musik möglichst genau zu schildern – ein inszeniertes Konzert, in dem die Musik kraft der Worte allein in den Köpfen des Publikums entsteht. Inszenierung: Christian Kesten Ensemble: Die Maulwerker Autoren: Leowee Polyester, Anja Tuckermann, Bernd Hüppauf, Jorn Ebner, Christina Müller-Gutowski, Ruth Wiesenfeld, James Etherington, Johannes Bauer , Hana Sustkova Die Konzerte laufen unter der Reihe Freundliche Übernahme – Im Grenzverkehr zwischen Musik und Sprache der Berliner Gesellschaft für Neue Musik.
- Johannes Bauer, Goethe und Mozart. Aspekte einer Wahlverwandtschaft
Südwestrundfunk 1999 "Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet" Beiträge demnächst verfügbar Bleibe dran... Goethe und Mozart Aspekte einer Wahlverwandtschaft Goethes musikalische Sprache. Worin könnte sie liegen? Hören wir Goethe selbst zu, der anlässlich einer Charakterisierung des Griechischen und Lateinischen unterderhand sein eigenes Sprachverständnis formuliert. Welch eine andre wissenschaftliche Ansicht würde die Welt gewonnen haben, wenn die griechische Sprache lebendig geblieben wäre und sich anstatt der lateinischen verbreitet hätte. (...) Das Griechische ist durchaus naiver, zu einem natürlichen, heitern, geistreichen, ästhetischen Vortrag glücklicher Naturansichten viel geschickter. Die Art, durch Verba, besonders durch Infinitiven und Partizipien zu sprechen, macht jeden Ausdruck läßlich ; es wird eigentlich durch das Wort nichts bestimmt, bepfählt und festgesetzt , es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der Einbildungskraft hervorzurufen. Die lateinische Sprache dagegen wird durch den Gebrauch der Substantiven entscheidend und befehlshaberisch . Der Begriff ist im Wort fertig aufgestellt, im Worte erstarrt , mit welchem nun als einem wirklichen Wesen verfahren wird. Hier liegt Goethes Poetik programmatisch vor uns: ihre Ablehnung des ‘Befehlshaberischen’ und ‘Erstarrten’ der Sprache. Namentlich das Wort vom „bepfählen“ zielt gegen eine Sprachgewalt, die die Pflöcke des Bezeichnens und Kennzeichnens imaginationsblind in das Buch der Welt rammt. Goethe dagegen will die Sprache verflüssigen. Er misstraut der Besetzungs-, der Besatzungskraft des Satzes den Dingen und der Welt gegenüber. Und er misstraut der verkürzten Entscheidungswillkür des Urteils als einem gegenpoetischen Schwergewicht. Gebündelt finden sich solche Motive schon im Werther . Eine ‘herabgeorgelte’ Satzperiodik und die „gewöhnliche Terminologie“ der Wortschablonen werden ebenso missbilligt wie jene sittliche Selbstgefälligkeit, die die Kausalketten gottgleich überschauen will, um sie im Urteil über Gut und Böse stillzustellen. Daß ihr Menschen (...) gleich sprechen müßt: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös! (...) Habt ihr deswegen die inneren Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein. Grundiert wird die Wertschätzung der Gefühle und Passionen und ihr entregelter sprachlicher Ausdruck von einer Grammatik der Psyche, die eher stockt und abbricht, als ihre Leidenschaft in falscher Verbindlichkeit einzudämmen. „Ich mache nicht gern Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nicht anders ausdrücken“. So richtet sich die große Passion gegen die tödliche Konvention der Sprache und ihre Moral- und Sinnvereisungen. Mozart, Symphonie Nr. 25 g-Moll, KV 183 , 1. Satz, T. 81-128. Das Starre, Verkrustete eindeutiger Zuordnungen im Satzgefüge aufzubrechen, daran liegt Goethe. Seine Pfingstzeit der Sprache ist eine Antwort auf das Klischee; ein Aufbrechen von Sprachgefängnis und Wortgittern gemäß der Devise: „Und umzuschaffen das Geschaffne, / Damit sichs nicht zum Starren waffne“. Er will die Sprachelemente aus ihrem Gleichgewicht bringen - hin zu einer eher musikalischen Logik assoziativen Gleitens, ohne sich im Ordnungslosen zu verlieren. Der Beginn eines Gedichts aus den Chinesisch-deutschen Jahres- und Tageszeiten zeigt diese gleitende Logik in Vollendung. Weiß wie Lilien, reine Kerzen, Sternen gleich, bescheidner Beugung, Leuchtet aus dem Mittelherzen Rot gesäumt die Glut der Neigung. Nicht nur ein erstes Hören und Lesen sucht hier vergebens nach einem an gängige Satzmuster gebundenen Sinn in Mustersätzen. Zumal die Tatsache, dass es sich hier um ein Bild „frühzeitiger Narzissen“ handelt, erst aus dem zweiten Teil des Gedichts ersichtlich wird. Zwar lassen sich das Prädikat „leuchtet“ und das Subjekt „Glut der Neigung“ ausmachen. Die Klärung eines Objekts jedoch stößt auf Schwierigkeiten. Die Reihung „Weiß wie Lilien, reine Kerzen, / Sternen gleich, bescheidner Beugung,“ ist als schwebendes Attribut mit dem Folgenden äußerst leicht verbunden. Außerdem irritiert eine weitere Eigentümlichkeit von Goethes Spätstil: seine Vorliebe für unkonventionelle Genitivbildungen: „Sternen gleich, bescheidner Beugung“, heißt es. Und schließlich folgt noch die außergewöhnliche Wortverdichtung „Mittelherzen“. All dies verwandelt sich in einen mehrschichtigen Bildfluss, dessen gleitende Logik insofern etwas mit Musik zu tun hat, als Musik sich von der Funktionslogik löst, ohne unwahr zu werden. Man kann in diesem Zusammenhang von einer Auflösung der „bepfählenden“ Sprache im Fließen der Reflexions- und Affektbahnen sprechen. Vergleichbar Mozarts Zeitverlauf, in dem melodische Gestalten ‘auseinander hervor und ineinander untergehen’ - „doch ohne thematische Kontraste, die dem Fortgang Halt gäben, Einhalt geböten“. So wie im ersten Satz des Klavierkonzerts KV 595 unter Zurücknahme des solistischen Ausstellungscharakters der reihende Fluss der Themen und Motive in Gang gehalten wird, ohne dass er durch Widerstände gestaut oder durch Kollisionen dramatisiert würde. Basierend auf Mozarts Verfahren der Phrasenüberlappung, einer schwebenden Metrik, die oft erst rückwirkend Zäsuren erkennen lässt. Mozart, Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur, KV 595 , 1. Satz, T. 242-Ende. Mit dem fließenden Duktus hängt zusammen, dass der erfüllte Augenblick bei Goethe und Mozart nicht erarbeitet wird, sondern plötzlich in kurzen ausdrucksdichten Motivgestalten erscheint. Sie haben etwas von einer Fata Morgana an sich: als Erscheinung einer verzauberten Ordnung. In Goethes West-östlichem Divan wäre dafür das Gedicht Liebliches zu nennen. Ein Gedicht, das inmitten der thüringischen Landschaft - in der Erstfassung steht noch der Name Erfurt - eine morgenländische Vision aufscheinen lässt. Was doch Buntes dort verbindet Mir den Himmel mit der Höhe? Morgennebelung verblindet Mir des Blickes scharfe Sehe. Sind es Zelte des Vesires, Die er lieben Frauen baute? Sind es Teppiche des Festes, Weil er sich der Liebsten traute? Rot und weiß, gemischt, gesprenkelt Wüßt' ich Schönres nicht zu schauen; Doch wie, Hafis, kommt dein Schiras Auf des Nordens trübe Gauen? An dieser Stelle gerät die Vision zur Fülle der Gegenwart mit dem Aussetzen des Urteils in einer Frage des Erstaunens. Die Sprache weckt nicht nur Unbekanntes im Bekannten, sie öffnet über das neue Wort auch neue Bahnen der Imagination. Bereits in der ersten Strophe: Was doch Buntes dort verbindet Mir den Himmel mit der Höhe? Morgennebelung verblindet Mir des Blickes scharfe Sehe steigern drei artifizielle Wortmodulationen - „Morgennebelung“, „verblindet“, „Sehe“ -, was schon die Eingangszeilen mit ihrem heiter angetönten und schwebenden Bild empfinden lassen: mehr die Luftigkeit einer Impression denn eine beschreibungsgenaue Aussagenlogik. Goethes Zaubervokabeln entsprechen dem Entwurf einer Sprache, die die Worte auf neue Bedeutungshöfe und Klangfarben hin ausleuchtet. Gegen das Wiederkäuen von Wortkennmarken. Zaubervokabeln wie die der Komposita „Pappelzitterzweige“, „Glanzgewimmel“ oder „Mittelherz“. So umwirbt Goethes Sprache das Wort, das im erfüllten Augenblick „tausend Verbindungen schlägt“. Vor allem in solchen Verdichtungen, vor deren Bedeutungsfülle die Deutung schier verzweifelt. Von einer Dichte wie in Goethes Wortspiel: „bogenhaft in Weile“. Dieses Wortspiel begegnet uns im Bild jener heftig wirkenden Pfeile von Liebe und Leidenschaft, die „Gehetzt in Eile, bogenhaft in Weile / In Tausendfält'gem Wollen sich vermischen“. Jede Philosophie dürfte Goethe um die Tiefenschichtung dieser Figur beneiden, deren Zauber doch in keinem Philosophem aufgeht. In ihr blitzt der Bogen Amors ebenso auf wie die trügerische Ruhe, die im Irrgarten der Leidenschaft immer schon unmerklich in bedrohlich Bewegung übergegangen ist. Eine Stelle von beispiellosem Ausdruck, die an solche Passagen Mozarts erinnert, in denen ein unerhörter Moment die Zeit staut und mit der Zeitenfolge auch den erklärenden Begriff hinter sich lässt. Etwa im E-Dur-“Terzettino“ aus Così fan tutte , einem ebenfalls hintersinnigen Tableau der Leidenschaft. Hier entrückt ein trugschlusshafter Schwebeklang auf „desir“ das Verlangen in eine Wunschlandschaft, die das Wort auf eine unendliche Reise schickt, ohne doch vorsprachlich zu sein. Indem der mehrmals wiederholte präzise Traumklang die Tonalität aufs Bodenlose hin öffnet, verrätselt er Sehnsucht und Begehren zu einer in Natur gespiegelten Meteorologie der Seele: verspannt zwischen Erfüllung und Versagung. Mozart, Così fan tutte , 1. Akt, Nr. 10 (Terzettino). Goethes subtile Wort- und Satzirritationen erinnern an Mozarts Kunst der minimalen Differenz mit maximaler kompositorischer Wirkung. An Mozarts feinnuancierte Asymmetrien der Periodik und deren Balance oder daran, wie mit einer einzigen harmonischen Rückung, mit einer einzigen Tonkonstellation unerhörte Ausdruckswechsel ausgelöst werden können. Zum Beispiel im zweiten Satz des C‑Dur-Klavierkonzerts KV 467 . Einem Satz, dessen scheinbare Leichtigkeit auf einer ungewöhnlichen metrischen, harmonischen und formalen Struktur beruht. Schon die chromatisch eingefärbte Kantilene der gedämpften Streicher über durchgängiger Triolen-Bebung und einem Pizzicato-Puls der Violoncelli und Kontrabässe öffnet ihr kantables Strömen auf einen hochdissonanten Grund hin. So scharf jedenfalls, dass Leopold Mozart diese Klänge im Ohr gehabt haben mag, als er sich die ausgefallenen Harmonien dieses Konzerts mit Kopistenfehlern zu erklären suchte. Dazu kommt eine irreguläre, überwiegend ungeradtaktige Periodik und eine Form, die ihren Bauplan verschleiert. Mag das Andante auch schemenhaft auf das Modell des Sonatenhauptsatzes hin durchlässig werden, weit mehr wird es durch das Ineinanderfließen von Improvisation und Konstruktion charakterisiert. Dass das Irreguläre stets präsent ist und doch in einem ausgewogenen Sich-Heben und -Senken gehalten wird, lässt an die ständigen Abweichungen in Goethes austarierter Sprache denken. Und noch, dass eine rhythmisiert fallende Tonleiter den Ausdruck des erfüllten Augenblicks annimmt wie in Takt 17, hängt mit dem vorangehenden Dissonanzbereich zusammen und damit, dass die Dissonanzen gleichsam nur aufblitzen. Es handelt sich hier um eine der großen Stellen Mozarts: eine Geste der Gelassenheit durch Spiritualisierung einer Formel. An diesem Satz kann man studieren, wie eine dissonant und dur-moll-verschattete Binnenstruktur den Eindruck äußerster Klarheit gewinnt. Einer Klarheit, die sich am ehesten mit dem Begriff des Heiteren umschreiben lässt: einem aufgehellten, wenngleich melancholisch grundierten Bewusstsein, von dem es in Goethes Wanderjahren heißt: „Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schön“(Wanderjahre I, S. 76). Mozart, Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur, KV 467 , 2. Satz. Goethes neue, gewagte Wort- und Satzvarianten widersetzen sich dem Schematismus der Sprache. Und welch bizarre Varianten gibt es da nicht zu entdecken. Varianten wie „Unglücksbotschaft häßlicht ihn“; „eigensinnig zackt sich Ast an Ast“; „das Schaf bewollt sich dran“; „gehörnte Herde braunt“; „auf und niedertröstend“; „hinfeuchten“. Varianten, die oft genug in Serien ohne Bindewörter oder Prädikate eingelassen sind. Serien wie denen am Ende des Zweiten Faust - „Waldung, sie schwankt heran, / Felsen, sie lasten dran, / Wurzeln, sie klammern an“, oder denen der begeisterten Sprache des Pater ecstaticus: „Ewiger Wonnebrand, / Glühendes Liebeband, / Siedender Schmerz der Brust, / Schäumende Gotteslust“; schließlich solchen von nur noch assoziativer Bindung: „Worte, die wahren, / Äther im Klaren, / Ewigen Scharen / Überall Tag!“. Wie Mozart öffnet Goethe die Sprache auf das Abgründige ihrer Konvention hin. Oder was soll man von Sätzen wie den folgenden halten? „Entsetzlich stürzt Erwachenden sich Jammer zu!“; „Wen treff ich schon, wen treff ich noch den Wachenden?“; „Glühte deine Seel Gefahren Pindar!“ Sicher geht es in Goethes Kunst der Abweichung um Nuancen und Valeurs, um Chromatisierung. Ähnlich Mozarts Vorliebe für die Chromatik als einem Ausdruck des Farbenspiels der Seele, ihrer Aufhellungen und Eintrübungen, ihrer Gezeiten. Aber es geht um mehr. Es geht um die Definitionsmacht der Sprache, die Goethes lose Wort- und Satzreihen unterlaufen. Vor allem dann, wenn sie die Urteilsfunktion durch fehlende Prädikate außer Kraft setzen. Dadurch nimmt Goethes Sprache etwas Fremdes, Mignonhaftes an, in dessen zwitterhaften Mehrdeutigkeiten eines ihrer musikhaften Momente liegt. Zweifellos spielt die schon von Zeitgenossen an Goethe hervorgehobene Lust der Verwandlung nicht nur biographisch eine Rolle. Goethes Lebensmotive der Erneuerung und Verjüngung, seine Rede vom „Wiedergeboren Werden“, vom ‘Schalen abwerfen’, vom ‘Ablegen der Schlangenhaut’ oder von der „wiederholten Pubertät“ sind gleichnishafte Charakterisierungen auch seiner Sprache. Sie gewinnt etwas unentwegt sich Häutendes, Schlangenhaftes. Goethes Schreiben - das heißt: die Gedanken am langen Zügel laufen lassen, Umwege, Labyrinthe nicht scheuen. Es ist eine Sprache, die wie in Faust II der raschen Revue der Charaktere angemessen ist. Gerade in Goethes und Mozarts Konfigurationen findet sich das Bewusstsein für das Flüssige von Ich und Charakter in Vollendung. Das Bewusstsein für einen Verstand, der sich in eine Folge von Eindrücken und Vorstellungen auflöst, die, dem Philosophen Hume zufolge, „einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und beständig in Fluss und Bewegung sind“. Was etwa in der Exposition von Mozarts letztem Klavierkonzert an Charaktere-Momenten durchmessen wird, lässt in seiner Vielfalt jeden Versuch einer klaren Affektscheidung scheitern. Die aphoristische Spannbreite reicht nicht nur vom erhabenen bis zum buffonesken Ton. Sie durchläuft zudem eine Summe komplexer Mischungen. So wie Diderot, den Goethe überaus schätzte, von den „hundert verschiedenen Gesichtern (...) im Verlauf eines Tages“ sprach. Die menschliche Seele - ein Chamäleon im Spiel der Stimmungen. Goethe und Mozart sind fasziniert von der Freiheit des Mannigfaltigen. Sie lassen im bunten Schwarm der Motive und Formen die Libertinage des Vielen zu, die die Identität liquide hält, zuweilen gar liquidiert. Deshalb ist Goethes Satz: „Dann mag der Zufall selbst als Geist der Einheit schalten“, für Mozart wie für Goethe selbst von größter Wichtigkeit. Mozart, Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur, KV 595 , 1. Satz, T. 1-80. Konstruktion gerät bei Mozart nicht zum strategischen Triumph. Und Goethe hält von dramatischer Straffungsarbeit, zumal der des Tragischen, so wenig, dass zeitgenössische Urteile immer wieder die Formlosigkeit seiner Stücke beklagen. Schließlich war Goethe selbst im Zweifel, ob er denn „eine wahre Tragödie schreiben könnte“. Worauf indes die Ökonomie des Tragischen abhebt, zeigt Schillers Kritik an Goethes Egmont . Schiller spricht dem Stück den Rang einer Tragödie ab, da es aus einer „bloßen Aneinanderstellung mehrerer einzelner Handlungen“ resultiere. Unüberhörbar ist hier der rügende Unterton gegen das reihende Prinzip. Ein Unterton, der nicht selten auch bei Kritikern Mozarts und seiner verschwenderisch losen Folge an musikalischen Gedanken begegnet. Parataxe, die bei- und nebenordnende Reihung gleichberechtigter Elemente, verträgt sich weder mit Arbeit noch mit Tragik. Sie verträgt sich nicht mit den Über- und Unterordnungsgeboten, mit der Wertung nach Haupt- und Nebensächlichkeiten, mit all den Strecken der Entwicklung und des Ergebnisses, der Spannung und Lösung, wie sie für die Hypotaxe charakteristisch sind. Weit eher schon vertragen sich parataktische Beiordnungen mit der Unabhängigkeit von Ziel- und Systemstrenge. So wie Goethes Faust II und die Wanderjahre dies nachdrücklich demonstrieren. Während die Modelle des Tragischen im Bann der Zahl Zwei stehen - Worte wie Entzwei ung, Zwie spalt, Verzwei flung lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig - muss bei Goethe und Mozart der Widerspruch zwischen Freiheit und Notwendigkeit vergessen werden. Goethes Poesie der Verschwendung zeigt sich am Kreislauf von Schuld und Sühne uninteressiert. Schon zu Beginn des Faust II lassen Natur und Vergessen den christlichen Reuebegriff schal werden. Goethe spricht seinen Helden frei, ohne ihn zu rechtfertigen. „Wer immer strebend sich bemüht,/ Den können wir erlösen.“ Schuld wird mit der ‘Erlösung’ in der Sphäre des „Ewig-Weiblichen“ jenseit von gut und böse ausgesetzt. Was das Faust -Drama vom Sujet her in Szene setzt, entspricht sprachlich aufs Engste Goethes musikalischem Denken: dem reihenden Aufbrechen des herrischen Form- und Satzregimes bis hin zur Sprengung der Gattungsgrenzen der Tragödie. Wobei das Rhapsodische der Verwandlungen über die Wort- und Satzgirlanden in jene bildhafte Großreihung des Dramas eingeht, die dem tragischen Zeitsturz zuwiderläuft. Und wenn Mozart im „Molto Allegro“ der späten G-Moll-Symphonie den dunklen Affekt in Szene setzt, handelt es sich dabei noch lange nicht um das Ethos Beethovens. Selbst wenn sich die Durchführung dieses Satzes auf den Hauptgedanken konzentriert, verweigert sie die tragische Arbeit im Bann von Zerrissenheit und Entzweiung und deren Überwindung wie in Beethovens Neunter Symphonie . Keineswegs wird das Drama der Themen und Motive als im Dienst der sittlichen Idee stehend vorgeführt. Vorgeführt werden indes die modulatorischen Stürme der Passion, in denen sich das Thema physiognomisch bricht, aufzehrt und regeneriert: im rastlosen Kontinuum der Affektbahnen, ihrem Lodern und Verlöschen. So beleuchtet die Musik einen Ausschnitt aus der „Experimentalphysik der Seele“; eine Musik, der jegliches postulatorische Über-sich-Hinausweisen Unbewusstenfremd ist. Mozart, Symphonie Nr. 40 g-Moll , KV 550, 1. Satz, T. 100-ca. 183. Goethe hält der Naturgeschichte der Seele die Treue. Dazu gehört, dass er, wie Mozarts Opern, die Decksteine der Zivilisation anhebt, um deren Unterbau freizulegen. Schon früh hatte er in die seltsamen Irrgänge geblickt, mit welchen die bürgerliche Sozietät unterminiert ist. Religion, Sitte, Gesetz, Stand, Verhältnisse, Gewohnheit, alles beherrscht nur die Oberfläche des städtischen Daseins (...); aber im Innern sieht es öfters um desto wüster aus, und ein glattes Äußere übertüncht, als ein schwacher Bewurf, manches morsche Gemäuer, das über Nacht zusammenstürzt (...). Bei diesem Gang in die Unterwelt der Zivilisation wird die Sprache, gerade auch die musikalische, zur Seelenführerin ins Unbewusste. Eine Sprache, die sich dem Stoff anschmiegt, nicht über ihn verfügt. Was die Tiefenschärfe an Mozarts Musik ausmacht, ist die Leib gewordene condition humaine. Der psychologische Unterstrom seiner Opern, ihre blitzartigen Energiekurven, die die Charaktere im Wirbel der Passionen entgrenzen und wechselseitig durchlässig halten, sind das Gegenteil einer Ökonomie des Standhaltens und jeglicher Affektschematik. Es sind die dynamisierten Leidenschaften, die die Weltpräsenz in Figaros Hochzeit verhandelt. Entgegen ihrer mechanischen Statik, die auch Goethe so unerbittlich kritisiert. Goethes Forderung nach Verflüssigung des affektiven Tableaus löst Mozarts körperhafte Sprache der Psyche ein, ihr Puls- und Herzschlag. Sie ist es, die dem Ensemble der musikalischen Rede und ihrem Reflexionsgrund erst Leben verleiht. Musik und Poesie folgen der Odyssee des Unbewussten, um noch dem letzten Rest an Formel Sprache zu verleihen. Wie Goethe die Wortkennmarken hin zum unvergleichlichen Wort durchdringt, so Mozart den Schematismus der Kadenzen, die sich im Finale des zweiten Figaro -Akts zu Knotenpunkten der Emotions- und Gedankenspuren verdichten. Zugleich lässt der Gang der Musik sämtliche Formschemata hinter sich, ohne zu zerfallen. Eine Musik, die dem Verlangen ihrer Impulse folgt und sich die harmonische wie metrische Konstruktion äußerst beweglich hält; eine Musik, ähnlich der Sprache Goethes: schlangenhaft, gleitend, schillernd, zustoßend. Gestisch, ohne im Körperhaften aufzugehen, spirituell durchdrungen, ohne sich im Idealen zu verlieren. Mozart, Le Nozze di Figaro , 2. Akt, Finale („Esci ormai …“ bis Szene 9, T. 6). Das Spiel der Vielfalt ist etwas anderes als die Idee der Totalität. Goethe wie Mozart geht es nicht um das Dilemma Läuterung oder Untergang, sondern um Übergang und Verwandlung. Insgeheim aber läuft die Gewaltlosigkeit reihender Konfiguration jenem Fluchtpunkt zu, den Goethes ungeheures Bild der dem ‘beweglichen Staub eingezeichneten’ Dichterworte umschreibt. Vergleichbar Mozarts Geste, das Finale des C-Dur-Klavierkonzerts KV 415 ohne triumphalen Schluss im Pianissimo verebben zu lassen. Einen rhapsodisch-freien Satz, dessen zentrifugale Fliehkräfte wider alles Erwarten in zwei c-Moll-Zäsuren aufbrechen. Worte, Takte, an denen sich erfahren lässt, wie Mozarts und Goethes Kunst des „losen liberalen Gangs“ das gängige Moral- und Rationalitätskorsett sprengt.Unberechenbar wie die exzentrische Bahn Euphorions. Worte, Takte aber auch, an denen sich erfahren lässt, was seither einer auf Stärke ausgerichteten Souveränität verloren ging, die sich ihre Überlegenheit durch seelenlose Beherrschung der Seelenzustände beweisen muss. Nicht mehr auf Seidenblatt Schreib ich symmetrische Reime; Nicht mehr faß ich sie In goldne Ranken; Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet Überweht sie der Wind, aber die Kraft besteht, Bis zum Mittelpunkt der Erde Dem Boden angebannt. Mozart, Klavierkonzert C-Dur KV 415 , Finale, ab T. 128.
- Johannes Bauer, Das Schöne, das Wahre und der Diskurs der Neuen Musik
Das Schöne, das Wahre und der Diskurs der Neuen Musik Helmut Lachenmann: temA für Flöte, Stimme und Violoncello. Eine Musik aus dem Jahr 1968, komponiert am »Leitfaden des Leibes«(1), am Formenkreis des Atems, auf den bereits der anagrammatische Titel des Stücks anspielt. Von ruhiger Atmung über geflüsterte Dialoge bis hin zum ›schreienden Einatmen‹ soll die Sängerin über ein Repertoire ebenso vertrauter wie ausgefallener Vokaltechniken verfügen, einschließlich der Tremolo-Arten Schnarchen und Knattern: Eine Artikulation unablässig komponierter Plötzlichkeiten, die den Seelenton der Stimme auf den Körper hin erden. Gegen die Kontroll- und Purifizierungsmacht des Zivilisationsprozesses und gegen die Normen ästhetischer Sublimierung entdeckt Lachenmann im physischen Material von Stimme und Sprache eine Sprache innerhalb der Sprache. Dem Kruden, Geräuschhaften über eine Anverwandlung der »mechanisch-physikalischen Bedingungen«(2) der Klangerzeugung Gehör zu geben, darauf kommt es an, und damit auf die Befreiung der stimmlichen Partialtriebe. Atmen, röcheln, stöhnen, schreien – nichts wird tabuisiert. Alle expressiven Qualitäten, die bislang gegen den guten Ton der etablierten Musiksphäre verstießen, werden rehabilitiert. Gegenstandslos wird die Unterscheidung zwischen Rohem und Gekochtem, deren kulturgeschichtlicher Wertung zufolge Schnarchgeräusche als animalisch gelten, ruhiges Atmen dagegen als menschlich sublimiert. Lachenmanns musikalische Archäologie des Verfemten nimmt das bislang Knechtische der unteren Produktionssphäre ernst, die der Organe, um den Ton als einen Sonderfall des Geräuschs zu enttarnen. Erfahrbar wird der Zusammenhang zwischen der Physis des Klangs und dem musikalischen Diskurs. Darin zugleich ein Stück ästhetischer Metaphysikkritik: Sinn ist von seinen materialen Trägern ebenso wenig zu trennen wie die Botschaft von ihrem Medium. Verabschiedet wird ein Ideal der Läuterung, das sich lange genug hinter austarierten Ordnungen und sauberen Töne verschanzt hatte. Klang verstanden als »Nachricht seiner Hervorbringung«(3) hebt die Hierarchie zwischen Geist und Materie auf und mit ihr das Gefälle zwischen der Idee und dem Botenstoff des Sinnlichen. – Was aber hat Lachenmanns Musik mit Schönheit, mit Wahrheit zu tun? »Der Ruf nach Schönheit heute [...] verdient mehr denn je unser Mißtrauen. Er verrät sich an seinem Geschrei nach ›Natur‹, nach Tonalität, nach dem Positiven, dem ›Konstruktiven‹, nach ›endlich wieder Verständlichkeit‹, er verrät sich an seinen treuherzigen Bruckner, Mahler- und Ravel-Zitaten. Es wird höchste Zeit, daß der Schönheitsbegriff den Spekulationen korrupter Geister entzogen und dafür in eine umfassende Theorie des ästhetischen Denkens und des Komponierens [...] einbezogen wird«. »Er muß vielmehr zum reflektierten Anspruch und zum stets an der Wirklichkeit von neuem geläuterten Leitbild der Komponisten werden, die [...] den Auftrag der Kunst weder in der Flucht vor noch im Kokettieren mit den Widersprüchen sehen, welche doch das Bewußtsein unserer Gesellschaft prägen, sondern in der Auseinandersetzung mit ihnen und in ihrer dialektischen Bewältigung.«(4) Als Lachenmann 1976 das »Problem des musikalisch Schönen heute« thematisierte, war die Richtung klar. Basiert die Tradition des Schönen zunehmend auf einem Katalog an Verschleierungen, Verboten und Vermeidungen, gewinnt zeitgenössisches Komponieren seine Wahrheit dadurch, daß es Musik gegen die Ausgrenzungsgeschichte und gegen die Verkrustungen des »ästhetischen Apparats«(5) zum sinnlichen, gesellschaftskritisch geschulten Erkenntnismedium befreit. Dabei insistiert Lachenmanns Begriff des »reflektierten Anspruchs« auf dem Aufklärungsprozeß der Musik, auf ihrer Emanzipation von kultischen, religiösen und feudal-repräsentativen Belangen. Daß sich im Zug dieser Autonomisierung das Erkenntnispotential der Musik immer weniger mit einer kontemplativ verfaßten Schönheit verträgt, läßt vor allem das Werkmodell des Organismus als Leitbild des Schönen brüchig werden: die Reflexion gesellschaftlicher Widersprüche zersetzt den Schein des Runden und Ganzen im Namen des Wahrheitsgehalts »zerrütteter« Werke, die als »Gegenstand des Denkens« gesetzt sind und »am Denken selber Anteil« haben.(6) Hat Musik etwas mit Wahrheit zu tun, steht es ihr nicht frei, sich unbekümmert zur Chronique scandaleuse des Weltlaufs und seinen Katastrophen zu verhalten. Unter solchen Oppositionsgeboten haben Schönheit und Wahrheit kaum noch etwas mit dem Kontemplationszauber vergangener Tage zu tun. Daß Schönheit in der abendländischen Tradition als splendor Dei, als Glanz Gottes, als ein Medium der Einheit, der Klarheit und des Wohlproportionierten, schließlich der Vermittlung zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, zwischen Endlichem und Unendlichem ihre Nähe zum Vollkommenen schwerlich verleugnen konnte: all das macht deutlich, wie sehr das Schöne und mit ihm das Häßliche den wahrheitsfundierten Grunddualismus von Gut und Böse beerben. Erst im Lauf der Verfallsgeschichte der Transzendenz und einer weltimmanent prosaischen Reflexion des Schönen emanzipiert sich Kunst von diesem Dualismus. Mit der Konsequenz, daß das, was nach verbreitetem Vorurteil die Szene der Neuen Musik in ein Ghetto des Unzumutbaren mit dem Stigma des Häßlichen verwandelt, in erster Linie auf eine Radikalkur der Entwöhnung zurückzuführen ist: auf eine Entwöhnung von der Ich-Ästhetik der Projektion, schließlich der des leicht Konsumierbaren. Während sich gängige Rezeptionsgewohnheiten an einer Musik mit hohen Wiedererkennungswerten und einer Dauerimmunisierung gegen das Unbekannte ausrichten, verweigert sich zeitgenössisches Komponieren den Spiegelwänden, die das musikalische Subjekt seit gut dreihundert Jahren seiner eigenen affektiven Bestätigung wegen aufgezogen hatte. Während das Häßliche etwas mit Anarchie zu tun hat, mit dem Formlosen und Vieldeutigen, mit archaischen Schrecknissen und Ängsten, mit dem also, was sich dem Integrationsbegehren der Form und der Autonomie des Subjekts zu entziehen droht, lassen sich die Kulturgeschichte der Schönheit und ihr Wahrheitsgrund als Entdämonisierung lesen. Das Schöne als Zähmung des einst Furchtbaren wird zur Befreiung vom Bann des undurchschaut Mythischen. Es ist dieser Kontext, der Nietzsche vom »biologischen Wert des Schönen« reden läßt. Das Schöne »steht [...] innerhalb der allgemeinen Kategorie der biologischen Werte des Nützlichen, Wohltätigen, Lebensteigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz von ferne an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns das Gefühl des Schönen, d. h. der Vermehrung von Machtgefühl geben [...]. Hiermit ist das Schöne [...] als bedingt erkannt; nämlich in Hinsicht auf unsre untersten Erhaltungswerte«. Das Schöne an sich »existiert so wenig als das Gute, das Wahre«.(7) Weil sich jedoch die Idee der Schönheit aufs Engste mit der Souveränität des Subjekts und dessen Repräsentanz im Formgesetz des Kunstwerks verbunden hatte, mußte das Kolonisierungsunternehmen der Künste gegenläufige Tendenzen erzeugen. Denn je mehr der Formalismus der Form dominiert, umso mehr wird Konstruktion zur leeren Herrschaft über arrangierte Stoffe und Materialien. Die durchgeformte Totalität zeigt totalitäre Züge. Aus diesem Grund hat bereits die Ästhetik des deutschen Idealismus den Formtrieb mit Verhüllungstaktiken zu mildern gesucht: Formgewalt verlangt Verschleierung. Als Vernunftindex der Schönheit hat sie zwar den Stoff zu besiegen, doch muß ‹der Künstler, wenn er seine Hand an die [gestaltlose] Masse legt, um ihr Gewalt anzutun, es vermeiden, diese Gewalt zu zeigen›.(8) Grund und Grundloses Wenn Kants Kritik der reinen Vernunft ihr »Zeitalter« als das »eigentliche« der »Kritik« bezeichnet, »der sich alles unterwerfen muß«(9), spielt sie auf jene Prozesse der Aufklärung und der Selbstreflexion an, die von nun an auch die ästhetische Wahrheit binden. Wirkungen dieser Selbstreflexion zeigen sich in der Auseinandersetzung mit dem »Satz vom Grund«, der als eines der Strukturgesetze neuzeitlicher Theorie und Praxis ein von Folgerichtigkeit, Zusammenhang und Notwendigkeit gesteuertes Sinnrepertoire der Wahrheit legitimiert: »Nichts ist ohne Grund«. Ästhetisch manifestiert sich der »Satz vom Grund« im Organismus des Kunstwerks und seiner unveränderlichen Einheit von Teil und Ganzem, schließlich in den verschatteten Konsequenz- und Kausalitätsgeboten mimetischer Logik. So arbeiten die syntaktischen, affektiv gestischen Sprachmodelle der Musik bis hin zur Wiener Schule einem Muster an Wahrheit und Schönheit zu, das am Begründungs- und Bestätigungsverlangen der Identität des Selbstbewußtseins Maß nimmt. In den gesetzten Ordnungen sich selbst wiederzufinden, wird zur Rendite eines Schönheits- und Wahrheitstypus, der in der Einheit des Subjekts verortet ist. Mag auch für Schopenhauer die Erfahrung der Kunst, zumal die der Musik, den »Satz vom Grund« aufheben, wird diese Erfahrung doch durch Werke ausgelöst, die ihrerseits die Spur des »Satzes vom Grund« hörbar machen. Erst über ihre antirhetorischen, antinarrativen, antipsychologischen Impulse treibt Musik die Auflösung des »Satzes vom Grund« ins Innere ihrer Strukturen. Sind indes Sinn und Wahrheit verschwistert, ändert sich mit einem Komponieren, das die mnemonische Souveränität des Subjekts in Frage stellt, auch die Essenz ästhetischer Wahrheit. Mit der Verweigerung narzißtischer, an der Gefühlsästhetik der Lust orientierter Spiegelungen wird in der Frühzeit der Neuen Musik eine kritische Wahrheitsdoktrin relevant, die die Aura des Schönen und ihre Sicherheit verdächtig werden läßt. Mag auch die hochgerüstete Konstruktion seriellen Komponierens nochmals eine letzte, extreme Probe auf den »Satz vom Grund« leisten, der Hörerfahrung nach löst sie jeden Begründungszusammenhang ins Grundlose auf: mit der Aufhebung des syntaktischen Sprachgestus wird Musik gegen Kausalitätsverletzungen immun. Statt dessen erzeugt sie eine Maßlosigkeit, die dem Synthesis- und Wahrheitsanspruch des Subjekts zum Abgrund wird. Mit dem Außerkraftsetzen eines an der Gedächtnis- und Gefühlsökonomie des ästhetischen Subjekts orientierten Kunstideals öffnet sich Musik jenen vielberedeten transhumanen Tendenzen, die voreilig mit Inhumanität verwechselt werden(10). Korrespondieren aber Schönheit und Wahrheit, vom Organismus des Werks her gedacht, über die Einheit des Komponierten mit der des Subjekts, muß das Zersetzen des Scheins der Einheit ästhetisches Entsetzen auslösen. Gerade die Geschichte der Neuen Musik legt davon beredtes Zeugnis ab. Zeigt also die mimetisch gedämpfte Gründungs- und Begründungsmacht des »Satzes vom Grund« musikalische Wirkung, solange Komponieren einer sprachgestischen Syntax und damit dem verbunden bleibt, was Nietzsche das Symbolische der Musik nennt, verwischt sich die Grenze zwischen Sinn und Sinnlosigkeit erst mit dem Ende der Korrespondenz zwischen der syntaktischen und syntaxähnlichen Qualität des verbalen und musikalischen Sprachcharakters. Erst jetzt kündigen Sinn und Wahrheit ihre wechselseitige Allianz auf. Das Zerbrechen der semantischen Analogien zwischen Sprache und Musik erzeugt eine fremde, weil transsubjektive Topik des Sinns, die gemessen am überkommenen syntaktischen Kanon des Sinns sinnlos erscheint. Deshalb auch versucht sich die philosophische Deutungshoheit, deren Grammatik dem Sog des identifizierenden Urteils und damit der Ontologie des Subjekts kaum entgehen kann, immer vergeblicher an Eingemeindungen zeitgenössischen Komponierens in das Traditionsrepertoire des Wahren und Schönen. Etwa wenn sie das am »metaphysischen Sinnverlust«(11) gemessene Sinndefizit Neuer Musik an das Ethos des Wahrheitsgehalts rückbinden will, sofern die »Wahrheit [...] avancierter Musik« eher darin aufgehoben sei, »durch organisierte Sinnleere den Sinn der organisierten Gesellschaft« zu dementieren, als »von sich aus positiven Sinnes mächtig« zu sein(12). Eine Rückbindungsformulierung, die die Wahrheit des Komponierten gesellschaftskritisch vorentscheidet. Solche Vorentscheidungen verweisen mit ihrer Abstraktionshypothek auf eine Entwertung des Garantiefonds des Wahren und Schönen. Neue Musik wird deshalb zugleich zu einem Aufklärungsprozeß zweiter Ordnung, indem sie das Übergreifen des Erkenntnisregimes der Sprache über die ästhetischen Phänomene bewußt macht. Befreit sich zeitgenössisches Komponieren von der Deutungshoheit der Philosophie, beendet es zugleich die Vernunfthierarchie des Logos gegenüber der sinnlichen Erkenntnis der Aisthesis. Seitdem die Vermittlungsökonomie des Werkbegriffs mit einem Komponieren kollidiert, das subjektcodierte Sinndepots auflöst, hebt sich jenes hermeneutische Gefüge aus Ästhetik, Ethik und Gesellschaftskritik per Gewaltenteilung auf, dessen Vermittlungsdichte einstmals den Wahrheitsgehalt des musikalischen Werks ausmachen sollte. Erst aufgrund dieser Gewaltenteilung als einer zwischen dem Guten, Wahren und Schönen jedoch läßt sich eine der Umwertungen Neuer Musik verstehen: die vom Ästhetischen zum Aisthetischen, vom Logos der Wahrheit zum Sensorium der Wahrnehmung. Feldman oder der »große Maßstab« Was besagt es nun, wenn neuerdings immer öfter von der Schönheit des Feldmanschen Spätwerks die Rede ist?(13) Vom Kanon der Tonalität her bedeutet »schön« die Kraft einer Organisation, die die Einzelheiten des Komponierten innerhalb der Geschlossenheit eines beziehungsreichen, in seiner Folge durchhörbaren Werks miteinander vermittelt, das wie etwas Gewachsenes erscheint; innerhalb eines Werkorganismus also, der sich im Bewahren des unmittelbar Vergangenen und im Vorgriff auf ein perzeptiv schon Erahnbares adäquat rezipieren läßt. Mit dieser Koordinationsregie entspricht das Formgedächtnis des Werks der Synthesis des Selbstbewußtseins, das »aus steten Gegensätzen eine Einheit zusammen[knüpft]«, die »zwischen Momenten, die sich gegenseitig aufheben müßten, eintritt«. Erst diese Verknüpfungsarbeit macht »Leben und Bewußtsein, und insbesondre das Bewußtsein als eine fortlaufende Zeitreihe möglich«.(14) Einem solchen Werk- und Rezeptionsverständnis kontrastiert Feldmans Musik, indem sie ein Charakteristikum des klassischen Schönheitskanons, das Format des Begrenzten und Faßbaren unterminiert. Statt dessen verflüchtigt sich in Feldmans späten Kompositionen die Wahrnehmung zu einem Nullsummenspiel »verfälschter Assoziationen«. Feldmans Musik versiegelt sich gegen die Innerlichkeitsform des Gedächtnisses, indem sie das Gedächtnis selbst thematisiert: seine Vernetzungsarbeit, seine Zeitfenster, seine Leerstellen und Ausfälle. Damit sich aber »Form« zum unberechenbaren »großen Maßstab« wandelt, muß das Gedächtnis sich selbst fremd werden. Deshalb deformiert Feldman Form als sicheres Terrain. Sein Spätwerk wird zu einer nomadischen Musik, die anders als gängig proportionierte »Musikformen« das Weiße des Gedächtnisses zirkulieren läßt. Gedächtnis reimt sich bei Feldman auf Genese: Es zehrt sich auf, indem es sich erzeugt. Darin ist Feldmans Musik für das Fassungsvermögen ähnlich überdeterminiert wie diejenige Cages, die uns als eine Entstereotypisierung der Wahrnehmung beim Vergessen helfen soll, um nicht in Standardisierungen zu versinken. Schönheit transformiert sich vom Ästhetischen zum Anästhetischen – gegen den Sog des Gewohnten und gegen den ästhetischen Schein, seit Platon das Fluidum des Schönen. Wenn das Schöne laut Kants Kritik der Urteilskraft das Gemüt in »ruhiger Kontemplation« beläßt(15); wenn bei Schiller der »Spieltrieb« als harmonische Wechselwirkung zwischen Form- und Stofftrieb »Zeit in der Zeit aufzuheben« vermag(16), dann lassen Feldmans überdimensionierte Spätwerke die sinnstiftende Einbildungskraft ins Leere laufen. Im Modulieren von Mikrovarianten verschiebt Feldman Patterns gegen die Tradition des musikalisch Sinns, indem er Musik daran hindert, syntaktisch zu gerinnen. Mit der Folge, daß die Ordnungs- und Ortungsfilter und mit ihnen die Integrationskraft des Gedächtnisses schwinden. Im Bruch mit intuitiven Zeitvorstellungen nähert sich Hören einem ungedeckten Geschehenlassen, statt das Komponierte ständig auf das Einheitsverlangen der »produktiven Einbildungskraft« zu recodieren. Indem Feldman die Theorie ästhetischer Wahrheit zur Praxis der Wahrnehmung versinnlicht, entmystifiziert er die Basis des Schönen wie Joyces Stephen Dädalus, dem es möglich scheint, »die Rechtfertigung für jede Form der Schönheit [...] zu finden«, sofern nur »der Mechanismus der ästhetischen Wahrnehmung untersucht« werde. »Das Wahrnehmungsvermögen muß in Aktion erforscht werden.«(17) Diese Aktion komponiert Feldman aus, wenn er die Differenz zwischen objektiver Zeitstruktur und subjektiver Erlebniszeit auf eine Verstörung konventioneller Rezeptionsmuster hin zuspitzt, auf die Verstörung der Zeit als der inneren Form des Selbstbewußtseins qua Identität. Indem die Selbstreferenz von Feldmans Musik auf keinen ihr vorausliegenden Sinn mehr verweist, indem sie sich von der Sinn- und Affektrhetorik des Subjekts befreit, läßt sie die Empfindungsalternative des Schönen und Häßlichen hinter sich. Feldmans Musik ist eine jenseits gängiger Polarisierungen, die dem Komponisten zufolge als Nötigungen des Entweder/Oder nicht in der Sache, sondern in der europäischen Tradition des Geistes gründen. Feldmans Kunst ist eine jenseits der Scheidung nach Wahrheit und Schein, nach Wesen und Erscheinung, nach Grund und Oberfläche. Gegen die narrative Dramatik setzt sie das Ereignis. Sie dämpft die Sinngier der Sprache – »ich versuche, nichts einen Namen zu geben«(18) – und begegnet dem philosophischen Hunger nach Auslegung mit einem Fasten der Semantik. Weniger noch greift für Feldmans Spätwerk und seine Durchdringung von ›Intimität und großem Maßstab‹(19) die für die Postmoderne unermüdlich bemühte Kategorie des Erhabenen als Ausweg aus der Polarität des Schönen und Häßlichen: eben weil seine Musik des überforderten Fassungsvermögens sich nicht auf »Ideen« der Vernunft und des Sittlichen hin transzendiert, sondern dem an sich selbst irrewerdenden ‹Spiel der Einbildungskraft› als der Idee ihrer Immanenz eingebunden bleibt. Ist diese Immanenz aber nicht gerade der Beweis für eine Schönheit ohne Transzendenz, die deshalb der Tradition nach keine Schönheit mehr ist? Gegen den Transit der Begriffe, als den sich die Geschichte der Philosophie auch verstehen läßt, verwandelt und verdichtet Neue Musik den Kanon des Wahren und Schönen zum Riß des Unverhofften. Zudem gewinnt ein Komponieren der Umwege und Verzögerungen, der leisen Töne und des Ritardandos wie dasjenige Feldmans Qualitäten des Eros, je mehr die Sinne den Verstand verlieren, je mehr sie auf die Instant-Mentalität schneller Befriedigung und Konsumeffizienz trainiert werden. Indem Neue Musik fast durchweg das »Lustprinzip« der »Wiederholung« im »Wiederfinden der Identität«(20) enttäuscht, erinnert ihre Verwandlung sinngarantierender Aha-Erlebnisse in Ereignisse des Unerwarteten an das, was Goethes Tasso unter visuellen Vorzeichen thematisiert: »Wenn ganz was Unerwartetes begegnet, / Wenn unser Blick was Ungeheures sieht, / Steht unser Geist auf eine Weile still, / Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.«(21) Ob das Ereignishafte zeitgenössischen Komponierens weiterhin den Gestus des »Un-geheuren« gegen das »Geheure«(22) und den des Entsetzens im Aufheben des »Satzes vom Grund« verfolgt, indem es vom Belagerungszustand einer durchökonomisierten Begründungs- und Berechenbarkeitsmanie entsetzt, oder ob es die Kompetenz der Sinne gegen deren Entsinnlichung im Ohr behält: Längst hat die neuere musikalische Entwicklung gezeigt, daß sie die Entscheidung zwischen einem »bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk« und einer »Entfaltung der Wahrheit«(23) hinter sich lassen kann, ohne deshalb zum belanglosen bricolage zu werden, differenzlos zu dem, was ist. Immer weniger rechtfertigt sich Musik als eine Ethik zweiter Potenz und immer mehr versteinern subjektkanonische Sinnmodelle gegenwärtigem Komponieren zur Mauer hohler Wahrheitsbegriffe. Wahrheit – Wahrscheinlichkeit – Wahrnehmung Über die Trias von Schönheit, Natürlichkeit und Wahrheit hatte das Organismusmodell – gerichtet gegen die Künstlichkeit der Kunst und die Aufdeckung der Genese der Werke – Kunst und Ästhetik metaphysisch codiert: im Zeichen des Vollkommenen. Daß allerdings »das Vollkommene [...] nicht geworden sein [soll]«, entlarvt der Genealoge Nietzsche als »mythologisches« Relikt im Namen genialischer Schöpfungs- und Werkfantasien. Um solche »Fehlschlüsse und Verwöhnungen des Intellekts aufzuzeigen«, hat die »Wissenschaft der Kunst« solcher Mythenbildung »auf das bestimmteste zu widersprechen«.(24) Und nicht nur die Wissenschaft der Kunst, sondern die Kunst, die Musik selbst. Die Logik des Komponierten, das seine Notwendigkeit aus Freiheit erzeugt, wird schon in den Ellipsen des beethovenschen Spätwerks als scheinhaft entlarvt. In den Antistrukturen des Unwiederholbaren und des Zufalls Neuer Musik schließlich geht es nicht mehr um die Gedächtnistrassen des Vergleichens, Unterscheidens, Vergessens und Erinnerns, sondern um Epiphanie, verstanden als Bruch im Begründungs- und Kausalitätsdenken. Musik entfaltet sich zu einer komplexen und ausschnitthaften Textur, die sich der Stille und dem unmerklichen Auftauchen und Verschwinden von Momenten öffnet. Gegen die Metaphysik der Wahrheit als einer der sinnstiftenden Wiederholung beschreibt die Nicht-Wiederholbarkeit aleatorischer Formen eine rätselhafte Figuration zwischen der Einmaligkeit des Ereignisses und der Serie von Differenzen. In den Streuungen des Wahrscheinlichen zergeht die exklusive Wahrheit vom inneren, die Einheit des Selbstbewußtseins organisierenden Sinn der Zeit. Der Einwand, in eben dieser Dezentrierung als einer der sozialen Tendenz liege die Wahrheit Neuer Musik, betrifft bereits einen Wahrheitsanspruch der soziologischen Metaebene. Das Schöne konnte im Dienst der Selbsterhaltung stehen, weil Künstler, Werke und Rezipienten über die Idee der Autonomie miteinander kommunizierten. Als Organismus nimmt auch das Kunstwerk Subjektqualität an. So wird das Schöne zum bejahenden Selbstgenuß, schließlich zur privatisierten Entlastung auf dem Weg ins Gelobte Land der Innerlichkeit. Als Ausgleich von Spannungen der Aura des Göttlichen nachempfunden, repräsentiert sich die Autarkie des Schönen vornehmlich in den Qualitäten der Kontemplation und des Quietivs. Kunst wird zur »milden Narkose«, zum »Linderungsmittel« inmitten eines »Lebens«, das »zu schwer für uns [ist]«, weil es »zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben« abverlangt.(25) Schon Kants Definition: »schön ist, was ohne Begriff allgemein gefällt«, zielt auf eine Physiognomie des Schönen im Zeichen formaler Zweckmäßigkeit und einer Anpassung an das subjektive Erkenntnisvermögen. Daß diese statische Verfaßtheit mit der Produktionsdynamik der Moderne kollidieren mußte, war abzusehen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts läßt die Macht industrieller wie genealogischer Produktions- und Erkenntnisprozesse transhistorische Ideale wie Wahrheit und Schönheit suspekt werden. Zudem kontrastiert dem Präsenzanspruch des Schönen – der perfekte Werkkosmos kennt keinen imperfekten Zustand, keine Leerstelle, keinen Mangel an Fülle – das nicht Darstellbare, nicht Hörbare, Unrealisierbare Neuer Musik, ihr bewußt Imperfektes also. Vorbei die »schöne organische Innerlichkeit«, in der »jede Schicht signifikant und subjektiv« war.(26) Vorbei aber auch jene Deutungen, die in der Nachfolge Adornos der Neuen Musik allzu lange ein gutes Gewissen verschaffen wollten, indem sie sie zum schlechten Gewissen der Gesellschaft erklärten. Von Daseinsapotheosen und Leidensapologien gleicherweise entfernt verabschiedet sich Musik von der rhetorischen und affektiven Subjektbühne. Wie bei Kafka schweigen während ihrer furchtlos nüchternen Odyssee die Sirenen. Die der Gefahr sowohl wie die der Verführung. Ihre Odyssee ist eine ohne metaphysische Klippen und Strudel im Kurs auf viele Ithakas. Die Spannung zwischen der Verzauberungsinstanz des Schönen und der Entzauberungsinstanz des Wahren, die die Ästhetik der Neuen Musik lange Zeit gesellschaftskritisch vorentschieden hatte, wird hinfällig. Was freilich in einer Musik, die nicht mehr auf das »Entsetzen der Geschichte«(27) oder das »perennierende Leiden«(28) im Bestehenden einzuschwören ist, als subjektferne Kälte empfunden wird, ist keine Kälte der Musik, sondern eine im Empfinden des rezipierenden Bewußtseins, das wie selbstverständlich annimmt, Musik hätte um seiner Selbstbestätigung willen da zu sein. Schönheit und Wahrheit verlieren ihren rhetorischen Habitus, sobald die Sinnmacht des Subjekts in Richtung kompositorischer Denkmodelle überschritten wird, die – ohne zynisch und menschenverachtend zu sein – um eine produktive Leere kreisen. Sie hat Foucault im Anschluß an Heideggers Humanismuskritik »le vide de l´homme disparu« genannt. »In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken.(29) Diese Leere stellt kein Manko her, sie schreibt keine auszufüllende Lücke vor. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als die Entfaltung eines Raums, in dem es schließlich möglich ist, zu denken.« Selbst wenn sich neuerdings eine Musik des Leisen sowie zahlreiche Installationen der Klangkunst wieder einem anthropomorphen Maß nähern, geht es dabei keineswegs um eine Gefühlsästhetik des Schönen. Unbekümmert um geschmackspsychologische »likes and dislikes« weist Musik eher in eine Richtung, die Adorno einmal die »opferlose Nichtidentität des Subjekts« genannt hat(30) und Heidegger die Abkehr vom verfügenden und rechnenden Monopol des »animal rationale«(31). Der Weg von der Begründungsmanie des Serialismus, seinem Kalkül im Triumph der Methode, hin zur Destruktion der Struktur und zur Gelassenheit Cages, schließlich zur bewegten Stasis Feldmans skizzieren eine Karte der Neuen Musik, in der sich Wahrheit in die Phänomene von Wahrscheinlichkeit und Wahrnehmung auflöst. »Auch das Schöne muß sterben«, heißt es in Schillers Nänie . Nur daß sich das Schöne im Untergang in Schneisen des Freien und Offenen verwandelt, die die Ordnung des Realen mit experimenteller Emphase durchqueren. Um die zu Trend und Trott verinnerlichten funktionalen Standards zu irritieren und den Eigensinn der Wahrnehmung auf eine Dissidenz des Bewußtseins hin zu sensibilisieren. Zielt Offenheit darauf, wie routinierten Sinnmustern zu entkommen sei, bedeutet die Verstörung von Sinn-Normen immer auch die von Wahrheits-Normen. Was aus dieser Verstörung wird, muß Neue Musik nicht bekümmern. Sie ist keine praktische Philosophie. Weit eher eine »Art Labor, in dem man das Leben ausprobiert«(32). Und ein Versuch, die Wahrheit des Schönen im mimetischen Vermögen der Wahrnehmung zu fundieren, so wie das schon vor gut einem halben Jahrhundert Paul Valéry umschrieben hat: »Wenn ich wählen müßte zwischen dem Schicksal eines Menschen, der weiß, wie und warum eine Sache das ist, was man ›schön‹ nennt, und dem Schicksal, zu wissen, was Wahrnehmen ist, ich glaube wohl, ich würde das zweite wählen, mit dem Hintergedanken, daß dieses Wissen [...] mir alle Geheimnisse der Kunst liefern würde.«(33) Anmerkungen 1 Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre , in: Nietzsche, Werke in drei Bänden , hg. v. Karl Schlechta, Bd. 3, München 1969, S. 475. 2 Helmut Lachenmann, Drei Werke und ein Rückblick , in: Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung , Wiesbaden 1996, S. 402. 3 Ebenda 4 Lachenmann, Zum Problem des musikalisch Schönen heute , in: Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung , S. 106. 5 Ebenda, S. 107. 6 Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik , GS 12, S. 118f. 7 Nietzsche, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre , S. 576. 8 Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen , in: Schiller, Sämtliche Werke in fünf Bänden , hg. v. Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, München 1980, Bd. 5, S. 578. 9 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft , hg. v. Raymund Schmidt, Hamburg 1956, S. 7. 10 Vgl. dazu Martin Heidegger, Brief über den »Humanismus« , in: Heidegger, Wegmarken , Frankfurt am Main 1967, S. 145ff. 11 Adorno, Ohne Leitbild , in: GS 10,1, S. 449f. 12 Adorno, Philosophie der neuen Musik , GS 12, S. 28. 13 So zum Beispiel Gisela Gronemeyer, die einen Aufsatz zu Feldmans Crippled Symmetry mit dem Titel «Momente von großer Schönheit» überschreibt [in: MusikTexte 4 (April 1984, S. 5-9)]. 14 Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre , Hamburg 1979, S. 124. 15 Kant, Kritik der Urteilskraft , Werke in zwölf Bänden , hg. v. Wilhelm Weischedel, Frankfurt/M. 1968, Bd. 10, S. 181f. 16 Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen , a. a. O., S. 612f. 17 James Joyce, Stephen der Held , übstzt. v. Klaus Reichert, Frankfurt am Main 1973, S. 225. 18 Morton Feldman, Essays , hg. v. Walter Zimmermann, Kerpen, S. 184. 19 Pie-Slicing and Small Moves. Morton Feldman in Conversation with Stuart Morgan , in: Artscribe, 11, S. 35. 20 Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips , in: Freud, Studienausgabe, hg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey, Frankfurt/M. 1969 ff., Bd. 3, S. 245. 21 Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso , Hamburger Ausgabe in vierzehn Bänden , hg. v. Erich Trunz, Bd. 5, München 1977, S. 162. 22 Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes , in: Heidegger, Holzwege , Frankfurt am Main 1980, S. 61. 23 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III , Werke in zwanzig Bänden, hg. v. Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt/M. 1970ff., Bd. 15, S. 573. 24 Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches , Kritische Studienausgabe in 15 Bänden , hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München/Berlin/New York 1980, Bd. 2, S. 141. 25 Freud, Das Unbehagen in der Kultur , Studienausgabe Bd. 9, S. 207 u. 212. 26 Gilles Deleuze / Félix Guattari, Rhizom , Berlin 1977, S. 8. 27 Adorno, Philosophie der neuen Musik , GS 12, S. 125. 28 Adorno, Negative Dialektik, in: GS 6, S. 355. 29 Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge , Frankfurt am Main 1971, S. 412. 30 Adorno, Negative Dialektik , in: GS 6, S. 277. 31 Heidegger, Brief über den »Humanismus« , a. a. O., S. 164ff. 32 John Cage, Silence , übstzt. v. Ernst Jandl, Frankfurt am Main 1987, S. 54. 33 Paul Valéry, Discours sur l'Esthétique , gehalten auf dem 2. Internationalen Kongreß für Ästhetik und Kunstwissenschaft 1937, in: Valéry, Œuvres, Bd. 1, Paris 1957, S. 1296. Johannes Bauer Jenseits der Normen?